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Scheidungsrate:"Die Sehnsucht nach einer glücklichen Beziehung ist deutlich gestiegen"

Ehen halten in Deutschland mittlerweile länger und werden später geschieden als vor 25 Jahren. Ein Paartherapeut erklärt, woran das liegt.

Interview von Kerstin Lottritz

Ehen halten heute länger als vor 25 Jahren - das zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Paare, die sich 2016 getrennt haben, haben im Durchschnitt 15 Jahre durchgehalten, jedes sechste Scheidungspaar hatte bereits die Silberhochzeit hinter sich. 1991 gingen Ehen schneller in die Brüche: nach knapp zwölf Jahren war Schluss. Wird die Ehe also beständiger? Und wenn ja, warum? Die Zusammenhänge erklärt Eheberater Michael Vogt, der an der Hochschule Coburg unter anderem zu Partnerschaft im Alter forscht und lehrt und zudem Therapeuten ausbildet.

SZ.de: Wie erklären Sie es sich, dass Ehen heute länger halten als noch vor 25 Jahren?

Michael Vogt: Ehe ist ein dynamischer Prozess. Die Motive verändern sich. Um seine Verliebtheit zum Ausdruck zu bringen, muss man heute nicht mehr heiraten. Es genügt, in einer festen Beziehung miteinander zu leben. Erst wenn Paare eine Familie gründen oder ein Haus bauen, wollen sie ihre Beziehung festmachen. Außerdem haben Menschen, wenn sie heiraten, heute mehr Erfahrung. Sie sind dann älter und haben meist schon einige Partnerschaften hinter sich.

Wieso trennen sich Paare heute später?

Die Sehnsucht nach einer glücklichen Beziehung ist deutlich gestiegen. Wer unzufrieden ist, versucht immer wieder, seinen Partner zu ändern, bis es schließlich zum Konflikt kommt. Doch bis Paare sich wirklich scheiden lassen, dauert es heute länger. Sie sind mittlerweile eher bereit, Hilfe von außen anzunehmen. Partnerschaftsberatung ist noch nie so gefragt gewesen, wie in den vergangenen zehn Jahren. Wer sich dem nicht stellen will, läuft Gefahr, seinen Partner zu verlieren. Vor allem bei Männern hat sich dieses Bewusstsein verändert. Sie sehen sich ebenfalls als Part, der verantwortlich ist für das Gelingen der Ehe. Während früher eher Frauen die Beratung in Anspruch genommen haben, kommen die Paare heute gemeinsam.

Meistens sind es die Frauen, die die Scheidung einreichen. Wie erklären Sie sich das?

Frauen gehen mit veränderten Beziehungen anders um als Männer. Sie sind emotionaler und empfindsamer, wenn es darum geht, die Probleme in einer Partnerschaft zu bemerken. Häufig blockieren dominante Ehemänner ihren Wunsch nach Lebensverwirklichung. Das führt dazu, dass sich die Frauen benachteiligt fühlen. Manche Männer versuchen, in einer Beziehungskrise Macht durch finanzielle Überlegenheit auszuüben. Das lassen sich Frauen heute nicht mehr gefallen. Sie sind ökonomisch unabhängiger und wissen, dass sie sich auch alleine versorgen können - vor allem, wenn sie keine Kinder haben.

Wie beeinflussen Kinder die Entscheidung, sich zu trennen?

Je jünger die Kinder sind, desto weniger ziehen es Paare in Betracht, sich scheiden zu lassen. Das hängt zum einen damit zusammen, dass Mütter, bei denen die Kinder noch immer zum großen Teil leben, durch Teilzeitjobs weniger Geld zur Verfügung haben. Es liegt aber auch daran, dass bei Paaren mit jungen Kindern der Gedanke an eine Trennung gar nicht aufkommt, weil sie durch die gemeinsamen Sorge und Erfahrung verbunden sind. In dieser Phase findet oftmals eine Umstrukturierung der Partnerschaft statt. Man kommt als Paar kaum noch vor, spricht nur noch über Familienthemen und nicht mehr über sich als Mann und Frau. Das führt zu Spannungen. Es ist ein Irrglaube, dass Dinge, die eigentlich Verbindlichkeiten schaffen sollen, wie gemeinsame Kinder oder ein Haus, zu einer inneren Stabilität führen. Spätestens wenn die Kinder ausgezogen sind, merkt man, dass die Beziehung eventuell verödet ist.

Und das ist der Grund, warum Paare bei der Scheidung heute durchschnittlich fast acht Jahre älter sind als vor 25 Jahren?

Viele Paare, die die Silberhochzeit hinter sich haben, fragen sich: Was hat das Leben noch zu bieten? Für die Partnerschaft müssen sie neue Impulse finden, sonst bleiben Intimität und Sexualität auf der Strecke und man lebt nur noch nebeneinander her. In dieser Phase finden manche Partner andere Optionen im Internet. Dating-Plattformen sind verführerisch, kosten kaum etwas und lassen eine Phantasiewelt aufleben, wie eine Partnerschaft eigentlich sein könnte. Dadurch wächst die Unzufriedenheit.

In man mit Mitte 60 also noch jung genug, ein neues Lebensmodell zu wagen?

Richtig. Es gibt sogar einen Trend, sich erst nach 50 Ehejahren scheiden zu lassen. Das beobachten wir aber eher in der Stadt als auf dem Land. Auch hier geht die Initiative wieder häufiger von Frauen aus. Diese Frauen haben sich jahrelang ihren Männern untergeordnet, ihnen den Rücken frei gehalten. In der vierten Lebensphase verschieben sich die Machtverhältnisse. Männer werden früher krank und eventuell zu Pflegefällen. Die Frauen sind aber noch fit genug und entwickeln eine Sehnsucht nach Autonomie und Selbstverwirklichung. Wenn sich in 50 Jahren Ehe der Umgang eher funktional statt liebevoll entwickelt hat, kommt bei Frauen auch im hohen Alter der Gedanke auf: Ich muss mich trennen. In der Stadt haben sie dafür eher die Möglichkeit als auf dem Land. Es gibt Mietwohnungen und Beratungsangebote. Außerdem ist es dort leichter, neue soziale Kontakte zu knüpfen.

Welche Tipps haben Sie als Paartherapeut für eine lange, glückliche Ehe?

Sprechen Sie frühzeitig miteinander. Fragen Sie Ihren Partner: Wie geht es Dir mit mir in unserer Beziehung? Das ist positiver als nur zu nörgeln. Planen Sie abwechselnd einmal im Monat einen Verwöhnabend, etwas, von dem Sie wissen, dass es ihrem Partner gefallen würde. Scheuen Sie sich nicht, in Konfliktsituationen Hilfe von neutralen Beratern zu holen. Wenn Sie streiten, suchen Sie nach einer Entlastungsmöglichkeit. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine Person den Streit einfach abbrechen kann, aber innerhalb von 24 Stunden den Gesprächsfaden wieder aufnehmen muss - sonst entwickelt sich eine Sprachlosigkeit. Und ansonsten gilt: Partnerschaft und Ehe ist immer ein Abenteuer. Verlieren Sie daran nicht die Lust und schätzen Sie die Werte, die Sie mit Ihrem Partner verbinden.

Noch mehr Tipps, wie die Partnerschaft auch im hohen Alter glücklich bleibt, gibt Michael Vogt auf seiner Homepage www.partnerschaft-alter.de.

© SZ.de/vs/sks

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