Familien-NewsletterWie lässt sich Schulen mehr Leben einhauchen?

Lesezeit: 2 Min.

Friedrich Bungert

Unser Autor war im ersten G8-Jahrgang in Bayern - als Versuchskaninchen zum Turboabitur. Heute fragt er sich: Wie sollte Schule eigentlich sein?

Ein Familien-Newsletter von Julian Gerstner

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Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie denken Sie an Ihre Schulzeit zurück? Ich war im ersten G8-Jahrgang in Bayern, Abi 2011, Motto: „Angriff der Versuchskaninchen“. Und so fühlte sich das tatsächlich manchmal an - wie ein großes, missglücktes Experiment. Mein Kollege Thomas Balbierer hat im selben Jahr Abitur gemacht und diesen lesenswerten Essay geschrieben (SZ Plus). Jetzt, wo das bayerische G8 wieder in der Schublade verschwunden ist, wo es herkam.

Thomas schreibt: „Für mich waren die 34-Stunden-Wochen in der Schule manchmal wie ein bitterer Vorgeschmack auf das Arbeitsleben. Gefangen am Schreibtisch. Die Freizeit wurde immer knapper, irgendwann musste ich mich sogar vom Fußballverein abmelden.“ Ich habe seinen Text gelesen, als ich gerade selbst für eine Schul-Recherche im ICE nach Berlin saß, mit der großen Frage im Gepäck: Wie sollte Schule sein? An der Albert-Gutzmann-Schule in Wedding spannt der Rektor den Basketballverein Alba Berlin für die Nachmittagsbetreuung ein - mit großem Erfolg. Wie das funktioniert, habe ich mir einen Tag lang angeschaut (SZ Plus).

Es gibt da unter anderem ein Ligasystem für die Pausen, in dem Klassen gegeneinander antreten. Am Ende werden nicht nur die besten Spieler geehrt, sondern auch die fairsten. Auch sonst verschmelzen hier Schule und Verein. Viele der Kinder sagen, dass sie auf die Alba-Schule gehen oder feuern ihr Team mit „Alba-Gutzmann“ an, wenn andere Einrichtungen zu Turnieren kommen.

30 Nachmittagsangebote gibt es mittlerweile an der Brennpunktschule, neben Basketball und Fußball auch Flag Football, Boxen, Tanzen, aber genauso Nähen, Theater und Chor. Seit der Kooperation mit Alba Berlin ist nicht nur das Gewaltlevel unter den Kindern gesunken, auch der Berliner Senat vergab bei der letzten Inspektion Bestnoten.

Das liegt vermutlich auch an Udo Meinecke, dem Schulleiter. Dessen Biografie könnte man verfilmen. Aufgewachsen in der DDR, Elektriker gelernt, Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee, Abitur an der Abendschule, zwischenzeitlich sogar im Gefängnis. Er sagt: „Ich musste in meinem Leben immer flexibel bleiben. Vielleicht ist mir auch deshalb der Grundsatz so wichtig: Schule muss sich mehr dem Leben öffnen.“

Und das nicht nur in Berlin: Mit Beginn des nächsten Schuljahres haben alle Erstklässler bundesweit Anspruch auf Ganztagsbetreuung. Drei Jahre später gilt er für alle Grundschulkinder bis zur vierten Klasse - genau dann, wenn meine Tochter voraussichtlich in die Schule kommt. Zum Glück hat sie noch etwas Zeit. Im September kommt sie jetzt erst mal in den Kindergarten, Igel-Gruppe. Sie freut sich schon, und ich auch, Igel sind ja keine Versuchskaninchen.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende,

Julian Gerstner

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