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Dem Geheimnis auf der Spur:Stein des Anspruchs

The Coronation Chair Westminster Abbey City Of Westminster London England Here Seen With The St

Sandstein mit Geschichte: Der "Stone of Scone" war über Jahrhunderte Bestandteil des Krönungsthrons der englischen Könige.

(Foto: imago classic/imago images/Design Pics)

Der "Stone of Scone" ist ein schottisches Nationalsymbol und war lange Bestandteil des Krönungsthrons der englischen Monarchen. Aber ist er überhaupt echt?

Von Carolin Werthmann

Im schottischen Edinburgh Castle ruht ein Stein, der nicht hässlicher sein könnte und zugleich kaum bedeutungsvoller für eine Nation, die seit Jahrhunderten um ihre Unabhängigkeit feilscht. Das Exponat, ein Klumpen Sandstein mit Mulden und Poren, die aussehen wie Dellen und Warzen auf gealterter Haut, birgt bei aller ästhetischer Bescheidenheit die Spuren vergangener Kriege in sich, dazu den Besitz- und Machtanspruch schottischer und englischer Monarchen, die Strapazen vergangener Diebstähle und die Frage: Ist der echt?

Nun könnte man recht einfach sagen: Ja. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ist dieser unter dem Namen "Stone of Scone" bekannte Sandstein echt. Aber dann wäre die Geschichte hier zu Ende. Und das ist sie nicht.

Der "Stone of Scone" war bis ins Jahr 1296 ein heiliges Relikt für die Krönungszeremonien der schottischen Könige, er befand sich auf einem Hügel neben dem Scone Palace nördlich der schottischen Stadt Perth. Dann kam König Edward I. aus England. Nach seinem Sieg in einer englisch-schottischen Schlacht zu Beginn der Unabhängigkeitskriege beschlagnahmte er den Stein und ließ ihn nach Westminster Abbey in London bringen. Er gab einen Krönungsthron in Auftrag, den "Coronation Chair", unter dessen Sitzfläche er den "Stone of Scone" einfassen ließ. Von nun an sollten englische Monarchen während ihrer Krönung auf einem Stück Schottland sitzen. Die Engländer machten sich die Nachbarn im Norden symbolisch untertan. Für die Schotten war das natürlich ein Affront.

Wurde der Originalstein ausgetauscht, bevor die Engländer ihn raubten?

Man erzählt sich, der Stein, den Edward I. in Scone Palace als vermeintliches Original und Machtsymbol für sich beanspruchte, sei zuvor ausgetauscht worden, in weiser Voraussicht der Schotten, er könnte gestohlen werden. Wären diese Behauptungen aus verlässlichen Quellen - was sie nicht sind -, hieße das, der Stein, der um 1296 in Westminster Abbey in den Krönungsstuhl eingearbeitet wurde und auf dem 1953 Queen Elizabeth II. zur Königin ernannt wurde, wäre eine Fälschung. Dementsprechend auch das Ausstellungsstück im Edinburgh Castle.

Als der "Stone of Scone" vor 25 Jahren nach Edinburgh kam, führten Restauratoren umfangreiche konservatorische Untersuchungen durch. Sie publizierten ein Buch über ihre Arbeiten, ein erster umfassender wissenschaftlicher Beleg dafür, dass es sich bei dem Stein um kein Duplikat handelt. Dennoch ist die Frage nach der Authentizität nie ganz vergessen worden. Denn es gab einen Vorfall, der die Spekulationen aufrechterhielt, und der ist gar nicht mal so lang her.

Vor 70 Jahren - es war im Dezember - fuhren vier schottische Studenten aus Glasgow mit zwei Fords Anglia Richtung Süden nach London. Ihre Namen: Ian Hamilton, Kay Matheson, Gavin Vernon und Alan Stuart. Die Namen sind deshalb wichtig, weil ihre Träger später trotz gefängnisreifer Tat wie Nationalhelden gefeiert wurden, zumindest von Patrioten, die Schottlands Souveränität schon damals befürworteten.

Vier schottische Studenten auf Raubzug in Westminster Abbey

18 Stunden dauerte der Roadtrip der vier nach London. Ihr Ziel: Westminster Abbey. Ihre Mission: Den "Stone of Scone" zurück nach Schottland holen.

Durch eine Seitentür stiegen Hamilton, Stuart und Vernon nachts in Westminster Abbey ein, sie waren vorbereitet, hatten die Abtei vorher ausgekundschaftet, den Thron und den Stein inspiziert. Kay Matheson wartete draußen in einem der Fords, der Motor lief, bereit zum Sprint, um die Beute in Sicherheit zu bringen. Die Jungs fummelten derweil an dem Krönungsstuhl im Inneren der Abtei, zerrten den Stein aus seiner Kammer heraus. Er fiel. Eine Ecke brach ab. Ein Stück Geschichte auf dem Boden zersplittert - oder ein weiteres Zeichen für die Zerrissenheit der Briten.

Die Sicherheitskräfte schlugen Alarm, Hamilton verfrachtete eines der beiden Bruchstücke in Kay Mathesons Ford. Die Studentin raste los gen Norden, ließ die Jungs mit dem anderen Stück des Steins zurück, schmuggelte ihren Teil über die Grenze. Die Londoner Polizei im Nacken, deponierten die verbliebenen drei ihr Stück auf dem Land in Kent, weiter waren sie nicht gekommen. Erst Wochen später wagten sie es, den Stein nach Schottland zu transportieren und ihn - restauriert und mit Kay Mathesons Stück vereint - in Arbroath Abbey zu deponieren.

Später hieß es, die Studenten hätten den Stein bei der Aktion leicht austauschen können, und der, den die Polizei wenige Monate später beschlagnahmte und wieder nach London bringen ließ wie damals Edward I., sei nicht das Original aus Westminster Abbey.

Der Krimi geht weiter, die Schotten planen ein neues Unabhängigkeitsreferendum

In dem Buch, in dem man diesen Krimi nachlesen kann, spielt das allerdings keine Rolle. Autor ist der inzwischen 95-jährige Ian Hamilton, der einzige noch lebende Beteiligte des Raubs. Alex Salmond, der ehemalige First Minister Schottlands, der 2014 das erste Unabhängigkeitsreferendum auf den Weg brachte, schreibt in einem Vorwort von Hamiltons Buch, dass es eine direkte Verbindung zwischen dessen Mission und den Errungenschaften der Scottish National Party (SNP) gäbe. "Es war Ian Hamilton, der (...) den modernen Prozess in die Wege leitete, das Land aufzuwecken und es an seine Geschichte und sein Potenzial zu erinnern." Auch bei den Regionalwahlen im vergangenen Mai ging die SNP unter Regierungschefin Nicola Sturgeon als Gewinnerin hervor und strebt die nächste Volksabstimmung an - diesmal in der Hoffnung auf eine Mehrheit der Stimmen für die Unabhängigkeit vom Königreich.

Hamilton und seine Komplizen blieben unbestraft, der "Stone of Scone" kam zurück nach Westminster Abbey, bis 1996 der damalige britische Premierminister John Major veranlasste, den Stein als Leihgabe an das Edinburgh Castle zu überreichen. Weniger verstanden als Entgegenkommen denn als kalkulierte Wahlkampagne, kommentierte die britische Presse die Geste: "The Scots asked for a parliament, and John Major gave them a Stone." Die Schotten forderten ein Parlament, John Major gab ihnen einen Stein. Aber was für einen: einen dicken Brocken Identität.

© SZ
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