Serie: Körperbilder (18):Denn das ist dein Leib

Topmodels? Superstars? Amokläufer? Nicht in der Welt von Maria und Josef. Zu Besuch bei einem alten Bauernehepaar in Niederbayern.

Martin Zips

Es ist schon ein Kreuz mit der Leiblichkeit. Und früher war's noch schlimmer. Wenn auf der Wiese die Hengste die Stuten nahmen oder die Ochsen die Kühe besamten, da wurden Josef und die anderen Kinder immer nur ins Haus geschickt. Weil sie das nicht sehen durften. Das hätten sie ja sonst dem Pfarrer beichten müssen. Und vorm Pfarrer hatten sie alle Angst. Die Ohrfeigen vom Pfarrer waren nämlich die schlimmsten.

Bauern

Szene aus "Herbstmilch", dem Film, der das Leben der Bäuerin Anna Wimschneider erzählt.

(Foto: Foto: dpa)

Zu Besuch im Weiler Schwarzenstein, irgendwo in Niederbayern. 15 Menschen wohnen hier auf fünf Höfen. Zum Beispiel Maria und Josef Aigner, 76 und 77 Jahre alt, Eltern von fünf Kindern. Sie sitzen auf schlichten Holzbänken vor dem Hof. Sie trägt eine blaue Haushaltsschürze, er einen Hausanzug. Hören, gehen, arbeiten - das ist alles nicht mehr so leicht wie früher. Aber die Gesichter der Altbauern Maria und Josef sind fröhlich, ihre Augen leuchten wie Sterne am klaren Nachthimmel.

Die Bauersleute leben in einer Welt, in der nie jemand auf die Idee kommen würde, sich den Busen operieren zu lassen oder sich auch nur die Lippen zu schminken. Die Aigners hatten stets andere Sorgen. Dass die Kühe krank werden, dass die Ernte nicht rechtzeitig eingefahren wird, dass man nicht über den Winter kommt. Sie arbeiteten für das Leben und lebten für die Arbeit.

Wie alt ihr Hof ist, das wissen die Aigners selbst nicht so genau. Ein paar hundert Jahre halt. Und nie hat sich hier so viel verändert wie in der Zeit, da Josef den Hof führte: 1938 das erste Radiogerät, batteriebetrieben. Der Strom kam erst später. 1954 dann die Hochzeit mit Maria, ein Jahr später das erste Auto, ein Opel. 1968 dann stand hier der erste Fernseher in der ganzen Umgebung.

Da dauerte es noch einmal gut zehn Jahre, bis der Aigner-Hof auch an das Telefonnetz angeschlossen war. An den neumodischen Toiletten mit Wasserspülung hat Josef lange keinen Gefallen gefunden. Er benutzte weiter das "Scheißhaus" im Garten - bis Josef junior, sein Sohn und heutiger Chef vom Aigner-Hof, dem Vater die Brettertür zunagelte. Dass man heutzutage das Wasser nicht mehr aus dem Brunnen pumpen muss, wissen die Aigners, habe aber auch sein Gutes: "Man wäscht sich öfter. Und die Bettwäsche bleibt auch nicht mehr den ganzen Winter über drauf."

Am Aigner-Hof, wo drei Generationen mit 30 Kühen zusammenleben, ist das Leben auch im 21. Jahrhundert noch recht archaisch. "Ich habe nie etwas anderes auf meine Haut gelassen als Seife und kaltes Wasser", sagt Maria. "Das ist das Beste." Schönheit war Maria nie besonders wichtig. Das sei eher was für die Frauen aus der Stadt.

Am schönsten, sagt sie, seien für sie lachende Menschen. Denn Lachen öffne das Herz. Viel mehr als jedes teure Kleid oder eine schicke Frisur. Dabei ist Maria auch mit 76 Jahren noch eine wunderschöne Frau. Kaum eine Falte sieht man in ihrem Gesicht. Und meistens lacht sie. Über ihren Mann. Über sich. Über die Welt.

Was Maria und Josef neben ihren beiden 13 und 17 Jahre jungen Enkeln abends im Fernsehen sehen, das verwundert sie sehr. Junge Mädchen wollen Topmodel oder Superstar werden. Jugendliche hungern sich krank, Eltern erziehen alleine, Schüler laufen Amok. Die Welt draußen war den Aigners schon immer fremd - so fremd wie heute war sie ihnen noch nie. "Ja, sind das denn die Probleme der Menschen?", fragen sie. Maria und Josef schauen am liebsten den Musikantenstadl. Der klingt immer gleich. "Meine Frau sagt ja auch schon seit fünf Jahrzehnten immer das Gleiche", sagt Josef und lacht. Beständigkeit macht ein wohliges Gefühl.

Nur einmal sind Maria und Josef in die Stadt gefahren. Vor 55 Jahren besuchten sie das Münchner Oktoberfest. Aber das hat ihnen gereicht. Danach gab es für sie immer nur die Familie, die Tiere und den Hof. Aufgestanden wurde immer um zehn nach vier. Wie lange es noch so sein wird, das wissen die Aigners nicht. Der Milchpreis, der Milchpreis.

Klar, die Anna aus dem Nachbarhaus, dem Steinerhof, die haben sie damals schon ein bisschen beneidet. Mit den eigentlich für ihre Enkel gedachten Aufzeichnungen über ihr hartes Leben kam Anna Anfang der 80er Jahre ganz groß raus. "Herbstmilch", hieß das Buch von Anna Wimschneider aus dem Haus gegenüber - und das hat natürlich auch Maria gelesen. Sie sagt: "Die Anna hat grad so geschrieben, wie halt das Leben ist." Das hat ihr gefallen.

Wimschneiders Buch verkaufte sich millionenfach. Besonders in den 80er Jahren fanden die Menschen Gefallen an den Schilderungen des entbehrungsreichen Bauernlebens - vielleicht bildeten sie einen wohltuenden Kontrast zu dem reichen, ausgeflippten Jahrzehnt.

Bald kannte man die Anna nicht mehr nur im Weiler Schwarzenstein - sie wurde zu "Wetten, dass..?" eingeladen und bekam das Bundesverdienstkreuz verliehen. Plötzlich stand bei den Aigners das schicke Auto des Münchner Regisseurs Joseph Vilsmaier vor der Tür, der Annas Buch verfilmte.

Im Weiler Schwarzenstein wurde - erstmals und ganz ohne Angst vor dem Pfarrer - über Schwule diskutiert. Weil der Schauspieler Werner Stocker, der Wimschneiders Ehemann Albert darstellte, ein Schwuler gewesen sein soll. "Das hat dem Albert gar nicht gepasst", lacht Maria. Ja, damals war schon was los.

Über die Aigners hat noch niemand einen Film gedreht. Obwohl auch sie schon viel erlebt haben: Einmal habe er einen "echten Neger" gesehen, erzählt Josef. Damals, als plötzlich die amerikanischen Soldaten hinter dem Hof standen.

Und dann gab es ja noch die kurzberockten "Schlesierweiber", wie man die Vertriebenen aus dem Osten nannte. Dank der Schlesierweiber habe er auch schon früh allerlei von der Leiblichkeit mitgekriegt, sagt Josef. Danach hätte es ihm auch gar nichts mehr ausgemacht, wenn sie ihn beim Decken der Stute wieder einmal weggeschickt hätten. Damals, als er schon 16 war. Und vor dem Pfarrer habe er auch keine Angst mehr gehabt. Weil der sowieso gegen alles Fleischliche gewesen sei. Und das sei schon komisch, schließlich sei so ein Pfarrer doch auch aus Fleisch.

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