Süddeutsche Zeitung

Reden wir über Liebe:"Schüchterne sind ichbezogen"

Sie würden ja gern, doch sie finden die Worte nicht: Schüchterne sind in Gegenwart des anderen Geschlechts oft gehemmt. Eine Beziehungsexpertin erklärt, was dahintersteckt.

SZ: Frau Deißler, reden wir über die Liebe. Sie versprechen Schüchternen Selbstbewusstsein, ja sogar, den Traumpartner fürs Leben zu finden - mit Selbstbewusstsein haben Sie offensichtlich keine Probleme. Waren Sie selbst mal schüchtern?

Nina Deißler: Tatsächlich war ich nie schüchtern. Als Jugendliche habe ich Freunden geholfen, auf Mädchen zuzugehen. Dadurch habe ich gelernt, Schüchternheit zu verstehen. So sehe ich die Situation aus einer anderen Perspektive und kann Schüchternen erklären, wo ihr Problem liegt.

Was ist denn ihr Problem?

Sie machen sich zum Beispiel zu viele Gedanken, was andere von ihnen halten könnten. Äußerlich wirken sie ruhig, aber innen ist der Teufel los: Sämtliche Szenarien, wie die Reaktion des Gegenüber aussehen könnte, werden durchgespielt - allerdings nur Horrorszenarien. Ein schüchterner Mensch möchte eigentlich Kontakt zu anderen. Aber aus Angst, sich zu blamieren, oder weil er denkt, nicht gut genug zu sein, hält er sich zurück. Nach dem Motto: Ich lehne dich ab, bevor du mich ablehnst. Vor allem Männer leiden bei der Partnersuche unter ihren Hemmungen. Da wir nach wie vor von ihnen erwarten, auf die Frauen zuzugehen.

Was müsste ich als Mann sagen, um bei Ihnen zu landen?

Es gibt keinen Spruch, der immer funktioniert - aber es gibt Türöffner. Wenn ein Mann fragt: "Kann ich mich zu dir setzen?", geraten viele Frauen zunächst in eine innere Abwehrhaltung: "Was will der von mir?" Wenn er aber seine Absicht erklärt, sind wir zugänglicher. Zum Beispiel: "Es ist so voll hier. Ich bin alleine und du siehst nett aus. Darf ich mich zu dir setzen?" Bei einer Unterhaltung brauche ich das Gefühl, der andere ist mir freundlich gesonnen, hat tatsächlich etwas zu erzählen und interessiert sich für mich. Es ist übrigens eine Fehlannahme, dass der erste Eindruck davon abhängt, wie das Gespräch beginnt.

Sondern?

Bereits beim ersten Blick analysiert die Frau blitzschnell, ob der Mann etwa arrogant oder zugänglich rüberkommt. Ob er gepflegt wirkt und so weiter. Eine Frau sendet Interesse, indem sie den Blickkontakt erwidert. Männer gehen nicht auf Frauen zu, die abweisend wirken. Das ist das Problem schüchterner Frauen: Sie trauen sich nicht, einem Mann zu signalisieren, dass sie ihn interessant finden. Immerhin haben sie es trotz allem leichter, da sie dennoch angesprochen werden können. Umgekehrt ist das nur selten der Fall.

Dabei weicht das traditionelle Rollenbild doch immer mehr auf. Könnte das nicht auch eine Chance für den schüchternen Mann sein?

Es könnte eine sein, wenn er wüsste, wie er damit umgeht. Stattdessen führen Schüchterne eher einen inneren Dialog mit sich selber. Jeder Gedanke löst eine emotionale Reaktion und einen entsprechenden Gesichtsausdruck aus - in diesem Fall wirkt er angespannt oder gestresst. Das ist nicht attraktiv und so ist es oft vorbei, bevor es angefangen hat. Ein Mann, der Selbstbewusstsein ausstrahlt, fällt positiv auf. Im Frauengehirn werden Instinkte aktiviert, die nicht von 2018, sondern uralt sind.

Frauen bevorzugen also nach wie vor den starken, selbstbewussten Alpha-Mann?

Das kommt darauf an, was wir mit ihm vorhaben. In der Attraktivitätsforschung gibt es einen entscheidenden Unterschied: Wen finden wir attraktiv? Und wen wählen wir als Partner aus?

Das hieße, Frauen wollen in ihrer Fantasie vom wilden Mann mit dreckigen Schuhen am Küchentisch genommen werden, wünschen sich aber in der Realität jemanden, der die Kaffeeflecken vom Tisch wegwischt. Ist das nicht unfair?

Das ist ausgleichende Gerechtigkeit. Männer haben auch ambivalente Wünsche, wie ihre Frau sein soll. Ich habe allerdings oft den Eindruck, den Männern ist es bewusster, dass ihre Fantasien unrealistisch sind.

"Einigen Menschen fällt es schwer, Werbung für sich selbst zu machen"

Kann eine schüchterne Ausstrahlung bei der Partnersuche nicht sogar von Vorteil sein? Schließlich wirkt distanziertes Verhalten auch anziehend.

Ein gewisser Grad an Zurückhaltung ist sexy, ja. Aber nicht, wenn jemand die Zähne gar nicht auseinanderkriegt.

Der Sozialpsychologe Philip Zimbardo beschreibt Schüchternheit als "Gefängnis im Kopf". Warum quälen sich Schüchterne so?

Das klingt jetzt hart, aber Schüchterne sind ichbezogen. Sie gehen davon aus, dass andere ständig über sie nachdenken, was ja meist gar nicht stimmt. Die Betroffenen nehmen sich daher in gewisser Weise wichtiger, als es in der Realität der Fall ist. Meine Klienten hören das nicht gerne, sehen aber irgendwann ein, dass es ihre Gedanken sind, die ihr Verhalten bestimmen.

Vereinfachen Online-Partnerbörsen die Situation, indem sie Schüchternen den direkten Erstkontakt ersparen - oder liegt gerade da das Problem?

Für introvertierte Menschen kann das hilfreich sein, da sie mehr Zeit haben, nach den richtigen Worten zu suchen. Sie umgehen aber dadurch, sich dem Nervenkitzel der ersten Begegnung auszusetzen - der durchaus schön sein kann.

Es gibt Internetportale, die Ghostwriting anbieten und humorvolle Chat-Nachrichten im Namen ihrer Kunden schreiben, die zum ersten Date führen sollen. Ist diese Starthilfe bzw. Täuschung sinnvoll oder eher kontraproduktiv?

Einigen Menschen fällt es schwer, Werbung für sich selbst zu machen. Da können professionelle Schreiber helfen und mit Formulierungen unterstützen. Allerdings: Irgendwann muss ich dem anderen gegenübertreten. Dann besteht die Gefahr, dass sich die andere Seite in die Worte verliebt hat und beim ersten Treffen enttäuscht ist.

Wenn das Kennenlernen schon so schwierig ist: Inwiefern beeinflusst Schüchternheit das Beziehungsleben?

Das kommt darauf an, was die Schüchternheit auslöst. Manche sind nur in bestimmten Situationen schüchtern und tauen in der Beziehung auf. Schüchternheit, die aus schlechten Erfahrungen resultiert, kann dazu führen, dass sich eine dauerhafte Angst verfestigt hat, dem Partner nicht zu genügen. Die Betroffenen geben sich aber nicht zwangsläufig als zurückhaltend zu erkennen, da sie nicht wollen, dass ihre Angst auffällt. Introvertierte Menschen dagegen bleiben in Beziehungen meist wenig redselig. Sie sind aber nicht schüchtern, sondern von Natur aus eher stille Beobachter. Daher fehlt ihnen auch die Übung, mit anderen Menschen zu sprechen, was sich in der Partnerschaft bemerkbar machen kann.

Sind schüchterne Menschen in der Patnerschaft konfliktscheuer?

Ja, da sie oft nicht so viel von sich halten, sind sie häufig eher konfliktscheu und harmoniebedürftiger als Menschen mit gesundem Selbstvertrauen. Sie geben öfter klein bei, leiden dann still oder rächen sich emotional bei nächster Gelegenheit - zum Beispiel indem sie dem Partner, wenn es sich anbietet, für eine seiner Verfehlungen lange Schuldgefühle einreden.

Ist das Risiko des Fremdgehens bei einem schüchternen Partner geringer - womöglich, weil sie sich schwertun, andere Partner zu finden?

Ich würde gerne etwas anderes sagen, aber vermutlich ist der Schüchterne deshalb besonders treu, weil er wenige Gelegenheiten bekommt. Allerdings habe ich es auch schon erlebt, dass ein Schüchterner, wenn er von jemand Neuem begehrt wird, seine aktuelle Beziehung komplett in Frage stellt und diese auch daran zerbrechen kann. Deshalb rate ich Menschen in Beziehungen dazu, ab und an ein wenig zu flirten, um nicht ganz aus der Übung zu kommen.

Wer ist die perfekte Partnerin für einen schüchternen Mann - eine Macherin oder eine zurückhaltende Person?

Es gibt Schüchterne, die sich bewusst eine Macherin suchen, die das für Schüchterne oft anstrengende "Socializing" übernimmt. Oder zumindest jemanden, der nicht ganz so zurückhaltend ist wie sie selbst. So hoffen sie, mithilfe des Partners an Lebensqualität zu gewinnen, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben. Allerdings habe ich auch schon Paare mit zwei schüchternen Partnern erlebt. Die haben sich oft viel zu erzählen, weil sie sich ähnlich sind. Sie fühlen sich verstanden und erkennen: "Hey, du bist wie ich!" Das baut die Hemmung ab. Allerdings lernen sich solche Konstellationen nicht so leicht kennen.

Was haben Sie bei Ihrer Arbeit über die Liebe gelernt?

Dass die Liebe zum Glück immer noch unberechenbar ist und von vielen Einzelfaktoren abhängt. Einige davon können wir beeinflussen, andere bleiben ein Geheimnis - oder Magie.

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