Selbermachen Ananas auf den Ohren

Jetzt auf keinen Fall versprechen - schließlich hören Tausende mit! Wie es ist, eine Radiosendung zu moderieren, wann man rascheln darf und warum es gut ist, auch mal auf den Zehenspitzen zu stehen.

Von Vincent Suppé

"Noch fünf Sekunden, vier, drei ..." Statt zwei und eins gibt es Handzeichen. Weil alles still sein muss. Wenn jetzt jemand dazwischenplappert, hören Tausende Kinder mit. Denn Lena, 11, steht als Moderatorin in einem Radiostudio, mit Mikrofonen und großen Lautsprechern: "Kurzwelle - das Kindermagazin. Samstags, von 10 bis 12 - auf 92,4."

9.32 Uhr

Statt auszuschlafen, fährt Lena schon früh mit dem Bus zum Studio von Radio Feierwerk in München, dort moderiert sie die Sendung Kurzwelle. 92,4 ist die Frequenz, auf der man Lena hören kann. Alle, die das an ihrem Radio einstellen oder im Internet reinklicken, werden diesmal eine Reportage über kämpfende Schrottroboter und ein Gespräch mit einem Achterbahntester hören.

10.09 Uhr

Die Sendung läuft: "Hebocon - so heißt der große Kampf zwischen Schrottrobotern. Die oberste Regel: Zum Wettbewerb antreten dürfen nur Roboter, die aus Schrott gebaut wurden", liest Marlene. Sie und Jana sind die Ko-Moderatorinnen von Lena. Die drei wechseln sich ab, deshalb wartet Lena vor der Studiotür und übt ihren Text. "Drinnen muss man immer still sein und darf nicht mit den Blättern rascheln, weil man das sonst alles hört." Während die Kindernachrichten laufen, malt Lena schwierige Wörter mit ihrem rosa Textmarker an. Manches streicht sie ganz. Wer kann schon "Buchsbaumreifen" aussprechen?

Steht beim Moderieren oft auf den Zehenspitzen: Lena, 11, macht bei der Kindersendung „Kurzwelle“ mit.

(Foto: Stefanie Preuin, SZ)

10.38 Uhr

In zwei Minuten ist Lena dran, sie stellt den Hörern ein neues Buch vor. Auf ihren Ohren sitzen schwarze Kopfhörer, so groß wie Ananasscheiben. "Ich bin schon ein Jahr dabei und eigentlich nicht mehr nervös", hat sie vorher erzählt. Aber angespannt ist sie schon. Ein bisschen merkt man das: Auch wenn das Mikrofon direkt vor ihrem Gesicht ist, steht sie beim Moderieren auf den Zehenspitzen. "In unserem Buchtipp geht es heute um die besondere Freundschaft von Amanda und Lars. Und die beginnt so ..." Dann hört man im Studio erst mal - nichts. Beiträge wie den Buchtipp bereiten Reporter vor, die Moderatoren sprechen live im Studio. Zusammengemischt wird beides, während die Sendung läuft. Das ist ziemlich kompliziert. Damit nichts schiefgeht, hilft ein Erwachsener mit, das raumschiffartige Mischpult zu bedienen. Die mehr als 100 Knöpfe, Regler und Rädchen starten Jingles, knipsen das Mikro an oder lassen die Musik immer leiser werden. Und Lena hört über ihre Ananaskopfhörer mit.

10.43 Uhr

"Ich musste währenddessen fast husten", prustet Lena los, als alle Mikrofone ausgeschaltet sind. Gut, dass jetzt erst mal Musik spielt. "Rockabye" von Clean Bandit, Lenas Lieblingslied. Und einen Schluck Apfelschorle hinterher. Live moderieren ist nämlich gar nicht so einfach, man hat nur einen Versuch, und alle hören mit. "Wenn man sich mal verspricht", sagt Lena, "einfach weiterlesen, so als wäre nichts passiert. Dann fällt das gar nicht auf." Beim Wochenaufsager können diejenigen üben, die noch nicht so lange dabei sind. Er wird aufgezeichnet; wenn sich ein Fehler einschleicht, kann man den Text einfach noch mal vorlesen. Dass diesen Samstag Lena, Jana und Marlene sprechen, ist Zufall. 60 Kinder arbeiten abwechselnd beim Radio Feierwerk mit - und wer Zeit hat, kommt vorbei.

10.52 Uhr

Jana ist an der Reihe und erzählt im Studio von einer Tanzgruppe. Währenddessen begrüßt Lena draußen den Studiogast. In der zweiten Stunde, von elf Uhr an, kommt - wie jede Woche - ein Gesprächspartner zu Besuch. Lena hat so schon einen Trainer für Blindenhunde kennengelernt und eine Frau, die ein Mathematikmuseum leitet. Heute zu Gast: ein Achterbahntester.

11.01 Uhr

Gerade läuft das Hörspiel von Fredl, der Schulmaus. Was man im Radio nicht mitbekommt: Währenddessen wird das Studio umgebaut. Ein Tisch wird hereingetragen, Stühle für den Gast und die Moderatoren, in der Mitte das Mikrofon, damit die Hörer alles verstehen: Was genau machst du bei der Arbeit? Ist das gefährlich? Und natürlich: Welche ist die schnellste Achterbahn der Welt?

11.54 Uhr

Hektisches Winken durchs Studiofenster. Manchmal hat man so viele Fragen, dass man die Zeit vergisst. Gleich kommen die Veranstaltungstipps, deshalb verabschieden sich Lena und ihre Ko-Moderatorinnen vom Achterbahntester. Im Sendeplan steht: "spätestens 11.56" fertig sein. Mit drei Ausrufezeichen dahinter. Denn pünktlich zur vollen Stunde fängt die nächste Sendung an, und es gibt keine Schlummertaste wie beim Wecker, die ein paar Minuten obendrauflegen könnte.