Schweizer Tierliebe:Wenn das Meersäuli den zweiten Frühling erlebt

In der tierfreundlichen Schweiz bietet eine Firma Leih-Meerschweinchen an, damit einsame Meersäuli wieder glücklich werden. Die Nagetiere auf Zeit bekommen allerdings nur ein einziges Mal einen neuen Partner: Eine Geschichte über Tierliebe und Leasing.

Wolfgang Koydl, Zürich

Das Problem war ja schon Gottvater vertraut, aber er kümmerte sich vorrangig um Zweibeiner: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei", wird der Schöpfer in der Bibel zitiert, doch von Meerschweinchen ist im ersten Buch Moses nicht die Rede - dabei brauchen diese Tiere Gesellschaft von Artgenossen besonders dringend.

Meerschweinchen

Meersäulis unter sich.

(Foto: dpa)

Der Schweizer Tierschutz ist da weiter, und deshalb ist es seit einigen Jahren den Eidgenossen unter Androhung von Strafe verboten, Meersäuli, wie die Tierchen hier genannt werden, einzeln zu halten. Dies wiederum hat eine Marktlücke eröffnet, in die eine unternehmungslustige Schweizerin beherzt gesprungen ist: Für verwaiste Nager, deren Partner gestorben ist, bietet Priska Küng aus dem Dorf Hadlikon bei Zürich das Miet-Meerschwein an: 50 Franken für einen kastrierten Bock, 60 Franken für ein Weibchen - für so lange, wie man sie braucht.

Wie groß der Bedarf ist, kann man nicht nur an den durchschnittlich drei Anfragen pro Woche ablesen, von denen der Zürcher Tages-Anzeiger berichtet. Sieben weitere Züchter zwischen Basel und Sankt Gallen haben sich dem Netzwerk der Miet-Meerli angeschlossen. Dass die Federführung bei Priska Küng liegt, erschien irgendwie konsequent. Sie ist Präsidentin der IG Meerschweinchen, des Dachverbandes der drei Schweizer Meerschweinchenzüchtervereine.

Leasing-Nager bevorzugt

Küng ist sich bewusst, dass nicht jedermann ihre Faszination für die Fellknäuel teilt. "Dass die Leute irgendwann mit der Meerschweinchenhaltung aufhören wollen, ist ja verständlich", meint sie. Da die Tiere aber "praktisch nie gleichzeitig sterben, auch wenn sie exakt gleich alt sind", setzt sich eine Dauerspirale in Gang, wenn eines der beiden Tiere eingeht. Um dem Wohlbefinden des Hinterbliebenen gerecht zu werden, muss man einen neuen Partner kaufen, der meist jünger ist und deshalb das ältere Tier überlebt, und so weiter ad infinitum.

Streng genommen werden die Meerschweinchen nicht vermietet, sondern verkauft. Aber man kann sie nach dem Ableben des Partners an die Züchterin zurückgeben, die dann einen Teil des Kaufpreises zurückerstattet. Man würde also besser von Leasing-Nagern sprechen, die allerdings im Allgemeinen nur einmal im Leben zum Einsatz kommen.

"Wichtig ist", gibt Küng zu bedenken, "dass keines der Leih-Meerschweinchen ein Wanderpokal ist: Wer als Leih-Meerschweinchen auswärts war, bleibt entweder den Rest seines Lebens nachher bei mir oder zieht an einen definitiven Platz." Außerdem komme nicht jedes Tier als Partner auf Zeit infrage. Meerschweinchen mögen Rudeltiere sein; aber sie verstehen sich nicht mit jedem x-beliebigen Meersäuli. Ein sehr junges Tier, meint sie, könnte einen betagteren Genossen leicht überfordern. Allerdings habe sie auch schon erlebt, dass ein Meerschweinchen-Opa mit einem Jungtier einen zweiten Frühling erlebe. So sehr scheint sich das Leben der Nager offenbar nicht von dem der Menschen zu unterscheiden.

© SZ vom 22.08.2011/grc
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