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Instagram:Babybäuche mit Sixpack

Aktueller Trend auf Instagram: Schwangere zeigen, wie sie kurz vor der Geburt ihres Kindes Gewichte stemmen und Muskeln trainieren. Experten warnen davor, sich an den #Fitmoms ein Beispiel zu nehmen.

Von Nadine Funck

In der 38. Schwangerschaftswoche eine Hantel mit mehr als 45 Kilogramm stemmen und nur wenige Stunden vor der Geburt des Kindes zum letzten Work-Out antreten? Was für viele Schwangere nach einer Zumutung klingen mag, beschreiben sogenannte "Fitmoms" auf Instagram als befreiend und stärkend.

Mehr als acht Millionen Bilder wurden unter dem Hashtag #fitmom bislang veröffentlicht - das Phänomen, das im vergangenen Jahr mit den Postings Einzelner begonnen hat, hat sich auf Instagram zum Trend ausgewachsen. Die Bilder zeigen werdende Mütter und Frauen, die vor kurzem Mutter geworden sind. Die Schwangeren eint ein durchtrainierter Körper und eine kleine Babykugel trotz weit vorangeschrittener Schwangerschaft.

Eine der Fitmoms ist die US-Amerikanerin Sia Cooper. Sie ist nicht nur zweifache Mutter, sondern auch ein Instagramstar, der inzwischen mehr als 140 000 Follower zählt. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes veröffentlichte sie ein Bild, das in keiner Weise auf eine nur wenige Tage zurückliegende Schwangerschaft schließen lässt.

Dem People Magazin erklärte sie, dass sie während der Schwangerschaft fünf Mal die Woche jeweils 60 Minuten trainiert und außerdem streng Diät gehalten habe. Das Ziel: ein möglichst kleiner Babybauch und die schnelle Rückkehr zur alten Form nach der Schwangerschaft. Ähnlich hielt es auch die US-Amerikanerin Emily Breeze, die bis kurz vor der Geburt ihres Sohnes extremes Krafttraining betrieb. Auf Instagram schreibt sie über ihr Schwangerschafts-Bootcamp, wie sie es selbst nennt: "Vom ersten Tag der Schwangerschaft an habe ich gewusst, dass ich so lange weitermachen werde, wie es mein Körper zulassen wird."

Sowohl Sia Cooper als auch Emily Breeze erhalten täglich Dutzende Kommentare voller Zuspruch von ihren Followern. Dass hinter der vorgeblichen Leichtigkeit jedoch hartes, jahrelanges Training steckt, übersehen die meisten von ihnen. Denn keine der Fitmoms hat erst während der Schwangerschaft, sondern bereits Jahre vorher mit intensivem (Kraft-)Training begonnen. Viele von ihnen sind sogar professionelle Wettkämpfer oder arbeiten als Personal Trainer.

Auch Moni Homann aus Hamburg arbeitet seit vielen Jahren als Personal Trainer, betreut Frauen während und nach der Schwangerschaft. Sie ist selbst Mutter eines Sohnes und hält den aktuellen Trend für äußerst gefährlich. "Solche Bilder setzen andere Schwangere einem Zugzwang aus, den ich als sehr fahrlässig erachte." So sei es ihrer Meinung nach völliger Unsinn, während der Schwangerschaft ein Sportpensum mit schweren Gewichten absolvieren zu wollen. "In dieser Zeit strebt der Körper hormonell nach allem, aber nicht nach Festigkeit. Vielmehr geht es der Natur darum, alles weich zu machen, um die Entbindung zu erleichtern."

Obwohl es inzwischen zahlreiche Studien gibt, die belegen, dass viele Sportarten während der Schwangerschaft sowohl für die Mutter, als auch für das Kind günstig sind, sei von Extremsport während der Schwangerschaft dringend abzuraten, betont auch Maron Sulprizio. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln und findet für Trends wie den der Fitmoms klare Worte: "Wer während der Schwangerschaft Muskelaufbau betreibt, gefährdet sein Kind." Denn: Wer Muskeln aufbauen möchte, muss im anaeroben Bereich trainieren. Das heißt, dass die Muskeln beim Training übersäuert werden. Genau das aber ist gefährlich während einer Schwangerschaft: Die Milchsäure gelangt in die Plazenta und schadet dem Kind.

Doch intensives Training kann für Mutter und Kind auch auf andere Art und Weise schädlich sein, erklärt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. "Die Frau darf auf keinen Fall in einen Zustand der völligen Erschöpfung kommen. Auch wenn sie darin geübt ist, immer bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten und bis ins Muskelversagen hinein zu trainieren, muss sie das in der Schwangerschaft sein lassen." Das nämlich könne vorzeitige Wehen auslösen. Auch Bauchmuskeltraining stelle eine Gefahr dar: "Durch das Stemmen schwerer Gewichte oder durch massives Bauchmuskeltraining kann es nach und nach zu einem Reißen der Mittellinie der Bauchwand kommen, wir sprechen von dem sogenannten Bauchdeckenbruch."

Gleichzeitig aber betont Marion Sulprizio, dass es durchaus richtig und wichtig sei, sich auch während der Schwangerschaft zu bewegen. Das Zauberwort laute hier: moderates Training. "In der Schwangerschaft geht es nicht darum, Muskeln aufzubauen, sondern zu erhalten." Wichtig sei dabei vor allem in den eigenen Körper hinzuhören. So müssen auch Trainierte ihre Trainings-Intensität nach und nach anpassen und mehr auf Müdigkeit, schlechte Tage, Formtiefs und Rücken- oder Kopfschmerzen achten.

Für all jene, die sich erst während der Schwangerschaft dazu entschließen, Sport zu treiben, empfiehlt Sulprizio klassische Ausdauersportarten wie Nordic Walking, Radfahren oder Schwimmen. Denn Fakt ist, so Sulprizio: "Wer trainiert ist, für den ist die Geburt eines Kindes weniger anstrengend als für jemanden, der völlig untrainiert ist. Die Geburt an sich ist eben auch eine sportliche Herausforderung."

© SZ.de/jobr/feko
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