bedeckt München 21°
vgwortpixel

Reden wir über Liebe:"Schüchterne sind ichbezogen"

Schüchterne Menschen sind gegenüber dem anderen Geschlecht oft gehemmt

Äußerlich wirken sie ruhig, aber innen ist der Teufel los: Schüchterne Menschen machen sich zu viele Gedanken, was andere von ihnen halten könnten, sagt die Beziehungsexpertin.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Sie würden ja gern, doch sie finden die Worte nicht: Schüchterne sind in Gegenwart des anderen Geschlechts oft gehemmt. Eine Beziehungsexpertin erklärt, was dahintersteckt.

SZ: Frau Deißler, reden wir über die Liebe. Sie versprechen Schüchternen Selbstbewusstsein, ja sogar, den Traumpartner fürs Leben zu finden - mit Selbstbewusstsein haben Sie offensichtlich keine Probleme. Waren Sie selbst mal schüchtern?

Nina Deißler: Tatsächlich war ich nie schüchtern. Als Jugendliche habe ich Freunden geholfen, auf Mädchen zuzugehen. Dadurch habe ich gelernt, Schüchternheit zu verstehen. So sehe ich die Situation aus einer anderen Perspektive und kann Schüchternen erklären, wo ihr Problem liegt.

Was ist denn ihr Problem?

Sie machen sich zum Beispiel zu viele Gedanken, was andere von ihnen halten könnten. Äußerlich wirken sie ruhig, aber innen ist der Teufel los: Sämtliche Szenarien, wie die Reaktion des Gegenüber aussehen könnte, werden durchgespielt - allerdings nur Horrorszenarien. Ein schüchterner Mensch möchte eigentlich Kontakt zu anderen. Aber aus Angst, sich zu blamieren, oder weil er denkt, nicht gut genug zu sein, hält er sich zurück. Nach dem Motto: Ich lehne dich ab, bevor du mich ablehnst. Vor allem Männer leiden bei der Partnersuche unter ihren Hemmungen. Da wir nach wie vor von ihnen erwarten, auf die Frauen zuzugehen.

Reden wir über Liebe "Liebeskummer ist bei uns verpönt"

Reden wir über Liebe

"Liebeskummer ist bei uns verpönt"

Wer verlassen wurde, versucht sich abzulenken und den Liebeskummer zu verdrängen. Coach Silvia Fauck erklärt, warum es gerade für Männer manchmal heilsam ist, traurig zu sein.   Von Oliver Klasen

Was müsste ich als Mann sagen, um bei Ihnen zu landen?

Es gibt keinen Spruch, der immer funktioniert - aber es gibt Türöffner. Wenn ein Mann fragt: "Kann ich mich zu dir setzen?", geraten viele Frauen zunächst in eine innere Abwehrhaltung: "Was will der von mir?" Wenn er aber seine Absicht erklärt, sind wir zugänglicher. Zum Beispiel: "Es ist so voll hier. Ich bin alleine und du siehst nett aus. Darf ich mich zu dir setzen?" Bei einer Unterhaltung brauche ich das Gefühl, der andere ist mir freundlich gesonnen, hat tatsächlich etwas zu erzählen und interessiert sich für mich. Es ist übrigens eine Fehlannahme, dass der erste Eindruck davon abhängt, wie das Gespräch beginnt.

Sondern?

Bereits beim ersten Blick analysiert die Frau blitzschnell, ob der Mann etwa arrogant oder zugänglich rüberkommt. Ob er gepflegt wirkt und so weiter. Eine Frau sendet Interesse, indem sie den Blickkontakt erwidert. Männer gehen nicht auf Frauen zu, die abweisend wirken. Das ist das Problem schüchterner Frauen: Sie trauen sich nicht, einem Mann zu signalisieren, dass sie ihn interessant finden. Immerhin haben sie es trotz allem leichter, da sie dennoch angesprochen werden können. Umgekehrt ist das nur selten der Fall.

Dabei weicht das traditionelle Rollenbild doch immer mehr auf. Könnte das nicht auch eine Chance für den schüchternen Mann sein?

Es könnte eine sein, wenn er wüsste, wie er damit umgeht. Stattdessen führen Schüchterne eher einen inneren Dialog mit sich selber. Jeder Gedanke löst eine emotionale Reaktion und einen entsprechenden Gesichtsausdruck aus - in diesem Fall wirkt er angespannt oder gestresst. Das ist nicht attraktiv und so ist es oft vorbei, bevor es angefangen hat. Ein Mann, der Selbstbewusstsein ausstrahlt, fällt positiv auf. Im Frauengehirn werden Instinkte aktiviert, die nicht von 2018, sondern uralt sind.

Frauen bevorzugen also nach wie vor den starken, selbstbewussten Alpha-Mann?

Das kommt darauf an, was wir mit ihm vorhaben. In der Attraktivitätsforschung gibt es einen entscheidenden Unterschied: Wen finden wir attraktiv? Und wen wählen wir als Partner aus?

Das hieße, Frauen wollen in ihrer Fantasie vom wilden Mann mit dreckigen Schuhen am Küchentisch genommen werden, wünschen sich aber in der Realität jemanden, der die Kaffeeflecken vom Tisch wegwischt. Ist das nicht unfair?

Das ist ausgleichende Gerechtigkeit. Männer haben auch ambivalente Wünsche, wie ihre Frau sein soll. Ich habe allerdings oft den Eindruck, den Männern ist es bewusster, dass ihre Fantasien unrealistisch sind.