Scientology-Aussteiger über Sektenführer "Ich musste auf dem nackten Fußboden schlafen"

SZ: Reden wir über David Miscavige, den Chef von Scientology und besten Kumpel von Tom Cruise. Erleben wir den Anfang vom Ende seiner Herrschaft?

Michael Rinder leitete 20 Jahre lang den Geheimdienst von Scientology. Dann stieg er aus.

(Foto: )

Rinder: Nein, der liegt schon weiter zurück. Aber das, was nun passiert, wird seinen Niedergang beschleunigen. Seine Macht hängt davon ab, dass die Leute auf ihn hören. Dass sie ihm glauben, dass er Scientology ins gelobte Land führt. Wenn dieses Image wackelt, wackelt die ganze Struktur der Kirche. Die ist ja völlig auf ihn ausgerichtet. Niemand kann dort irgendetwas tun oder entscheiden, ohne dass Miscavige zustimmt.

SZ: Ein Diktator?

Rinder: Absolut.

SZ: Wie gut kennen Sie ihn?

Rinder: Oh, ich kenne David Miscavige. Wir haben sehr lange und sehr eng zusammengearbeitet.

SZ: Was ist das für ein Mensch, im Guten wie im Schlechten?

Rinder: Das Schlechte überwiegt eindeutig. Aber gut. . . Er lernt extrem schnell, er ist sehr intelligent. Es gibt fast nichts, was er intellektuell nicht verarbeiten kann. Aber er nutzt seine Intelligenz, um zu manipulieren. Er ist unfassbar eitel und sehr nachtragend. Wenn du etwas in Frage stellt, was er sagt, dann wird er dir eine Lehre erteilen. Er lässt die Leute um sich nie zur Ruhe kommen. Seine Strafen sind oft willkürlich. Du weißt nie, wann du das Klo schrubben musst oder von ihm eine gescheuert bekommst.

SZ: Er hat Sie geschlagen?

Rinder: Vielleicht 50 Mal. Er hat mich geschlagen. Er hat mich Klos putzen lassen. Ich musste auf dem nackten Fußboden schlafen. Ich kam ins Loch. Sowas.

SZ: Haben Sie sich gewehrt?

Rinder: Ich habe mir nur die Arme vors Gesicht gehalten. Ich war ja nicht der Einzige. Es gibt viele Berichte über seine Übergriffe.

SZ: Sie sollen auch zugelangt haben.

Rinder: Ja. David Miscavige hat zu mir und anderen gesagt: Du gehst jetzt zu Soundso und schlägst ihn. Und wenn du das nicht tust, werde ich es tun und dir hinterher auch noch eine verpassen.

SZ: Scientology weist das, was Sie sagen, zurück. Ihre eigene Ehefrau hat sie bei CNN als Lügner bezeichnet.

Rinder: Menschen wie meine Frau erzählen aus Angst alles. Die marschieren los wie gute kleine Roboter und sagen das, was David Miscavige diktiert hat. Bei CNN saßen ja mehrere Ehefrauen von Aussteigern. Zwei haben sogar die exakt gleichen Formulierungen benutzt.

SZ: Es heißt auch, dass Miscavige einen Hund hat, der Uniform trägt und vor dem die Mitglieder salutieren müssen?

Rinder: Korrekt. Die Uniform ist blau, und vorne sind goldene Streifen drauf.

SZ: Sie bezeichnen sich als "unabhängigen Scientologen". Was heißt das?

Rinder: Ich glaube, dass unsere Philosophie Menschen helfen kann, ein besseres Leben zu führen. Die Organisation benutzt dieses Wissen allerdings, um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

SZ: Sie selbst wollen keine Kritiker vernichten und die Welt erobern?

Rinder: Nein. Und ich weiß, dass das vor allem in Deutschland ein Riesenthema ist. Diese Arroganz: Wir sind überlegen, wir allein kennen den Weg zum Glück. David Miscavige ist dafür verantwortlich, dass Scientology und seine Mitglieder als radikal gelten - und zwar im Sinne von: verrückte Dschihadisten. Dieses Image entspricht zwar nicht der Wahrheit, aber es wird immer wieder verstärkt, wenn die Kirche gegen Kritiker und Journalisten wie Sie vorgeht und sie wie Dreck behandelt.

SZ: Sie meinen die berüchtigte "Freiwild"-Regel - den gnadenlosen Umgang mit Kritikern. Das ist längst nicht der einzige Grundsatz, dem Scientology den miesen Ruf verdankt. Solche Regeln gab es schon immer. Sie sind die Erfindung des Gründers L. Ron Hubbard.

Rinder: Puh. Das könnte eine lange Diskussion werden. Also: Ich kann nachvollziehen, dass Sie das so sehen. Die "Freiwild"-Regel hätte so nie geschrieben werden dürfen, und sie wurde böse misinterpretiert. Das gleiche gilt für die "Disconnection"-Regel. . .

SZ: . . . die Pflicht, den Kontakt zu Leuten abzubrechen, die in den Augen von Scientology "Unterdrücker" sind.

Rinder: Genau. Wenn Sie alles lesen, was Hubbard darüber geschrieben hat, dann werden Sie sehen, dass es als allerletzter Ausweg gedacht war. Disconnection soll jemandem erlauben, glücklich zu sein. Wenn Sie in einer Beziehung sind, in der Sie missbraucht werden, dann ist es am besten, den Kontakt zu kappen. So war es gemeint. Als Hilfsmittel für den Einzelnen, nicht als politisches Kontrollinstrument, das es der Kirche erlaubt zu sagen: Du darfst diese oder jene Person nicht mehr sehen.