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Sexspielzeug-Unternehmerin  :"Clean" ist ein Wort, das oft fällt bei der Erotik-Unternehmerin

Zum Sex kam sie wie zu den Rabattgutscheinen, zufällig. Sie fuhr ICE, und alle Frauen im Zug lasen "Fifty Shades of Grey", den Roman über die junge Frau und den Sadomaso-Liebhaber mit all seinen Designer-Vibratoren, Bondage-Sets, Liebeskugeln. Cramer sagt, sie habe beim Lesen eine "starke Distanz zu Schmerz und Fetisch" verspürt, aber "die Produkte in dem Buch fand ich spannend". Aus ihrer Zeit bei Groupon wusste sie, wie gut sich Sexartikel verkaufen. Und dass die wenigsten Leute Lust haben, dafür in einen herkömmlichen Sexshop zu gehen.

Bahnhof Zoologischer Garten, von Kreuzberg aus das andere Ende der Stadt. Durchzugsverkehr, Unterführungen, Imbissbuden. Dort, wo der Zoo am schmuddeligsten ist, befindet sich der Beate-Uhse-Sexshop. Der Klassiker der Branche. Hier ist die Welt des Sex noch so, wie man sie kennt. Bahnhof, Videokabinen, rote Lichter, Männer. "70 Prozent Rabatt" steht über den Schaufensterpuppen mit den roten Strapsen. Ein paar Touristen drücken sich um das Beate-Uhse-Sexmuseum mit der roten Schrift herum, ansonsten ist hier nicht viel los. Die Umsätze werden längst woanders gemacht. Mit hochwertigen Sextoys, die man auch schon mal per USB-Anschluss am Laptop aufladen kann. Vor einigen Jahren hat sogar der Elektronikkonzern Philips versucht, mit Erotik-Massagegeräten ins Geschäft einzusteigen, das Potenzial für Westeuropa wurde damals mit 280 Millionen Euro Umsatz beziffert. Vor allem bei den Frauen, die stellen inzwischen die wichtigste Zielgruppe dar.

Sexualität ist eine Form von Lifestyle, den man mit Accessoires ausstatten kann

Beate Uhse ist trotzdem ein gutes Stichwort. Cramer hat ihr Buch gelesen, sie weiß, dass Uhse in Preußen aufgewachsen ist, Pilotin war und Kondome und Sexbücher zur "Ehehygiene" verkaufte. Beate Uhse imponiere ihr, sagt Cramer. Als Geschäftsfrau. Und dass sie sich dafür stark gemacht habe, "Sexualität und Leidenschaft als etwas Positives zu bewerten". Aber die Firma finde sie grenzwertig, die Kabinen, die extremen Pornos, den Schmuddel. Sie selbst wolle Dinge verkaufen, denen man ihren Zweck nicht sofort ansieht, die "klassisch sind, clean". "Clean" ist ein Wort, das oft fällt im Gespräch mit der jungen Erotik-Unternehmerin.

Bevor Cramer mit ihrem Sexshop online ging, schlief sie noch drei Wochen darüber, sie wollte erst ihre Familie auf ihre Geschäftsidee vorbereiten. Ihre 90-jährige Oma war nicht gerade begeistert, sie sagte, sie hätte es lieber, wenn die Enkelin etwas mit Haustieren machen würde. Die Eltern allerdings reagierten unerwartet. Der Vater, der eine Zeit lang Vorstandssprecher bei Vattenfall war, sagte, sie solle ihren Weg gehen. Die Mutter, die lange ein Kinderheim in Berlin geleitet hatte, wollte wissen, was ihre Tochter mit Sextoys für Frauen eigentlich bezwecke. Die Mutter war lange in der Frauenbewegung aktiv gewesen und fand, dass man neben einem Businessplan auch einen gesellschaftlichen Auftrag haben müsse.