Serie: Körperbilder (4):Schönheitsfehler im System

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Christoph Helms lächelt angesichts dieser Zahlen höflich - wenn auch etwas gequält, wobei er eine perfekte Zahnreihe freilegt. "Natürlich macht keiner Karriere, weil er ein neues Kinn hat", sagt er dann. Im Beraterjob komme es nicht auf Schönheit an, wohl aber auf Wirkung, auf eine Mischung aus Aussehen, Auftreten und sozialer Kompetenz. "Weil der Kunde persönlich auf Sie reflektieren muss", sagt er in einem etwas eigenen Jargon. "Selbstverständlich" hat Helms sich nicht für irgendeinen Kunden das Kinn machen lassen. Jedenfalls nicht direkt. "Ich habe es für mich getan - um meinem Gegenüber den Anblick zu ersparen."

Paradox findet der Berater das nicht. Er würde den Eingriff nie als Schönheitsoperation bezeichnen. Es sei darum gegangen, einen Makel zu eliminieren. Das Doppelkinn, sagt Helms, sei "genetisch" gewesen, "schrecklich auf Fotos". Es störte den Gesamteindruck. Wie ein Fehler im System eines Unternehmens, das man sanieren soll. Man findet und beseitigt ihn. Gründlich und rechtzeitig, "wenn Sie bis 40 warten, ist es zu spät, da hängt ja schon alles", sagt Helms. Seine Freundin fand: "Wenn es dich stört, lass es machen."

Botox? "Niemals! Das ist doch gar nicht nachhaltig."

Das Unternehmen Helms war schon immer auf Perfektion angelegt: Doppelstudium, Ausland, Bestnoten. Mit 25 Berater, mit 32 Partner. Und sein neues Kinn rundet das Bild nun ab. Es passt zu seiner geraden Nase, zur feinen Haut auf der hohen Stirn, den sorgfältig gescheitelten Haaren oder zu Helms' schönen Fingern, deren Nägeln man nicht ansieht, ob sie manikürt oder nur sehr gepflegt sind. Er sei nicht eitel, sondern kalkuliert, behauptet Helms. Auf keinen Fall würde er weitere Eingriffe bei sich zulassen. Botox? "Niemals! Das ist doch gar nicht nachhaltig."

Im Gegensatz zu den risikofreudigeren Frauen belassen es männliche Patienten meist bei einem Eingriff. Noch. Denn ihre Zahl nimmt stetig zu. Manche US-Umfragen behaupten, dass der Anteil der Männer bereits bei mehr als 30 Prozent liegt. Bei der Vereinigung der deutschen ästhetisch-plastischen Chirurgen (VDÄPC) hält man das für übertrieben, mit solchen Zahlen solle die Akzeptanz gesteigert werden. In Deutschland betrage der Anteil männlicher Patienten schätzungsweise gut 15 Prozent. Tendenz? Steigend!

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