Selbsthilfe Denken Sie sich froh!

"Ask, believe, receive", so einfach geht das mit dem Glück, mit dem freien Parkplatz oder Verlobungsring, man muss nur darum bitten, dann daran glauben und schließlich empfangen. So ähnlich suggerieren viele Self-Help-Gurus: Wenn du meine Anleitung kaufst, wird dein Leben besser.

Darüber, dass nur die Verfasser, nicht aber die Leser durch derartige Pamphlete reicher werden, machte sich Schriftsteller Christopher Buckley in seiner Satire "God is my Broker" schon vor zehn Jahren lustig; inzwischen setzt die Sparte über zehn Milliarden US-Dollar um.

Was aber macht Rhonda Byrnes, die bis zur Veröffentlichung 2006 selbst privat wie beruflich in Schwierigkeiten steckte, mit ihrer Radikalinterpretation der Binsenweisheit vom positiven und chancenorientierten Denken so viel erfolgreicher als die Konkurrenz? Ist es der clevere Titel "The Secret"?

Oder ist es die Mischung aus unschlagbaren Bestseller-Zutaten: "Da Vinci Code" mit einer Prise Harry-Potter-Magie, ein frisch-vergilbtes Cover, mit blutrotem Siegel und scheinbar handschriftlichen Notizen, die wie ein Fundstück aus der Illuminaten-Schatztruhe wirken. Und Filmsequenzen, in denen das fragile Glücksrezept scheinbar unter Gefahr und Zeitdruck aus einer Gruft geborgen wird.

Kurz nach Erscheinen war die Nachfrage höchstens durchschnittlich, bis Quoten-Queen Oprah Winfrey im Februar dieses Jahres der Story gleich zwei Sendungen widmete und verlauten ließ, das Gesetz der Anziehung schon immer angewandt zu haben, aber ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein.

Denken Sie schlanke Gedanken

Seither geben die Propheten des "Secret"-Heilversprechens, Bob Proctor, Jack Canfield, John Assaraf und die anderen, ihre Ratschläge in Talkshows zum Besten: Sie bringen zu viel auf die Waage? "Glauben Sie einfach nicht daran, dass man von Nahrung zunimmt, denken Sie schlanke Gedanken und schauen Sie keine Dicken mehr an. Wie gut diese unkonventionelle Diät funktioniert? Probieren Sie es aus!"

Aber auch gravierende Probleme werden gefährlich simplifiziert, und es gibt tatsächlich Leute, die glauben, dass sie, wie in der DVD dargestellt, auch ihre Krebsgeschwüre wegträumen oder durch das Anschauen von romantischen Komödien verschwinden lassen können. Und wenn man trotzdem stirbt? Dann hat man nicht intensiv genug an das Gesundwerden geglaubt.

Auf kritische Fragen, wie denn Opfer von Katastrophen oder despotischen Systemen und todkranke Kinder ihre Tragödie auf schlechte Gedanken zurückführen sollen, kontern die Muntermacher: "Der Einzelne oder eine ganze Gesellschaft haben sich wohl auf eine Frequenz gebracht, die mit Unglück auf der gleichen Welle schwingt." Sie schlagen vor, dass andere diese schlechten Nachrichten meiden sollen, um sich von den "bad vibes" nicht anstecken zu lassen. Macht man das am besten auch mit Freunden, die in einer Krise stecken?

Oprah selbst lässt sich jedenfalls von nichts und niemandem den Optimismus verhageln. Als neulich ihr Hund Gracie einen Gummiball verschluckte und vor ihren Augen erstickte, dankte sie dem Schicksal dafür, dass es ihr damit zeigte, wie wertvoll das Leben ist. "Auch wenn er nur zwei Jahre alt wurde, so hatte er ein besonders intensives Dasein und war bereit zu gehen" - verständlich, wenn das Frauchen derart durchgeknallt ist.

Psychologen beurteilen die damit verbundene Verzerrung von Selbst- und Fremdwahrnehmung als problematisch bis pathologisch. Besonders in den großen Städten der Ost- und Westküste gibt es immer mehr Patienten, deren Wunschzettel leider noch nicht von der Erfüllungsbehörde des Universums bearbeitet werden konnten und die mit den enttäuschten Erwartungen nicht umgehen können.

Schlechte Gedanken ziehen Pech an

Entmutigend ist das besonders für die Menschen, die sich wegen der irrationalen Ursache- und Wirkungsebenen von "The Secret" auf einmal für traumatische Erlebnisse wie Missbrauch schuldig und alleingelassen fühlen.

Wenn positives Denken Gutes bringt und schlechte Gedanken Pech anziehen, dann sind Opfer selber schuld. Rabbi David Wolpe mahnte die Gemeinde im Sinai Temple in Los Angeles, sich nicht von der moralischen Mogelpackung verführen zu lassen, besonders in Erinnerung an den Holocaust. "Dass ich ein friedliches Leben führe, liegt daran, dass ich 1958 in den USA und nicht dreißig Jahre früher in Warschau oder jetzt in Darfur geboren wurde. Wie können Millionen aufgeklärte Amerikaner, insbesondere wir Juden die Einflussgröße Umwelt ausblenden?"

Auch christliche Kirchen sehen bereits die Säulen der Gesellschaft bröckeln, da Materialismus und Selbstverwirklichung so radikal zu Ungunsten des Gemeinwohls beflügelt werden. Aber wer braucht die gute alte Empathie, wenn "sich gut fühlen" so viel absatzstärker ist als "Gutes tun", und Egoismus wie Gier sozial nicht mehr stigmatisiert werden.