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Sekte in der Krise:Rekruten aus der Schauspielschule

Wie Berichte von Ex-Mitgliedern deckt auch Wrights Buch die Arbeitsweise des Systems Scientology auf. Doch er entlarvt die Machenschaften der Gemeinschaft vor allem durch bis ins letzte Detail nachrecherchierte Fakten. Angefangen bei der Behauptung Scientologys, acht Millionen Menschen weltweit zu seinen Mitgliedern zu zählen - dabei identifizieren sich nur 25.000 US-Amerikaner selbst als Scientologen. "Das sind halb so viele wie sich selbst als Rastafaris bezeichnen", schreibt Wright in der Einleitung zu seinem Buch.

Pulitzer-Preisträger Wright lenkt auch den Blick auf jenes Phänomen, das Scientology für potentielle Mitglieder genauso interessant macht wie für Society-Reporter und Kritiker, das aber seit jeher eher Gegenstand von Gerüchten und Legenden war als Thema investigativer Recherche: die Beziehungen der Gemeinschaft zur glitzernden Welt von Hollywood.

Regisseur Paul Haggis verlässt Scientology

2009 kehrt der Regisseur und Oscar-Preisträger Paul Haggis nach 35 Jahren Scientology den Rücken.

(Foto: dpa)

Wright schildert in "Going Clear" unter anderem, wie dem legendären Schauspiellehrer Milton Katselas eine Schlüsselposition an der Schnittstelle von Filmwelt und Hubbard-Universum zukam. Bei dem 2008 verstorbenen Katselas belegten Hollywoodgrößen wie Alex Baldwin, Al Pacino, Michelle Pfeiffer oder George Clooney Schauspielkurse. Er "war eine der ertragreichsten Quellen für Rekruten der Kirche und erhielt im Gegenzug eine Vermittlungsgebühr von zehn Prozent des Geldes, das seine Studenten beisteuerten."

Und natürlich trüge Wrights Buch seinen Untertitel "Hollywood and the Prison of Belief" zu Unrecht, gäbe es darin kein Kapitel über Tom Cruise. Als der im vergangenen Jahr mit der Trennung von seiner Frau Katie Holmes für Schlagzeilen sorgte, waren das nicht besonders positive Schlagzeilen. Sie erfassten auch Scientology. Welche Rolle spielte die Glaubensgemeinschaft bei der Trennung?, fragten die People-Magazine. Was bedeutete Cruises Mitgliedschaft für seine Tochter Suri?

Weniger um die Beziehung Cruise-Holmes als um das Verhältnis Cruise-Miscavige geht es Wright in dem Kapitel mit der etwas kryptischen Überschrift "TC und COB" - COB steht für "Chairman of the Board". Der eine war mit 25 gerade dabei, der berühmteste Schauspieler Hollywoods zu werden, der andere übernahm im gleichen Alter die Führung von Scientology. "Es war ganz natürlich", schreibt Wright, "dass zwei so mächtige, isolierte Männer sich ineinander wieder erkannten." Er schildert das luxuriöse Leben Miscaviges, seinen modernen Fitnessraum, den Cruise als einer der wenigen nutzen dürfte. Er beschreibt die Spezialaufträge, bei denen Scientology-Personal ein Motorrad für Cruise umlackierte, das Interieur eines Ford-SUV mit edlem Eukalyptus-Holz verkleidete oder die Angestellten auf Cruises Anwesen schulte.

Tom Cruise wird 50

Vielseitig - auf den ersten Blick

Pikantes Freundinnen-Casting

Wright rekonstruiert auch noch einmal detailliert jenen angeblichen Rekrutierungsprozess, aus dem Katie Holmes als neue Frau an Cruises Seite hervorgegangen sein soll und über den im September 2012 bereits das US-Magazin Vanity Fair berichtet hatte.

Wrights Ausführungen sind durchweg mit Fußnoten versehen, in denen das Dementi Scientologys oder die Gegendarstellungen von Cruises Anwälten Platz finden. Scientology wehrt sich, wenig überraschend, gegen "Going Clear". Auf lawrencewrightgoingclear.com zum Beispiel. "Das Buch ist ein bigottes, sinnfreies Anti-Scientology-Buch voller Fehler", heißt es dort. Wright habe für seine Recherchen nur mit "wütenden, verbitterten Quellen" gesprochen, deren Motive "auf Hass und Rache" fußten. "Das Ergebnis ist ein vorurteilsbehaftetes Werk, mehr Fiktion als Fakt." Die Glaubensgemeinschaft ist als äußerst klagefreudig bekannt. In Großbritannien wird das Buch zur Vermeidung von Rechtsstreitigkeiten nicht erscheinen, auch in Kanada wird ein Erscheinen derzeit noch geprüft. In Deutschland soll es Anfang September bei der DVA veröffentlicht werden, wie der Random-House-Verlag auf Anfrage bestätigte.

Warum Berühmtheiten wie Cruise sich trotz aller öffentlicher Kritik an Scientology und persönlichen Anfeindungen noch immer so stark mit der Organisation identifizieren, darauf hat allerdings auch Wright keine befriedigende Antwort. Jenna Miscaviges Vermutung dazu: "Entweder er weiß nicht, was sich abspielt oder er ignoriert es bewusst. Die Insider, die wissen, was los ist, tragen eine Verantwortung, dem entgegenzutreten." Vielleicht verhält es sich mit Cruise und anderen auch ähnlich wie bei Paul Haggis, der von sich selbst sagt: Obwohl er eigentlich eine neugierige Person sei, habe er "irgendwo zwischen Desinteresse, genauer hinzuschauen und Angst, genauer hinzuschauen" geschwankt.

Es scheint, als würde Amerika jetzt anfangen, genauer hinzuschauen. Und so den Mythos Scientology zunehmend zu entzaubern.

Anmerkung der Redaktion:

In einer früheren Version des Artikels hieß es: "Die Sekte geht auch per Rechtsweg gegen die Veröffentlichung vor - die Glaubensgemeinschaft ist als äußerst klagefreudig bekannt. Mit erstem Erfolg: In Großbritannien und Kanada wird das Buch nicht erscheinen." Diese Stelle haben wir nun präzisiert.