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Dem Geheimnis auf der Spur:Rausch des Jenseits

QUE VIVA MEXICO, 1932

Eine Szene aus „Que Viva México!“, ein Mitarbeiter des Regisseurs rekonstruierte das Werk 1979.

(Foto: DPA/PA)

Der berühmte Regisseur Sergej Eisenstein wollte in Mexiko einen wegweisenden Film drehen. Doch das Projekt wurde zum Desaster.

Die Warnung ist eindringlich und unmissverständlich. Eben hat, auf ein paar Seiten seiner Erinnerungen, der große russische Filmemacher Sergej Eisenstein das Projekt beschrieben, das ihn Anfang der Dreißigerjahre nach Mexiko führte. Hat seine Liebe zu dem Land und seiner Kultur beschworen, wie sie lebendig werden sollten in seinem Film. Aber: Nichts von all dem hat es auf die Leinwand geschafft - auch wenn diverse Fassungen fabriziert wurden mit dem von Eisenstein gedrehten Material. "Vorübergehender Betrachter! Versuche nicht, das hier Beschriebene in den Leinwandversionen der von unreinen Händen kastrierten Varianten jener Filme wiederzufinden, die nicht von mir aus dem von unserer Expedition aufgenommenen Material des wundersamen Mexiko montiert worden sind!" Eisenstein ist verbittert: "Durch sinnloses Zusammenkleben, Durcheinanderwerfen des Materials, den Verkauf des Negativs für einzelne Filme - ist eine Konzeption zerstört, ein geschlossenes Ganzes, eine Arbeit vieler Monate zunichtegemacht worden."

Der Produktionsleiter war entrüstet über Eisensteins Homosexualität

Was war das für eine Arbeit, um welches Ganzes ging es da? Im Dezember 1930 ging Eisenstein nach Mexiko, mit seinen Mitarbeitern Grigori Alexandrow und Eduard Tisse. Er kam aus Hollywood, wo er berühmte Freunde und Verehrer hatte, Mary Pickford, Douglas Fairbanks, Charles Chaplin. Eisenstein liebte deren physisches Kino, auch er, der Sowjetkünstler, träumte davon, in Hollywood einen Film zu realisieren. Es blieb beim Traum, stattdessen ging Eisenstein nach Mexiko.

Das Land hatte ihn früh fasziniert: 1921 inszenierte er in Moskau Jack Londons Geschichte "Der Mexikaner" auf der Bühne, 1927 traf er den surrealistischen mexikanischen Maler Diego Rivera. Mit seinem "Panzerkreuzer Potemkin" wurde Eisenstein der Regiestar der Zwanzigerjahre und machte das sowjetische Kino fashionable. Aber schon mit seinem nächsten Film, "Oktober", begann alles zu kippen. Ihm wurden Formalismus, bürgerliche Faszination von der Ästhetik vorgeworfen. Lenin und Stalin wollten geradlinigen Sowjetrealismus, keine Avantgarde.

Eine neue Freiheit suchte Eisenstein auf seinen langen Reisen im Westen, Berlin, London, Paris, Hollywood. Als die Projekte dort sich zerschlugen, besorgte der Schriftsteller Upton Sinclair - mit dem Sozialismus sympathisierend - 25 000 Dollar, gemeinsam gründeten sie den Mexican Film Trust, der kreative Unabhängigkeit ermöglichen sollte.

Vierzehn Monate lang, an die fünfzig Stunden Material drehte Eisenstein mit seinen Freunden in Tetlapayac, östlich von Mexico City. Vier einzelne Geschichten wollte er erzählen, über eine Liebe und Hochzeit, die Unterdrückung durch die Gutsherren, das grandiose alljährliche Fest der Toten, in dessen Rausch das Jenseits seinen Schrecken aufgeben musste. "Die Zeit des Prologs ist Ewigkeit", heißt es auf der Tonspur zu Beginn. "Es könnte heute sein. Oder vor zwanzig Jahren. Oder vielleicht auch tausend."

1932 wurde die ganze Geschichte trist. Das Geld war weg und die Geduld und das Vertrauen. Der Produktionsleiter, Sinclairs Schwager, war entrüstet über Eisensteins Homosexualität. Eisenstein beschwerte sich, der Schwager würde Geld für Alkohol, Mädchen und Partys verprassen. Aus der Sowjetunion wurde gemahnt, Eisenstein solle doch endlich zurückkommen. Der Regisseur konnte den Film nicht wie geplant in Hollywood schneiden. Der Trust versuchte, Studios und Produzenten für das Material zu interessieren, um einen Teil seiner Kosten zurückzukriegen. Drei kürzere Filme entstanden dabei, später gab es eine weitere Fassung, von Marie Seton, "Time in the Sun", die auch lang in unseren Filmkunstkinos lief. Eisensteins Titel "Que Viva México!" wählte dann Grigori Alexandrow im Jahr 1979 für seinen Versuch, den Film möglichst originalgetreu zu rekonstruieren - das Material war von Sinclair ans Museum of Modern Art gegeben und vom MoMA nach Russland geschickt worden.

Auf diese Enttäuschung folgte eine lange Pause, jahrelang machte er keinen Film mehr

Vielleicht ist aber, bei der Mixtur aus Prüderie und Kommerzdenken, der Filmemacher Eisenstein an sich selbst gescheitert. In Mexiko wollte er noch einmal ins Herz des Kinos gelangen, seine unbedingte Reinheit wiederfinden, wie er es mit dem "Potemkin" geschafft hatte. Das Alte sollte sich mit dem Gegenwärtigen vermählen, das Monolithische mit der Vielfalt des Lebens, das Steinerne mit dem Tanz. In kühnen Perspektiven, endlos variiert, sollten die Gegensätze zusammenspielen. Aber Eisenstein wurde absorbiert von dem fremden Land - ähnlich war es auch Friedrich Wilhelm Murnau ergangen, als er in der Südsee seinen Film "Tabu" drehte. Der Rhythmus des Films, so wichtig bei Eisenstein, ist nicht herzukriegen, man kann ihn ahnen in den wunderschönen Zeichnungen, die er aus Mexiko mitbrachte.

Haben die schrecklichen Erfahrungen des Mexiko-Projekts, das Spiel von Hoffnungen und Enttäuschungen, und danach in Moskau die Schikanen der Sowjetkulturbürokratie Eisensteins Lust auf Kino vernichtet? Erst 1938 sollte er wieder drehen, "Alexander Newski". Resigniert, aber immer noch fasziniert, schreibt er in den Erinnerungen: "Man könnte glauben, es verberge sich hier unter der Maske stumpfsinniger Vandalen, beschränkter amerikanischer Filmhändler die rächende Hand der mexikanischen Göttin des Todes, der ich so unehrerbietig mit dem Ellenbogen zwischen die Rippen gefahren bin. "