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Schwangerschaft von Manuela Schwesig: Eine schrecklich moderne Familie

Manuela Schwesig und Ehemann Stefan

Die Ministerin ist schwanger. Ihr Ehemann Stefan nimmt Elternzeit.

(Foto: dpa)

Die Familienministerin ist schwanger und ihr Mann übernimmt die Elternzeit. Für viele ist das ein Grund zu applaudieren, andere finden es doof. Warum die Diskussion sein muss - noch.

Familienministerin Manuela Schwesig ist mit ihrem zweiten Kind schwanger und wird nach dem Mutterschutz wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Die zwölf Monate Elternzeit wird der Vater des Kindes übernehmen. Aber Sie wissen das schon. Alle Medien des Landes - die SZ eingeschlossen - haben darüber berichtet.

Wäre uns diese Nachricht im umkehrten Fall (Minister kriegt Kind, Partnerin übernimmt Elternzeit) eine müde Zeile wert? Wahrscheinlich nicht, wir würden höchstens die Geburt des Kindes vermelden.

Ministerin Schwesig bemüht sich unterdessen nach Kräften, ihr Modell als Normalität hinzustellen: "Ich habe die Elternzeit bei Julian (ihrem ersten Kind; Anm. der Redaktion) genommen. Mein Mann nimmt die Elternzeit jetzt. Das gehört in einer modernen Familie doch dazu", sagte sie der Schweriner Volkszeitung. Viele feiern die SPD-Politikerin dafür als gutes Beispiel.

Was direkt mit der Gegenfrage gekontert wird, ob Mütter, die in Elternzeit gehen, ein schlechtes Beispiel sind.

Sind sie nicht. Sie sind auch kein gutes. Sie sind gar kein besonderes Beispiel, denn sie sind die Mehrheit. Nicht einmal jeder dritte Vater beantragt überhaupt Elternzeit, und von diesem mageren Drittel nimmt die große Mehrheit zwei Monate gleichzeitig mit der Mutter des Kindes. Von einer 50/50-Aufteilung wie bei Familie Schwesig keine Spur.

Und das, obwohl Väter, die sich kümmern, bewundert werden wie Kater, die Dreisatz rechnen können. SPD-Chef Sigmar Gabriel zum Beispiel bekam 2012 viel Beifall für drei Monate Elternzeit, in denen er öffentlich fast genauso präsent war wie sonst auch. Fürs Teilzeitarbeiten bekam dieser Mann sogar eine Urkunde als "Spitzenvater des Jahres" inklusive 5000 Euro Preisgeld.

Kinderkriegen im Vorbeigehen

Die Mütter hingegen, die kurz nach der Geburt wieder arbeiten - wie Schwesig oder ihre Kolleginnen Andrea Nahles und Kristina Schröder - werden auch bestaunt wie Katzen, die Dreisatz rechnen wollen. Es traut ihnen allerdings kaum jemand zu, mit Kind denselben Job zu machen wie vorher. Es wird genau hingeschaut: Kriegt die das hin?

Das ist der Grund, warum sich viele prominente Frauen als Powermamas inszenieren müssen und so tun, als bekämen sie ihre Kinder im Vorbeigehen. Schwangerschaftsübelkeit, Müdigkeit, schwere Beine? "Mir geht es richtig gut", strahlt die werdende Mutter Schwesig in der Schweriner Volkszeitung. Noch mehr powert Yahoo-Chefin Marissa Mayer, die Zwillinge erwartet und keineswegs vorhat, beruflich auch nur ein kleines bisschen kürzer zu treten. Wochenbett - was ist das? Wer braucht das?

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Frauen, die Kinder bekommen haben und danach wieder im Job ernst genommen werden wollen, thematisieren das Muttersein oft lieber nicht. Zu gefährlich ist es in manchen Unternehmen, den Eindruck zu erwecken, man hätte sein Privatleben nicht im Griff oder es gäbe Dinge, die einem wichtiger sind als die Arbeit. Wer klug ist, sagt "Ich habe einen wichtigen Termin" statt "Das Kind hat sich eine Murmel in die Nase gesteckt und ich muss mal schnell zum Arzt".

Dieses Versteckspiel setzt dann allerdings alle arbeitenden Mütter und Väter unter Druck, das mit dem Kinderkriegen und Kinderhaben doch gefälligst ebenfalls ruckizucki, easy-peasy und vor allem unauffällig zu erledigen.

Es gibt unendlich viele Normalfälle

Mehr Platz für Vielfalt wäre hier schön. Da gibt es Frauen, denen Schwangerschaft nichts ausmacht, die eine komplikationslose Geburt und ein harmonisches Wochenbett erleben und die nach dem Mutterschutz am Schreibtisch sitzen, als wäre nichts gewesen. Sie wollen nicht geschont werden und sind trotzdem weder Rabenmütter noch Gebärmaschinen.

Es gibt Frauen, denen macht das alles mehr zu schaffen, wieder andere wollen sich mehr Zeit mit dem Kind geben oder vielleicht ganz zu Hause bleiben. Auch sie wollen ernst genommen werden und sind weder Zimperlieschen noch hirnlose Hausfrauen.

Und Männer in Elternzeit sind weder Helden noch Deppen, egal ob sie zwei oder zwölf Monate nehmen. Trotzdem werden wir weiter darüber reden müssen, wie sich prominente Frauen und Männer die Familienarbeit aufteilen. Denn jede Familie, die es - wie die Schwesigs - anders macht als die Mehrheit, bringt uns näher an diesen Idealzustand, in dem es einfach jeder so machen kann, wie er oder sie mag.

© SZ.de/feko
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