bedeckt München
vgwortpixel

Schneckentempo:Angela bewegt sich doch

  • Unsere Autorin hat Weinbergschnecken im Netz bestellt und sie nach den Teilnehmern des G7-Gipfels in Elmau benannt.
  • Fünf Tage lange beobachtete sie die Tiere, um zu überprüfen, ob sie sich an die Langsamkeit anpassen könne.
  • Ergebnis: In Sachen Sex und Nahrungsbeschaffung kann der Mensch von der Schnecke sogar noch einiges lernen.

Man sollte das nicht tun. Man sollte nicht auf einem Parkplatz den Kofferraum öffnen und mit einer Blumenspritze Schnecken besprühen. Jedenfalls nicht, während man von einer zivilen Polizeistreife beobachtet wird. Man sollte das vor allen Dingen dann nicht tun, wenn man in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen wohnt und es der Tag ist, an dem die Staats-und Regierungschefs der sieben größten Industrienationen auf Schloss Elmau zusammenkommen. Ich habe es trotzdem getan. Einen Tag vor Beginn des G-7-Gipfels.

Ich hatte gar keine andere Wahl. Denn bei der Post lag ein Paket mit fünf großen Weinbergschnecken, die ich zu Recherchezwecken bestellt hatte. Also hin mit dem Auto und das Paket in den Kofferraum. Vier Tage waren die Schnecken unterwegs und sicherlich schon ganz ausgetrocknet, und weil man als Tierfreund ja ein gewisses Verantwortungsbewusstsein hat, half jetzt nur noch die Blumenspritze.

Schnecken müssen regelmäßig mit Wasser besprüht werden. Es war ein heißer Tag. Mein schlechtes Gewissen ließ mich die nächste Parkbucht ansteuern, um den Schnecken nach der langen Reise eine Dusche zu gönnen. Den dunkelblauen Passat übersah ich. Wahrscheinlich hatte ich zu viel über Schnecken nachgedacht.

Ich hatte mir die Tierchen bestellt, um sie eine Zeit lang zu beobachten. Ich wollte mit ihnen leben, in der Hoffnung, dass der Mensch auch von Schnecken etwas lernen kann. Obwohl von Entschleunigung ja niemand mehr etwas wissen will. Wer sich für ein entschleunigtes Leben entscheidet, muss sich von dem aufgeregten Mob drumherum anhören, dass doch alles immer schneller werden müsse, damit überhaupt alles immer besser werden könne. Ich halte diese Lebenseinstellung für gefährlich. Die Schnecken sind meine Zeugen. Nun also unser erstes gemeinsames Erlebnis.

"Servus. Darf man fragen, was Sie da machen?" Als Kind habe ich von meinen Eltern gelernt, immer die Wahrheit zu sagen. Als Erwachsene lernte ich von meinem Anwalt, immer zu schweigen. Wenn mich Menschen ansprechen, die aus unauffälligen Autos steigen und ihre Dienstausweise zeigen, gewinnt immer das Kind. "Ich besprühe Schnecken!" In der Hektik der G-7-Vorbereitungen in aller Ruhe Schnecken zu bewässern, ist gewiss ungewöhnlich. Ich wurde sofort zur Verdächtigen.

Natürlich hatte ich schon mal den Verbandskasten oder die Warnwesten bei einer Kontrolle zeigen müssen. An diesem Tag aber leerte ich mein Auto komplett aus. Sogar die Fußmatten mussten raus. Und die Schnecken? Meine neuen Haustiere taten etwas, das meinen Anwalt stolz gemacht hätte: Sie schwiegen. Und zogen sich in ihre Häuser zurück.

Barack hatte nichts besseres im Sinn als die Wand zu testen

"Das Richtige tun heißt, gar nichts zu tun, der richtige Ort dafür ist ein Versteck, und der richtige Zeitpunkt dafür ist so oft wie möglich." Der Mann, von dem dieser Satz stammt, heißt Tony Cook und er ist Schneckenforscher. Am Abend gab ich meinen Elmau-Schnecken Namen: Angela, Barack, François, David und Matteo. Ausgerechnet Angela bereitete mir von Anfang an Sorgen. Zu Hause richtete ich das Terrarium ein und setzte alle fünf hinein.

Bis dahin hatte ich noch nie ein Terrarium besessen, natürlich sollte es kein Gefängnis sein und unbedingt ohne Deckel bleiben. Barack, François, David und Matteo machten sich sofort auf den Weg, streckten ihre faltigen Körper weit aus den Häuschen raus, richteten ihre Stielaugen auf und hatten nichts Besseres zu tun, als sofort die Wände hinauf zu schleimen. Am Rand angekommen machte sich Ratlosigkeit breit. Die Stielaugen fixierten nun - mich. Ich hatte keine Antwort parat, außer: "Wenn ihr so weitermacht, hole ich den Deckel."

Etwas anderes aber machte mir zu diesem Zeitpunkt mehr Sorgen. Angela war bis jetzt noch gar nicht aus ihrem Häuschen gekommen. Ich hatte sie auf ein Blatt gesetzt und mit Wasser besprüht, was sie eigentlich aktiv machen sollte. Hatte bei den anderen ja auch geklappt. Angela aber war anders. Ich kam zu dem Entschluss, dass sie wohl tot sein müsse. Und begann an Angela zu schnuppern. Tote entwickeln für gewöhnlich recht schnell einen unangenehmen Geruch. Angela roch frisch. Gut.