Schwedische Namen:Lieber "Mondtroll" als Pettersson

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7500 Schweden haben sich im vergangenen Jahr umbenannt - sie waren es leid, mit Tausenden Mitbürgern den Namen zu teilen.

Gerhard Fischer

In Deutschland heißt der Durchschnittsmensch Otto Normalverbraucher, in den USA John Doe und in Finnland Matti oder Maija Meikäläinen. In Schweden nennen sie ihn Medel-Svensson, zu deutsch: "Mittel-Svensson". Seltener sagt man auch Kalle Svensson oder Erik Johansson, weil eben viele Schweden Svensson oder Johansson heißen. Oder Andersson. Oder Karlsson. Oder Nilsson. Aber es gibt Schweden, die ihre son-Namen satt haben - immer mehr ändern ihre Namen, um sich endlich einzigartig zu fühlen und nicht ständig verwechselt zu werden; 2007 taten es 7500 - ein Rekordwert. Sie heißen nun "Drachenauge", "Traumwald", "Mondtroll", "Bürste" oder gar "Morgengrauentochter".

abba

Auch wenn Benny Andersson (li.) sich umbenannt hätte, würde der Bandname ABBA weiter bestehen - er setzt sich aus den Vornamen (Agnetha, Björn, Benny, Annafrid) der Sänger zusammen.

(Foto: Foto: AP)

Nur wenige wollen ihren Namen vereinfachen; das machen vor allem Ausländer, die einen schwedisch klingenden annehmen. Die meisten wollen außergewöhnliche Namen haben, zum Beispiel Vornamen aus dem Film "Herr der Ringe". "Wir sind unglaublich beeinflusst von Literatur, Film und Fernsehen", sagt die Sprachexpertin Eva Brylla vom Patent- und Registrierungsamt (PRV). Namen wie James Bond, Tarzan oder Metallica wurden vom PRV genehmigt. Fällt einem Änderungswilligen nichts Passendes ein, kann er auf der Homepage der Behörde nachgucken - da findet man Vorschläge.

Im vergangenen Jahr wurden 90 Prozent der Anträge genehmigt, abgelehnt wurden nur Namen, die Anstoß erwecken könnten, vom Namensrecht geschützt sind oder nicht mit dem Sprachgebrauch in Einklang stehen. "Auf dem Kontinent schauen sie fasziniert auf uns, weil wir die Namen so leicht ändern können", sagt die Sprachexpertin Brylla. "Die Phantasie scheint keine Grenzen zu haben", schreibt die Zeitung Aftonbladet. Die Anträge "Asterix" und "Brunftgewieher" wurden allerdings nicht genehmigt.

Frode heißt jetzt "Kolaautomat"

Noch großzügiger als Schweden ist Norwegen: Dort wurden 2007 die Namen "Gott ist gut" und "Kolaautomat" durchgewunken. Frode Skarbøvik, 27, hat den Mittelnamen Kolaautomat angenommen, er heißt jetzt Frode Kolaautomat Skarbøvik. Ein Mittelname ist in Skandinavien zur Unterscheidung der vielen "sons" und "sens" seit jeher üblich - meist ist er der Mädchenname der Mutter oder ein früherer Familienname, der erste Teil eines Doppelnamens nach einer Eheschließung oder schlicht ein zweiter Vorname.

Aber warum Kolaautomat? "Ich habe es nur aus Spaß gemacht", sagte Frode Skarbøvik der Zeitung Verdens Gang; er trinke noch nicht einmal sonderlich gerne Cola. Die Geschichte war die: "Ich gehe täglich an dem gleichen Coca-Cola-Automaten vorbei", so Skarbøvik, "und da fragte mich ein Freund eines Tages, ob ich nicht Kolaautomat heißen wolle".

Gut, dass er nicht täglich an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität vorbei geht - oder an einem Sozialversicherungsfachangestelltenbüro. Kolaautomat Skarbøvik wählte das "k" statt dem "c", um Probleme mit dem Coca-Cola-Konzern zu vermeiden. Geld für die Werbung kriegt er nicht. Reklame-Experten in Norwegen glauben freilich, es werde bald die Zeit kommen, da Prominente Firmennamen annehmen werden, um für Produkte zu werben.

Bürste vom Dach

Schweden, Norwegen und andere nordeuropäische Länder lockerten in den vergangenen Jahren das Namensrecht. Das Parlament in Kopenhagen etwa beschloss 2005, dass nach Dänemark eingewanderte Isländer ihre Kinder so nennen dürfen, wie sie es gewohnt sind: An den Vornamen des Vaters, seltener der Mutter, wird beim Sohn als Nachname ein "son" und bei der Tochter ein "dottir" angehängt - so ähnlich wie es in Dänemark (mit -sen), Norwegen (mit -sen und -son) und Schweden (mit -son) im 19. Jahrhundert üblich war. So wird das berühmte "son" in Skandinavien wohl doch nicht aussterben - auch wenn die Karlssons und Svenssons in Schweden nun weniger werden.

Dort muss man ja sogar Angst um die Klassiker haben: Vielleicht wird aus Pettersson und Findus bald "Morgengrauenstochter" und Findus, Benny Andersson von Abba wird sich Benny "Mondtroll" nennen, das Esbjörn-Svensson-Jazz-Trio wird Esbjörn "Traumwald" Trio heißen, aus Nils Holgersson wird Nils "Drachenauge" und Karlsson vom Dach könnte als "Bürste" durch die Lüfte fliegen.

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