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Serie "Syrischer Alltag":"Syrer machen nicht so gerne Aktivurlaub wie Deutsche"

Selime aus Al-Hasaka im Norden Syriens erzählt vom Urlaub in Aleppo und im Irak, von Familienausflügen und der Sehnsucht nach dem Meer.

Protokoll: Nadja Schlüter

Selime, 18, kommt aus Al-Hasaka im Nordosten Syriens. Vor knapp drei Jahren ist ihre Familie in die Türkei geflohen, seit acht Monaten lebt sie mit ihrer Mutter, ihren beiden Brüdern und ihrer Schwester in München. Der Vater wartet in der Türkei darauf, dass er nachkommen kann. Selime hat in Syrien Abitur gemacht und wollte ein Studium beginnen, doch das war wegen des Bürgerkriegs nicht mehr möglich. Sobald es geht, möchte sie in Deutschland Pharmazie studieren und Apothekerin werden. In einem Eiscafé in den Riem Arcarden erzählt sie von Ferien und Feiertagen in Syrien.

Das Leben in Syrien vor dem Krieg war sehr, sehr schön! Wir hatten im Frühling immer drei Wochen Ferien und im Sommer drei Monate. Da haben wir natürlich auch Urlaub gemacht. Ins Ausland sind wir nicht so oft gefahren, weil es zu teuer war. Wir waren mal in der Türkei und mit meinem Vater bin ich nach Dohuk gereist, das ist in Kurdistan im Irak. Man konnte auch in andere Nachbarländer reisen, nach Libanon zum Beispiel. Weiter weg zu reisen war dagegen schwierig, auch wegen des Visums. Mein Vater hat einmal meine Tante und meinen Onkel in Großbritannien besucht, die dort seit zwanzig Jahren leben.

Meistens sind wir innerhalb Syriens verreist, das war nicht so teuer und Syrien ist ein tolles und vielfältiges Land. Ich bin mit meiner Familie, also mit meinen Eltern, meinen beiden Brüdern und meiner kleinen Schwester, in den Sommerferien oft nach Aleppo oder Damaskus gefahren. Tolle Städte, in denen auch immer viele Touristen aus dem Ausland waren, zum Beispiel Engländer, Türken, Kurden oder Deutsche. In Damaskus haben Besucher vor allem die Umayyaden-Moschee besucht oder den großen Markt, den Suq al-Hamidiya. Das geht jetzt alles nicht mehr.

Andere Reiseziele in Syrien sind zum Beispiel Latakia oder Tartus am Mittelmeer. Meine Eltern waren mal da, ich leider nie. Wenn ich das nächste Mal nach Syrien reisen und meine Freunde sehen kann, dann würde ich gerne dorthin! Die meisten Syrer machen Urlaub mit der Familie, es kommt aber auch vor, dass junge Leute mit Freunden wegfahren. Ich habe mit einer Freundin mal einen kurzen Urlaub gemacht, wir waren für zwei Tage zusammen in Qamischli, das ist eine Stadt in der Nähe meines Heimatortes Al-Hasaka.

Syrer machen nicht so gerne Aktivurlaub wie Deutsche, sie gehen also nicht so viel Wandern oder Fahrradfahren. Wir fahren lieber mit dem Auto weg und ruhen uns dann aus. In den Städten wie Damaskus hat man Sightseeing gemacht, Museen, Kirchen und Moscheen angeschaut. Dorthin konnte man auch mit dem Reisebus fahren, wenn man kein eigenes Auto hatte. In kleinere Städte sind Minibusse gefahren und als Familie konnte man auch einfach ein Taxi nehmen.

Wochenenden mit Picknick, Feiertage mit Süßigkeiten

Am Wochenende, also in Syrien Freitag und Samstag, haben viele Familien Ausflüge gemacht, zum Beispiel ins Museum - aber die meisten haben Picknicks veranstaltet. Meine Familie auch, im Sommer eigentlich jeden Freitag. Wir sind mit der ganzen Familie in den Park gegangen, mit einer Decke und Essen, es wurde gegrillt, Musik gemacht und getanzt. Im Winter war es dafür zu kalt und regnerisch, manchmal gab es auch Schnee. Dann haben wir meistens meine Großeltern besucht oder sind ins Restaurant gegangen. Mit der Schule haben wir auch regelmäßig Ausflüge gemacht. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Picknick in einem großen Garten, mit Grillen und Essen und Trinken. Schon auf der Fahrt dorthin gab es Musik und wir haben im Bus getanzt, das war sehr schön.

Außer in den Ferien hatten wir noch an muslimischen und christlichen Feiertagen schulfrei. Eine Freundin von mir ist Christin, einmal habe ich mit ihr zusammen Weihnachten gefeiert. Die beiden großen muslimischen Feste sind Al-Adha, das Opferfest, und Al-Fitr, das Zuckerfest am Ende des Ramadan. Das Zuckerfest dauert drei Tage. Wir haben immer zu Hause gefeiert, Familie, Nachbarn und Freunde waren zu Besuch, außerdem kamen Kinder an die Tür und wir haben ihnen Geld und Süßigkeiten gegeben. Beim Opferfest, das vier Tage dauert, war es ähnlich. Am 21. März gibt es außerdem ein kurdisches Fest, Newroz. Wir sind immer in einen großen Park gegangen, mit vielen anderen Menschen. Es wurde ein großes Feuer gemacht, alle haben kurdische Trachten getragen, jemand hat die Tambura gespielt. Auch arabische Muslime und Christen haben mitgefeiert.

Ich habe gehört, dass in München auch Newroz gefeiert wird, in einem großen Park, ich weiß aber noch nicht genau, wo. Ich kenne auch noch nicht so viele Menschen hier und habe noch keine Freunde. Als ich vergangenes Jahr im Sommer angekommen bin, im Juni, war ich die ganze Zeit damit beschäftigt, meine Papiere zu bekommen und zur Schule zu gehen. Aber im kommenden Sommer möchte ich mehr draußen sein und an den See fahren und schwimmen!

Serie "Syrischer Alltag"

Fünf Jahre Krieg in Syrien. Fünf Jahre Fassbomben, Tod und Zerstörung - und Millionen Flüchtlinge, die in den Nachbarländern und darüber hinaus Schutz suchen. Das Land, das Syrien einmal gewesen ist, gerät bei all dem Leid leicht in Vergessenheit. Wie war das Leben dort? Wer sind die Menschen, die aus Damaskus, Homs, Latakia kommen und in Deutschland mittlerweile die größte Flüchtlingsgruppe stellen? Wie haben sie gelernt, gefeiert und geliebt? Wie haben sie sich gekleidet und wohin sind sie verreist?

Für die Serie "Syrischer Alltag" haben acht Flüchtlinge mit uns über ihre Heimat gesprochen. Über das Leben vor dem Krieg, das in einer Diktatur stattfand und schon deshalb nicht immer sorgenfrei war. Dennoch: Die Protokolle sind Erinnerungen an eine glücklichere Zeit. Und sie zeigen, dass das Wort "Flüchtling" nur den Bruchteil einer Biografie beschreiben kann.

© Sz.de/feko/holz

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