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Schaufenster in London:Das große Weihnachts-Wettrüsten

Wer hat das opulenteste Schaufenster? In London versuchen sich die Kaufhäuser mit überdrehten Dekorationen gegenseitig auszustechen.

Die Eröffnung der Weihnachtssaison bei Selfridges begann in diesem Jahr mit einem kleinen Skandal. Es war nicht etwa das Datum, der 28. Oktober, zu dem so früh wie nie zuvor die Schaufensterdekorationen im Luxuskaufhaus an der Londoner Oxford Street präsentiert worden waren. Über das immer eher einsetzende Weihnachtsgeschäft empört sich in England kaum noch jemand öffentlich. Selfridges sah sich vielmehr unversehens dem Vorwurf der Respektlosigkeit gegenüber einem Toten ausgesetzt.

Stein des Anstoßes war eine Gruppe lebensgroßer Schaufensterpuppen mit überlebensgroßen Köpfen, die es sich um einen weiß-rosa gestrichenen Planwagen herum gemütlich gemacht haben. Sie waten durch ein Meer von Weihnachtsbaumkugeln, tragen Designware und blicken aus tellerrunden Riesenaugen ins Gewimmel auf der Oxford Street. Nun ähneln aber diese starrenden Gesichter verblüffend der Maske, mit welcher der im vergangenen Juni gestorbene Komiker Chris Sievey aufzutreten pflegte, wenn er seine Kunstfigur Frank Sidebottom spielte.

Sieveys Familie fand das nicht lustig und beschwerte sich über die ungenehmigte Aneignung. "Wir hatten uns von Frank Sidebottom inspirieren lassen, aber es war natürlich nie unsere Absicht, uns über einen Toten lustig zu machen", beteuert Erin Thompson, die das Selfridges-Design-Team leitet. Der Streit wurde beigelegt, nachdem Selfridges einen (nicht genannten) Betrag an Sieveys Erben überwiesen und eine Danksagung an Frank Sidebottom im Schaufenster angebracht hatte.

Die Menschenmassen auf der Oxford Street sind womöglich das größte Publikum, dem sich Sidebottom, wenn auch nur posthum, je präsentieren durfte: Täglich schieben sich rund 125.00 Shopper an den Schaufenstern von Selfridges vorbei. Deren Design wird achtmal im Jahr geändert, doch das Weihnachts-Dekor ist das mit Abstand aufwendigste. "Wir planen bis zu 14 Monate im Voraus", erklärt Erin Thomson. "Die Herausforderung dabei ist es, saisonale Trends vorauszusehen."

Selfridges hat keine eigene Werkstatt. Spezialfirmen, von denen viele auch Theaterbühnenbilder und Filmsets konstruieren, liefern von März an Bauteile und Requisiten. In diesem Jahr hieß das übergreifende Thema laut Thompson "Verspieltheit". Das Ergebnis sind Szenen, die ein wenig an die sinistren Installationen der Brit-Art-Künstler Jake und Dinos Chapman erinnern: Puppen im Weihnachtsmann-Outfit mit aufgeklebten Glupschaugen und Grinsemündern lassen Figuren aus dem Pixar-Film Toy Story als Marionetten tanzen. Barbie und ein deprimiert dreinblickender Ken feiern eine rosarote Weihnacht. Und eine Unzahl fingergroßer Tierpüppchen haben ihr Schaufenster als eine Art Nest ausgebaut.

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