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"Schön Doof" zu Vegan-Trend:Für diese Schorle musste kein Tier leiden

Illustration: Bene Rohlmann

Neuerdings tragen selbst Möhren und Apfelschorle das Prädikat "vegan". Schön zu wissen, dass wir auf der richtigen Seite stehen.

Glosse von Jan Stremmel

Gute Nachrichten zum Wochenende: Für die Herstellung von Karotten muss kein Tier sterben! Im Supermarkt weist seit Kurzem ein grünes Klebesiegel auf dem Möhrenbündel darauf hin, vorliegendes Gemüse sei übrigens "vegan".

Nanu? Wo derlei Selbstverständlichkeit per Siegel bekundet werden muss, liegt der Schluss nahe, man werde wohl für dumm verkauft. Ist das Etikett also ein weiteres Zeichen für die Entfremdung des Stadtmenschen von seinen Wurzeln im Ackerboden? Für die elende Label-Hörigkeit unserer Konsumgesellschaft, die sich lieber eingeschweißte Bio-Tomaten in den Einkaufswagen legt, als einmal zum Gemüsehändler zu radeln?

Von wegen! Es handelt sich dabei in Wahrheit um einen super Trick. Gerne mal ausprobieren: Der Weg in die Arbeit fühlt sich gleich doppelt so gut an, wenn man ihn nicht einfach "radelt" - sondern auf einem speziell benzinsparenden Fahrrad zurücklegt. Oder mit der U-Bahn ohne Nuklearantrieb. Wer sich angenehme Allgemeinplätze einfach mal wieder ins Bewusstsein ruft, lebt deutlich froher. Darauf einen alkoholfreien Tee!

Auch die Hersteller von Apfelschorle exerzieren den Trick mit Bravour. Deshalb findet man regalmeterweise Sprudelflaschen mit "Vegan"-Siegel im Getränkemarkt. Das Siegel schubst den Kunden vor dem Regal in ein Wechselbad der Gewissensbisse: Erst die ohrfeigenmäßige Erkenntnis, bisher durch das Trinken von nichtveganer Apfelschorle das Leid von Tieren mitverantwortet zu haben (der Saft wird sonst mit Schweinegelatine geklärt!). Und postwendend der erlösende Ablasshandel: Kein Problem, alter Tierfreund, einfach ab sofort den grün besiegelten Sprudel kaufen. Gern geschehen!

Bleibt nur eine Frage: War die Sache mit den echten Veganern nicht ein wenig komplizierter? Verzichten die nicht neben Schweinegelatine auch zum Beispiel auf Leder oder Kondome (die regulär mit Milcheiweiß hergestellt werden)? Und werden die Flaschen, in der man die Schorlen kauft, nicht weiterhin mithilfe tierischer Proteine produziert? Und das Etikett mit Knochenleim verklebt, wie der Leser eines beliebigen Veganer-Blogs sofort lernt?

Ach ja, richtig. Ein Schorlenhersteller schreibt es sogar ganz unten auf seiner Website: Auf alles Tierische zu verzichten, also inklusive Verpackung und Etikett, das bedeute leider "sehr hohen Aufwand". Sorry! Man hört die echten Veganer schon lachen. Übrigens werden Siegel auf Obst und Gemüse für gewöhnlich mit Bienenwachs verklebt.

© SZ vom 21.05.2016/vs
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