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Sexspielzeug-Unternehmerin  :Lust auf Gewinn

Sie will nach eigener Aussage Dinge verkaufen, denen man ihren Zweck nicht sofort ansieht: Lea-Sophie Cramer, 26, ist Erotik-Unternehmerin und verkauft unter anderem Vibratoren.

(Foto: Christoph Neumann)

Erotikspielzeug war mal eine anrüchige Branche. Doch die Zeiten von Sexshops, in denen es seltsame fleischfarbene Utensilien zu kaufen gibt, sind lange vorbei. Lea-Sophie Cramer vermarktet Vibratoren als Designobjekte - und macht ein cooles Business daraus.

Lea-Sophie Cramer hält einen Apfel in der Hand. Der Apfel ist rot, er glänzt und hat einen kleinen grünen Stiel. Cramer sagt, dass man sich den Apfel zwischen die Beine legt, und dann kann man im Menü wählen zwischen mehreren Stufen der Stimulation. Der rote Apfel ist ein Vibrator. Eine junge Frau mit einem Apfel, der in Wirklichkeit ein Vibrator ist, das ist ja schon mal ein einprägsames Bild. Allein die Symbolik. Frau, Apfel, Sex. Vor allem aber ist das offenbar ein guter Businessplan. Jungen Frauen Vibratoren zu verkaufen, die nicht wie Vibratoren aussehen. Und genau das macht Lea-Sophie Cramer. Mit eigener Firma und bald 40 Mitarbeitern.

Cramer, 26, Erotik-Unternehmerin, hat nicht viel Zeit. Die Wirtschaftspresse zählt sie zu den Köpfen, auf die man in diesem Jahr achten sollte, und vier Mal im Jahr muss Cramer in die Oberpfalz, zum Elektronikhändler Conrad. Der hat Cramer im Januar in den Verwaltungsrat geholt. Jetzt empfängt einen Cramer in ihrer Firma in Berlin-Kreuzberg. Ein Haus mit vielen Höfen am Paul-Lincke-Ufer, eine der entspanntesten Ecken der Hauptstadt. Der Landwehrkanal fließt träge vorbei, das Kottbusser Tor mit seiner Mischung aus türkischen Läden, Hipstern und Sozialbauten ist um die Ecke. Doch diese Gegend ist ziemlich geschäftig, auch wenn man ihr das ebenso wenig ansieht wie dem Apfel den Vibrator. An den Toreinfahrten stehen Namen wie "liquid" "Celluloid", "sum up", "Red Bull Berlin" oder eben "Sonoma Internet GmbH", das ist Cramers Firma. In diesen verschlafenen Hinterhöfen hat sich Berlins Start-up-Szene ausgebreitet.

60 Prozent der Leute, die in ihrem Online-Sexshop einkaufen, sind Frauen ab Ende 20

Oben, in einer weitläufigen Etage, dann viele Macs, dunkle Dielen, weiße Sofas. Es ist Freitagvormittag, Cramer und ihr Team versammeln sich zum Meeting. Aber was heißt Meeting. Alle stehen im Kreis. Die Männer tragen Bart, die Frauen Dutt, alle sind sehr jung. Cramers Geschäftspartner sagt, dass man "gut performe", und "die Märkte Österreich und Schweiz pushen" werde. Dann dreht jemand laute Musik auf. Eine junge Frau in Nike-Turnschuhen beginnt sich zu bewegen wie eine Fitnesstrainerin beim Work-out, alle anderen machen die Bewegungen nach. Der Teamtanz, zur Einstimmung auf die Arbeit. Dabei wird immer ein Vibrator getanzt, jedes Mal ein anderer. Die junge Frau lässt die Schultern kreisen und wedelt mit den Händen. Das soll den pinken mit den beiden kaktusartigen Armen dran darstellen. "Swan Feather" heißt er, Schwanenfeder.

Cramer klatscht, die Mitarbeiter wuseln an ihre Macs. Cramer deutet auf ein weißes Regal, in dem das Sortiment steht, das sie seit Anfang 2013 über einen Online-Sexshop vertreibt. Fesseln, Handschellen, Liebeskugeln, Analketten, Federn, Öle, Minipeitschen. Vibratoren, die aussehen wie Quietscheentchen und Cupcakes oder aber wie iPhone-Zubehör und auch so heißen. "Form 6", "Ina 2" oder "Uma". Oder der "Sense Motion Tiani" in Pink, der 2012 den renommierten Red Dot Award für Design bekommen hat. Die Zeiten, in denen die Leute seltsame fleischfarbene Utensilien für ihr Sexualleben in der Nachttischschublade verräumten, sind eben lange vorbei. Sexartikel sind nicht nur salonfähig, sie sind inzwischen auch Designobjekte, an denen sich Gestalter beweisen müssen.

Cramer stellt den Apfel zurück ins Regal und nimmt die anderen Gegenstände heraus. Umschließt sie entweder mit der Hand oder steckt einen Finger hinein, um zu demonstrieren, was man als Frau damit macht und was als Mann. 60 Prozent der Leute, die in ihrem Online-Sexshop einkaufen, sind Frauen ab Ende 20. Die jüngeren müssten ihre Sexualität erst finden, sagt Cramer. Und sie haben wohl auch nicht das Geld für Design-Vibratoren, die mindestens 60 Euro kosten, aber auch mal so viel wie ein Smartphone. Cramer klingt geschäftig, man hat den Eindruck, dass sie genauso reden würde, wenn sie mit Rohstoffen oder Aktienportfolios handeln würde.

Mit 23 hatte sie "Vice President International" auf ihrer Karte stehen

Lea-Sophie Cramer, die mit ihren Chinos, der weiten Seidenbluse und den rosa lackierten Fingernägeln aussieht wie ihre jungen Mitarbeiterinnen, kommt aus der Wirtschaft. Sie hat in Mannheim und Nagoya BWL studiert, danach ging sie in die Unternehmensberatung, jeden Montagmorgen in den Flieger, Freitagabend zurück nach Hause. Eines Tages fragten sie die Leute des amerikanischen Gutschein-Portals Groupon, ob sie das Asien-Geschäft für sie aufbauen wolle. Cramer sagt, die Welt, die man ihr aufzeigte, habe sie gereizt. Das Wachstum, die Wechsel, heute Japan, morgen Korea, alle drei Jahre etwas Neues. Zusammen mit anderen jungen Leuten und irgendeiner Idee. Und wenn man selbst keine Idee hat, kauft man eine zu, "high risk, high return, wenn's klappt super, ansonsten ist man wieder draußen".

Mit 23 hatte sie "Vice President International" auf ihrer Karte stehen, sie saß für Groupon in Tokio und war zuständig für elf Länder und 1200 Mitarbeiter, "ich bin einfach losgeflogen, ohne Briefing und Analyse, einfach rein in den Markt". Cramer redet schnell, fast atemlos, ihr Blick wandert durch die Hinterhofetage. Als habe sie Angst, dass sich die Welt draußen ohne sie weiterdreht. Dann kam Fukushima, Cramer ging zurück nach Berlin, versuchte, in der Start-up-Szene Fuß zu fassen.