Sexspielzeug-Unternehmerin   So selbstverständlich wie bei Zalando Schuhe ordern

Hat sie denn einen Auftrag? Sie wolle Sexartikel in den Mainstream holen, sagt Lea-Sophie Cramer, die Körperlichkeit feiern. Wobei man sich schon fragt, welche Körperlichkeit eigentlich? Wenig hier erinnert an Sex. Nicht die Artikel, die Cramer verkauft, nicht die Website mit ihren technisch-neutralen Beschreibungen von Vibratoren, Masturbatoren, Pulsatoren, Penispumpen. Selbst der Name des Portals hat etwas fast zwanghaft Niedliches: Amorelie. Das Ganze hat auch nichts mit der sogenannten "sexpositiven Bewegung" zu tun, die weibliche Selbstbestimmung zum Ziel hat und in feministischen Kreisen gerade sehr angesagt ist. Oder mit der Bestrebung von Filmemachern, eine andere Art der Pornografie zu etablieren, nämlich eine weibliche Perspektive auf den Sexualakt. Die aber durchaus explizit ist und nicht immer besonders klassisch und clean, Lars von Tier hat das in seinem Film "Nymphomaniac" gerade versucht.

Nein, Cramers Konzept basiert einfach darauf, dass man Sexartikel im Netz findet, sie bestellt und auch wieder zurückschicken kann, wenn sie einem nicht gefallen. So selbstverständlich, wie man bei Zalando Schuhe ordert - und in gewisser Weise auch so banal. Aber vielleicht ist genau das ja eine Art von Mission. Dass Sexualität eine Form von Lifestyle ist, den man mit formschönen Accessoires ausstatten kann, so wie andere Lebensbereiche mit iPhones oder Eames-Chairs. Was ja immerhin bedeuten würde, dass (weibliche) Sexualität in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Und sei es nur, dass sich eine Frau mit Apfel oder Schwan in der Handtasche nicht komisch anstarren lassen muss, wenn sie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen durchsucht wird.

Beate Uhse musste noch wegen Verstößen gegen den Unzuchtsparagrafen vor Gericht erscheinen. Der Satz, mit dem sie ihr Geschäft mit Sexartikeln rechtfertigte, wurde legendär: "Hier steht der Orgasmus vor Gericht!" Heute können Lea-Sophie Cramer und ihre Mitarbeiter den Vibrator tanzen.

Letztendlich egal, ob man sein Geld mit Versicherungen oder mit Vibratoren verdient

Cramer greift nach ihrem iPhone. Entscheidungen stehen an, Meetings. Zwei größere Investoren habe sie, sagt sie, innerhalb von fünf Jahren sieht man bei den meisten Start-ups, ob sich das Modell langfristig etabliert. Ihre Ideen bekommt sie auf den klassischen Erotikmessen, in Los Angeles oder auf der Venus in Berlin, aber auch von Trendscouts, die neue Produkte aufspüren. Vibratoren, die man über Apps steuert, oder welche, die in den Duschkopf integriert sind. Partnergeräte, die über Wlan miteinander kommunizieren. Das könnte laufen, sagt Cramer, in einer globalisierten Welt, die auch die ihre ist, in der Paare so selten in derselben Stadt arbeiten.

Sie selbst hat sich als junge Unternehmerin viel anhören müssen. Von Kollegen der männerdominierten Gründerszene, in der gern und viel gesoffen wird. Da gibt es schnell mal anzügliche Sprüche, und irgendeiner der Männer sage dann immer: Na, Lea, was hast du denn für Sexspielzeug zu Hause? Sehr oft werde sie gefragt: Was kannst du danach eigentlich noch machen? Auch habe am Anfang niemand ihre Facebook-Seite liken wollen, weil alle Angst hatten, mit einem Sexshop in Verbindung gebracht zu werden. Inzwischen würden ihre Freunde sie jedoch fragen, ob sie Rabattgutscheine haben können, sagt Cramer. Sie tritt bei Führungskräftetreffen auf, spricht vor Gründerinnen, in ihrer Funktion als Unternehmerin in der Start-up-Branche. In der es letztendlich egal ist, ob man sein Geld mit Versicherungen oder mit Vibratoren verdient.

Und wie ist es eigentlich, sich jeden Bürotag, fünf Tage die Woche, mit Liebeskugeln, Vibratoren, Dildos, Analketten oder Penismanschetten zu beschäftigen? Na ja, schon auch komisch, sagt Lea-Sophie Cramer. Irgendwann werde alles zweideutig. Wenn in einem Meeting davon die Rede ist, "ein neues Produkt einzuführen", dann müssten sie doch immer alle kichern. Sex ist eben Sex, auch wenn er sich hinter Äpfeln, Schwänen und Design verbirgt.