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Serie "Syrischer Alltag":"Manchmal ist das Brautkleid wichtiger als der Bräutigam"

Der Damaszener Modedesigner Nizar Jafar über den Alltagslook syrischer Stadtbewohner, die Bedeutung teurer Stoffe und opulente Hochzeitskleider.

Nizar Jafar ist 31 Jahre alt und kommt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Der Modedesigner hatte dort ein kleines Atelier, das er nun sehr vermisst. Zum Treffen in einer Berliner Kneipe in der Nähe des Tempelhofer Feldes hat er drei Damaszener-Rosen mitgebracht - aus Freude darüber, dass er über seinen Beruf sprechen darf und nicht nur über seine Flucht.

"Ich liebe Kleider seit ich denken kann und wollte schon immer Modedesigner werden. Das liegt wahrscheinlich an meiner Mutter. Sie war eine sehr elegante Frau als sie jung war. Ich erinnere mich zum Beispiel an spitze, schwarze Stöckelschuhe, die ich sehr mochte. Die hat sie natürlich längst weggeschmissen, aber mir gingen sie so im Kopf herum, dass ich sie aus dem Gedächtnis noch einmal designt habe.

Ich habe in Damaskus an der International University of Fashion studiert, war aber auch viel in Paris und Dubai unterwegs. Mir gefällt es, wenn sich in der Mode orientalische und westliche Einflüsse treffen. Ich bewundere westliche Designer wie Alexander McQueen, Ralph Rucci und Karl Lagerfeld - er war auch der Grund, warum ich nach Deutschland wollte. Ich finde ihn sehr kreativ, er hat für so viele unterschiedliche Häuser gearbeitet.

Die traditionelle syrische Mode ist stark von orientalischen Einflüssen geprägt. Jede Region in Syrien hat ihre eigene Tracht. In Damaskus zum Beispiel sind es Kleider aus Brokat und Seide mit goldenen Accessoires. Im Alltag ist die Mode in Damaskus aber sehr ähnlich zu der in Berlin. Hier wie dort tragen junge Leute hauptsächlich Jeans und T-Shirt, kaufen bei Zara oder Mango. Es gibt aber auch sehr elegante, gut gekleidete Menschen.

Nizar Jafar

Nizar Jafar bei der Arbeit.

(Foto: privat)

Ein Unterschied ist, dass in Syrien viele Designer gleichzeitig Schneider sind. Sie haben ein eigenes Atelier, in dem sie Kleider auf Bestellung anfertigen. Das gibt es hier in Berlin glaube ich nicht so häufig. Ich hatte in Damaskus auch ein Studio gemietet, habe vor allem Abendkleider und Hochzeitskleider designt, also teure, exklusive Mode. Ein Hochzeitskleid zu schneidern kann bei mir schon einmal sechs Monate dauern. Mein Markenzeichen sind Blumen, die findet man in fast allen meinen Kreationen.

In Syrien sind Hochzeiten sehr pompös, viel pompöser als hier. Ich habe immer gesagt: "Für manche Braut ist das Brautkleid wichtiger als der Bräutigam." Nicht nur die Kleider sind bei Hochzeiten auffällig. Manche Bräute lassen sich in Syrien die Haare zu wahren Türmen stylen. Ich finde das nicht so schön und mag eher schlichte Frisuren.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist das Verhältnis, das ältere Syrer zu Mode haben. Für sie ist es gar nicht so wichtig, ob etwas gut aussieht. Sondern ob das Material teuer ist. Für mich als Designer war das manchmal frustrierend. Wenn ich zum Beispiel ein Kleid aus Chiffon machen wollte, konnte es passieren, dass die Kundin sagte: "Nehmen Sie mal lieber Spitze." Auch wenn das gar nicht passte. Junge Syrer sind viel offener, da macht die Arbeit gleich mehr Spaß.

Was sich durch den Krieg verändert hat

Natürlich hatte der Krieg Auswirkungen auf die Modebranche. Zwischen 2011 und 2013 waren alle in so einem Schockzustand, dass sie nur Kleider gekauft haben, die sie gerade unbedingt brauchten - zum Beispiel Hochzeitskleider. Inzwischen können sich nur noch die Mittel- und die Oberschicht überhaupt leisten, etwas zu kaufen. Der Kurs des syrischen Pfunds ist eingebrochen, daher sind selbst einfache Jeans und T-Shirts von internationalen Marken sehr teuer. Es sind im Krieg auch einige Läden beschädigt worden. Einige haben gleich ganz geschlossen.

Ich habe mein Atelier schließlich aufgegeben, um nach Deutschland zu kommen. Das letzte Kleid, das ich designt habe, war ein Hochzeitskleid mit einem Tüllrock für eine Frau aus meiner Straße. Kurz bevor ich abgereist bin, habe ich noch ein Foto gemacht, wie es in meinem leeren Atelier hängt. Ich fühle mich, als hätte ich ein Stück von mir dort zurückgelassen. Das macht mich sehr traurig. Die Hochzeit der Frau habe ich gar nicht mehr erlebt, da war ich schon auf dem Weg nach Deutschland.

Nizar Jafars Entwürfe. In der Mitte: Das letzte Kleid, das der Designer in seinem Damaszener Atelier angefertigt hat.

(Foto: Nizar Jafar)

Auf der anderen Seite wusste ich, dass ich in Syrien als Designer ohnehin keine Zukunft haben würde, solange Krieg ist. Deswegen wollte ich unbedingt nach Berlin kommen. Bisher hatte ich leider noch keine Zeit, mich mit der Modeszene hier zu beschäftigen. Ich hatte genug mit meinen Papieren zu tun und damit, hier anzukommen. Aber sobald ich mich eingerichtet habe, gibt es sicher viel zu entdecken.

Serie "Syrischer Alltag"

Fünf Jahre Krieg in Syrien. Fünf Jahre Fassbomben, Tod und Zerstörung - und Millionen Flüchtlinge, die in den Nachbarländern und darüber hinaus Schutz suchen. Das Land, das Syrien einmal gewesen ist, gerät bei all dem Leid leicht in Vergessenheit. Wie war das Leben dort? Wer sind die Menschen, die aus Damaskus, Homs, Latakia kommen und in Deutschland mittlerweile die größte Flüchtlingsgruppe stellen? Wie haben sie gelernt, gefeiert und geliebt? Wie haben sie sich gekleidet und wohin sind sie verreist?

Für die Serie "Syrischer Alltag" haben acht Flüchtlinge mit uns über ihre Heimat gesprochen. Über das Leben vor dem Krieg, das in einer Diktatur stattfand und schon deshalb nicht immer sorgenfrei war. Dennoch: Die Protokolle sind Erinnerungen an eine glücklichere Zeit. Und sie zeigen, dass das Wort "Flüchtling" nur den Bruchteil einer Biografie beschreiben kann.

© Süddeutsche.de/feko/holz
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