bedeckt München

Schüler-Podcast:Das Ohr-Experiment

In einer Grundschule in Niedersachsen nehmen Schüler jeden Tag einen Podcast auf - und immer mehr Menschen hören zu. Wie nah kann man sich durch Hören kommen?

Von Nina Mohs

Sprechen ist schwer. Zumindest in ein Mikrofon, das jedes Schmatzen, Schlucken, Atmen, Räuspern, Prusten und alle Ähhhms und Ohhhs aufzeichnet. Und dann muss auch noch der Text sitzen, obwohl man aufgeregt ist. "Das ist am schwierigsten. Dafür muss ich immer richtig lange üben", sagt Alexander, 6. Gemeinsam mit seinen Mitschülerinnen Maia und Lindita, beide 7, nimmt er in der Schule jeden Tag einen Podcast auf. Das ist eine Art Radiosendung, die man im Internet anhören kann.

Alexander, Lindita und Maia(v.r.) auf Geräuschepirsch in den leeren Fluren der Schule.

(Foto: Christoph Schieb)

Die drei gehören zu den wenigen Kindern, die noch in die Grundschule Bad Münder in Niedersachsen kommen. Schon seit sieben Wochen ist ihre Schule wegen des Coronavirus geschlossen. Doch weil ihre Eltern bei der Polizei, im Krankenhaus oder der Altenpflege dringend gebraucht werden, dürfen manche Schüler trotzdem kommen - in die Notbetreuung. Dort machen sie Schulaufgaben, toben auf dem Hof oder machen eben Podcasts. Ihre Schultage sehen ganz anders aus als sonst: Es ist leer und leise, die anderen Kinder fehlen. Wie muss das erst für alle diejenigen sein, die ganz daheimbleiben müssen?

Goldene Aufnahme-Regel: Erst sprechen, wenn der Daumen oben ist.

(Foto: Christoph Schieb)

"Wir wollen nicht, dass sich jemand einsam fühlt. Der Podcast verbindet uns alle", sagt Lindita. Für sie ist die Sendung eine Art Gegengift zu Coronafrust, Traurigsein und Freundevermissen. Weil Mathe sicher niemandem fehlt, die Mitschüler aber eben schon. Deshalb auch der Name: Miteinander-Podcast.

Wo steckt Wally? Auf dem Dachboden suchen die Podcast-Reporter nach dem Schulgespenst.

(Foto: Christoph Schieb)

Jeden Morgen um 9 Uhr nehmen die Kinder mit Direktor Christoph Schieb eine neue Folge auf, die dann jeder im Internet nachhören kann (www.gs-badmuender.de). Dafür treffen sie sich im Aufnahmestudio der Schule, natürlich mit 1,5 Metern Abstand. Bei einem Podcast geht es mindestens um zwei Dinge: Was man sagt und wie es klingt. Nur wenn beides stimmt, hören andere gerne zu. Für einen guten Klang sorgt im Studio viel Schaumstoff, weil das Material störenden Hall und Störgeräusche schluckt. Eine Schicht liegt über dem Mikrofon, zwei flauschige blaue Wände schirmen die Aufnahme ab. Damit während Corona alles sauber und hygienisch bleibt, stülpt der Direktor zusätzlich eine Plastiktüte über das Mikro, als Spuckschutz. "Das ist auch nötig", kichert Alexander.

Der Klang der Stimme verändert sich, wenn man den Abstand zum Mikrofon verkleinert oder vergrößert. Die Folie dient als Spuckschutz wegen Corona.

(Foto: Christoph Schieb)

Die Podcaster lassen sich jeden Tag etwas Neues einfallen. Mal testen sie Spiele, geben Techniktipps fürs Podcasten oder nehmen auf, was sie in der Schule so machen: Gemüsesamen im Schulbeet pflanzen oder Windräder und Vogeldrachen basteln zum Beispiel. Ein andermal interviewen sie Gäste wie den Bürgermeister von Bad Münder, den Hausmeister der Schule oder einen Arzt. Ein Stück Normalität für die Ohren, dem nicht nur ihre Mitschüler gern folgen: "Mein Papa hört den Podcast am liebsten. Aber es ist auch ein bisschen peinlich, sich selbst zu hören", sagt Lindita. Maia dagegen freut sich immer sehr, wenn man sie im Podcast hören kann. Ihr größter Fan ist ihr kleiner Bruder. Auch viele Omas und Opas mit Sehnsucht nach ihren Enkeln hören mit. Ganz wichtig für den Podcast ist Quatsch. Ganz viel davon, am besten in Form von Rätseln und Streichen. "Lachen tut gerade einfach gut", sagt Tom, der auch mitmacht. In fast jeder Folge veräppelt zum Beispiel der hauseigene Schulgeist Wally den Direktor. Wally lebt schon seit fünf Jahren auf dem Dachboden der Grundschule und ist so etwas wie ihr Maskottchen. In Linditas Lieblingsfolge kippt Wally dem Direktor einen Eimer Wasser über den Kopf. Für den Streich musste Christoph Schieb unter die Dusche steigen, anders war das Geräusch nicht zu bekommen. Überhaupt, die Geräusche. Sie einzufangen ist das Spezialgebiet von Tom, 15, und Benjamin, 13, geworden. Die Söhne des Direktors sind ständig auf der Jagd nach Tönen. "Für ein Sporthallenrätsel haben wir zum Beispiel mit dem Aufnahmegerät in der Hand einen Ball hin und her geschossen", erzählt Benjamin. Alle Hörer können dann miträtseln. Wer es weiß, schickt die Lösung per Sprachnachricht an den Direktor, oft hängen noch Grüße an die Podcaster hinten dran, etwa diese von James aus der 1c: "Ich freue mich, dass ihr mich mit dem Podcast glücklich macht!" Besonders schwer ist dem Direktor übrigens ein überzeugender Nieser gefallen, als Wally Pfeffer in die Tulpen gestreut hat. Denn Niesen ohne Niesen zu müssen ist verdammt schwer. Und auch noch coronakorrekt in die Armbeuge!

Auch der Bürgermeister wurde schon interviewt. Das ist er allerdings nicht...

(Foto: Christoph Schieb)
© SZ vom 02.05.2020
Zur SZ-Startseite