Schmachtwort der Woche:Einen Freund für eine gute Pointe opfern?

Es soll ja Leute geben, die lieber einen guten Freund als eine Pointe opfern. Aber wem ist damit geholfen, wenn man der Liebsten, die ihre sauer verdienten Kröten in alberne Strähnchen und einen asymmetrischen Pony investiert hat, ins verfremdete Gesicht säuselt: "Ich hoffe, du hast ihn auf Schadenersatz verklagt?" Schließlich muss sie erst mal eine Weile damit herumlaufen. Und da wäre es doch sicher einfacher für sie, wenn sie sich der Tatsache gar nicht bewusst ist, dass sie aussieht wie ein betrunkenes Lama.

Gerade wenn es um ihre Frisur geht, ist eine Frau sehr sensibel - ganz im Gegensatz zum Mann, der die Veränderung auf ihrem Kopf meist gar nicht wahrnimmt. Ist es also ein Wunder, wenn man statt des obligatorischen Spitzenschneidens zu drastischeren Maßnahmen greift und sich Extensions und eine Aubergine-Tönung gönnt? Und ist es wirklich zu viel verlangt, wenn er dann die Frage "Fällt dir was auf?" ordnungsgemäß mit "Aber ja, dein Haar ist gewachsen!" beantwortet? Mit ein bisschen Phantasie müsste sogar noch etwas Schmeichelhaftes drin sein, vielleicht in der Art wie "Die Farbe erinnert mich an die hübsche violette Keramikschale, die uns deine Eltern zur Hochzeit geschenkt haben."

In Lachen auszubrechen und das iPhone draufzuhalten, um ein Bild auf Facebook zu posten, wäre zwar die ehrlichere Reaktion. Aber keine, die man in Erwägung ziehen sollte, wenn man an einer gemeinsamen Zukunft interessiert ist.

Überhaupt, wo kämen wir hin, wenn jeder plötzlich die Wahrheit sagen würde, nur weil ihm gerade danach ist? Mag ja sein, dass manche Paare es gut finden, zu einer Symbiose zu verschmelzen und sich immer und überall nichts als die Wahrheit zu sagen. Doch zuweilen tut es der Beziehung auch ganz gut, ein kleines Geheimnis für sich zu behalten. Dazu zählen übrigens nicht nur anzügliche SMS eines Verehrers oder erotische Phantasien, in denen der Partner nicht vorkommt, sondern auch interne Informationen zu Körperfunktionen oder wundersame kosmetische Verwandlungstechniken.

Und noch etwas: Eine ehrliche Antwort auf die Lieblingsfrage aller Frauen - "Was denkst du gerade?" - ist kein Zeichen von Mut, sondern Dummheit. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Stimmung zwischendurch ein wenig absackt. Wenn einer meint, er müsste seine Frau unbedingt davon in Kenntnis setzen, wie gern er einmal mit der Studentin von nebenan "Shades of Grey" nachspielen würde oder dass er jetzt viel lieber im Stadion als mit ihr beim Italiener wäre, kann er nicht erwarten, dass seine Ehrlichkeit auf Begeisterung trifft. Für solche Situationen gibt es doch weiß Gott bessere Antworten. Vielleicht nicht unbedingt ehrliche. Aber erfreulichere bestimmt.

Andersherum haben die meisten Menschen kein Problem damit, sich selbst zu belügen. Fragt man sie nach ihrem Gewicht, liegen sie immer ein paar Kilos unter der Realität. Sprechen sie über ihre Hobbys und Lieblingskünstler, kommt in der Antwort weder "Fernsehen" noch der Name "Mario Barth" vor. Wer um jeden Preis ehrlich sein will, sollte sich vor den Spiegel stellen und sich die Wahrheit ins Gesicht sagen. Da trifft es wenigstens den Richtigen.

© Süddeutsche.de/leja/rus
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