Süddeutsche Zeitung

Scheinväter:"Ich habe einen Sohn, der nicht mein Sohn ist"

Ludger Pütz bloggt über Scheinväter und Kuckuckskinder. Dass Mütter künftig verpflichtet sein sollen, ihre Sexualpartner zu nennen, davon hält er wenig. Ein Gespräch über das Gefühl, plötzlich kein Kind mehr zu haben.

Interview von Felicitas Kock

Das Kabinett hat in dieser Woche einem Gesetzentwurf zur Scheinvaterschaft zugestimmt. Mütter sollen demnach im Zweifelsfall zur Auskunft über den leiblichen Vater verpflichtet werden. Es drohen ein Zwangsgeld und Zwangshaft. Dadurch soll die Chance erhöht werden, dass Scheinväter ihre Unterhaltszahlungen zurückbekommen. Ludger Pütz, 41, setzt sich seit mehreren Jahren in seinem Blog mit dem Thema auseinander.

SZ.de: Herr Pütz, wie haben Sie erfahren, dass das Kind ihrer ersten Ehefrau nicht Ihr Kind ist?

Ludger Pütz: Angefangen hat alles im Oktober 2010, im Zug von Freiburg nach Marburg. In Freiburg lebte meine Ex-Frau mit unserem gemeinsamen Sohn - das dachte ich damals jedenfalls. Am Bahnhof kaufte ich mir eine Ausgabe des Geo-Magazins zum Thema Vaterschaft. Auf der Fahrt blieb ich dann an einem Artikel über einen Vater hängen, dem zwei Kinder untergeschoben worden waren.

Sie fühlten sich angesprochen?

Wir hatten uns scheiden lassen, als der Kleine ein Jahr und sieben Monate alt war. Sie ist mit dem Kind weggezogen und danach sind viele Dinge gelaufen, die ich ihr zuvor nicht zugetraut hätte. Deshalb löste der Artikel wohl irgendwas in mir aus. Ich dachte: Warum gehe ich eigentlich so fest davon aus, dass ich der Vater bin?

Wie alt war ihr Kind zu dem Zeitpunkt?

Er war fast sieben. Meine Ex-Frau stimmte nach einigem Hin- und Her einem Vaterschaftstest zu. Als das Ergebnis kam, im Januar 2011, machte ich gerade mit meiner neuen Frau Urlaub in Kolumbien. Ich las die E-Mail und es riss mir den Boden unter den Füßen weg. Mir zittern jetzt noch die Knie, wenn ich davon erzähle. Man denkt immer, man wäre Vater - und dann soll man es plötzlich nicht mehr sein? Das ist doch irre.

Das Kabinett hat am Mittwoch einem Gesetzentwurf zugestimmt, nach dem Mütter im Zweifelsfall zur Auskunft über den leiblichen Vater verpflichtet werden sollen.

Ich halte das für Augenwischerei. Die Regierung hat da ein Hintertürchen offengelassen, denn die Mütter können immer sagen, dass sie sich zum Beispiel nicht erinnern. Sie werden nicht ausreichend zur Verantwortung gezogen. Dabei sind sie Schuld an dem ganzen Schlamassel. Sie haben ihr Kind einem Mann untergeschoben, der nicht der Vater ist.

Die Mütter sollen bestraft werden?

So wie es jetzt ist, hetzt das Gesetz die Falschen gegeneinander auf: Den Scheinvater gegen den biologischen Vater, der meist nicht einmal Bescheid wusste, nun aber plötzlich zwei Jahre Unterhalt für das Kind zurückzahlen soll. Die Mutter bleibt außen vor. Dabei hat sie betrogen, nicht nur im zwischenmenschlichen Sinn. Sie hat ein Finanzdelikt begangen. Der Regressanspruch des Scheinvaters sollte sich daher ungemindert an sie richten - nicht an den biologischen Vater.

Der gezahlte Unterhalt ist aber ja für das Kind und nicht für die Mutter gedacht gewesen.

Wenn die Mutter das Geld zurückgezahlt hat, kann sie natürlich selbst entscheiden, ob sie es dabei bewenden lässt, oder sich den Unterhalt vom biologischen Vater zurückholt. Dann kann sie sich vielleicht auch besser erinnern, wer das gewesen sein könnte. Geld kann ein großer Motivator sein.

In ihrem Blog stellen Sie noch weitere Forderungen auf.

Es gibt zwei wichtige Punkte: Einmal fordern meine Mitstreiter und ich die Änderung des Vaterschaftsparagrafen im BGB. Der ist gerade relativ ausführlich, es geht um Verheiratetsein und die Anerkennung der Vaterschaft, etc. Stattdessen sollte es einfach heißen: "Der Vater eines Kindes ist derjenige, der es gezeugt hat." Diese Klarheit würde vieles einfacher machen. Außerdem wollen wir den OVAG durchsetzen, den obligatorischen Vaterschaftstest ab Geburt.

Finden Sie nicht, dass das arg nach Kontrollwahn klingt?

Es geht nicht darum, den Leuten das Fremdgehen abzugewöhnen, sondern um die rechtlichen und finanziellen Konsequenzen. Viele zweifelnde Eltern fragen nach der Geburt nicht nach einem Test, weil sie Angst haben, dass dann die Beziehung in die Brüche geht - selbst wenn herauskommt, dass das Kind vom rechtlichen Vater stammt. Fragt die Frau nach einem Test, wird der Mann doch sofort misstrauisch. Fragt der Mann, ist die Frau gekränkt. Das ist anders, wenn der Test von Grund auf bei allen Kindern durchgeführt wird. Und wenn sich tatsächlich herausstellt, dass das Kind von einem anderen ist, ist das zumindest von Anfang an klar - und man spart sich Rechtsstreit und emotionalen Zusammenbruch nach mehreren Jahren eitel Sonnenschein.

Emotional wird es dann schon unmittelbar nach der Geburt schwierig.

Richtig, aber das ist immer noch besser, als wenn das Kind später in eine Identitätskrise gerät, weil es jahrelang den falschen Menschen als Vater betrachtet hat. Davor muss man Kinder schützen. Und Väter übrigens auch. So eine Vaterschaft ist ja identitätsstiftend. Wenn es dann plötzlich heißt "du bist gar kein Vater", wirft einen das um.

"Ich habe ihn im Stich gelassen"

Sie haben mit ihrer zweiten Ehefrau eine kleine Tochter. Haben Sie da einen Vaterschaftstest verlangt?

Sie hat ihn mir geschenkt. Das war das beste, was sie machen konnte. Denn wenn man einmal so hart betrogen wurde, wird man das nicht mehr los.

Haben Sie Kontakt zu ihrem Sohn aus erster Ehe? Und nennen Sie ihn überhaupt "Sohn"?

Ich sage immer, ich habe einen Sohn, der nicht mein Sohn ist. Das beschreibt es für mich am besten. Ich habe etwa neun Monate nach dem Test die rechtliche Vaterschaft angefochten, weil ich es nicht eingesehen habe, weiter Unterhalt an meine Ex-Frau zu zahlen. Sie hat damit gedroht, dass ich ihn dann nie wiedersehen würde. Und bis auf eine einmalige Ausnahme ist es so gekommen.

Vermissen Sie das Kind?

Ich versuche, das nicht mehr so sehr an mich heranzulassen, sonst gehe ich vor die Hunde. Ich suche keinen Kontakt zu ihm. Aber sollte er irgendwann auf mich zukommen wollen, wird er mich finden können. Mein Name ist nicht so häufig und durch meinen Blog bin ich im Netz präsent. Wenn er später einmal mit mir reden will, bin ich bereit, ihm Rede und Antwort zu stehen. Und wenn er mir dann Vorwürfe macht, ich hätte ihn im Stich gelassen, dann hat er recht. Ich habe ihn im Stich gelassen, denn ich habe nicht mehr um ihn gekämpft.

Weiß er denn, dass Sie nicht sein leiblicher Vater sind?

Ja, er weiß es. Das war die erste Frage, die ich mir gestellt habe, nachdem ich das Testergebnis hatte und wieder klar denken konnte: "Wie sollen wir das dem Kleinen beibringen?" Ich habe dann viel recherchiert und im Netz so gut wie nichts gefunden. Ein paar Geschichten von anderen Kuckucksvätern, ansonsten wird man da wirklich allein gelassen. Deshalb, um anderen in der gleichen Situation zu helfen, mache ich ja auch den Kuckucksvater-Blog, der sich übrigens auch an Kuckuckskinder, deren Mütter und biologische Väter richtet. Mir hat am Ende eine Kinderpsychologin von Pro Familia weitergeholfen. Sie hat gesagt, ich soll es meinem Sohn erklären und ihm gleichzeitig sagen, dass ich ihn sehr lieb habe. Das habe ich gemacht.

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