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Erziehung:Darum wollen viele Mütter "bad moms" sein

Sich selbst so zu bezichtigen, ist bei besorgten Müttern das Gebot der Stunde. Was hinter der Masche steckt.

Es ist derzeit sehr modern, sich öffentlich der miserablen Mutterschaft zu bezichtigen. "Seht her", rufen Mütter allerorten, "ich bin eine bad mom!" Diese Selbstverortung wird ausufernd benutzt, seit "Bad Moms" im Kino lief. Im Film feiern Mila Kunis und Kristen Bell krachend ihren Abschied von der perfekten Mutterschaft. Im echten Leben ist das leider viel unlustiger.

Die Selbstbezichtigung als bad mom verläuft realiter über den Tag verteilt in Kurven. Hohe Amplitude morgens beim Kinderwegschaffen an der Garderobe der Kita. "Schneeanzug bei zehn Grad plus, Jonas wird sich kaputtschwitzen, bin echt eine bad mom!", augenrollt die eine. Hohe Amplitude auch abends beim Abholen. "Es gibt wieder Fischstäbchen, den dritten Abend schon", seufzt die andere, und garniert die Menüwahl mit ihrer eigenen Nominierung zur: "super bad mom".

Die schönsten Fälle zur Schau gestellter Badmomeritis finden sich bei Facebook, dem natürlichen Habitat kommunikativer Mütter. Standard sind dabei gepostete Fotos von Tellern mit Pommes, garniert mit Zuckerketchup und hinlänglich erwähnter mütterlicher Selbstkritik. Oder Fotos angefressener Schokonikoläuse, entwendet nach ausgewachsenen Hungerattacken aus den Kinderstiefeln.

Eine gewisse Unruhe machte sich unlängst im sozialen Netzwerk breit, als eine Mutter schrieb, dass sie aus Zeitmangel öfters normale Äpfel im Supermarkt kaufe und zu Hause als Bioobst deklariere. Puh. Weil das sehr böse ist, heimste sie sehr viele Kommentare ein. Gut, dass die Frau sich proaktiv und durchaus ernst gemeint eine "wirkliche bad mom" nannte.

Die Gründe für die Mode, deren Väterversion es wohl nie geben wird, sind vielfältig. Die einen Mütter finden sich in echt schlecht, die anderen wollen Lässigkeit dokumentieren. Hey, rufen sie, ich bin keine Helikoptermutter. Paula und Piet kriegen Cola und Reiswaffeln, besonders gern jene, die Ökotest giftig findet! Den Redaktionen von Brigitte Mom und Nido treibt das Tränen der Freude in die Augen, wieder eine Story über gesunden Mütteregoismus!

Am perfidesten aber agieren die Mütter, die jene Selbstbezichtigung nichtiger Vergehen als Störfeuer nutzen. Ihre Strategie: Wenn ich nur genug lärme, dass mein Kind Pommes isst, sind alle besorgten Mütter so mit diesem Frevel beschäftigt, dass sie keine Hirnkapazität mehr frei haben, mir ihre Meinung zum Stillen/Impfen/Kaiserschnitt vor den Latz zu knallen. Wie schlau ist das denn! Das wird sofort ausprobiert. Am Montag, an der Garderobe.

© SZ vom 10.12.2016/jana

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