Saudi-Arabien Freie Fahrt für freie Frauen

Eine unbeaufsichtigte Frau, die sich frei bewegen kann, ist in Saudi-Arabien eine Katastrophe - gleichbedeutend mit moralischem Verfall. Hinters Steuer dürfen in dem Golfstaat deshalb nur Männer. Doch nun regt sich weiblicher Widerstand gegen das Fahrverbot.

Von Rudolph Chimelli

Frau am Steuer? In Saudi-Arabien? Das gibt es jeden Tag. Allerdings nicht in den Millionenstädten Riad oder Dschidda, sondern in der Wüste oder auf dem Land. Nie hat jemand Anstoß daran genommen, dass eine Beduinenfrau mit dem Kleinlaster Wassertonnen vom Brunnen zu den Kamelen und Schafen auf die Weide bringt oder dass eine Bäuerin einen Traktor fährt. Denn dabei bewegt sich die Fahrerin im überschaubaren Lebensbereich der Großfamilie.

Auch in Kiew protestierten in dieser Woche junge Frauen dafür, dass ihre saudi-arabischen Geschlechtsgenossinnen künftig hinters Steuer dürfen.

(Foto: dpa)

In der Anonymität der Städte wäre alles ganz anders. Normalerweise verlässt eine Saudi-Frau das Haus nicht ohne einen nahen männlichen Verwandten oder einen Chauffeur. Mit Führerschein und eigenem Auto könnte sie sich hingegen selbständig bewegen und Verabredungen mit Unbekannten pflegen. Das System der von Familien arrangierten Heiraten könnte möglicherweise durchbrochen werden.

Demonstrationen ohne Wirkung

Für die Konservativen im Königreich wäre solche Bewegungsfreiheit einer unbeaufsichtigten Frau nicht Normalität wie im Westen, sondern eine Katastrophe, gleichbedeutend mit moralischem Verfall und gesellschaftlichem Ruin. Das sind die wahren Gründe für das Fahrverbot, das weder vom Gesetz noch von der Religion vorgesehen ist.

Eine unbekannte Anzahl von Frauen hat sich am Freitag in Saudi-Arabien hinter das Steuer gesetzt, um gegen das Autofahrverbot für Frauen zu protestieren. Solche Demonstrationen dürften aber in absehbarer Zeit an der starren Haltung der Regierung nichts ändern.

Die Protest-Fahrerin Amal al-Scharif, die die Kampagne mit einem Video in Gang gebracht hatte, ist nach zehn Tagen Gefängnis wieder in Freiheit. Sie musste eine Verpflichtung unterschreiben, dass sie künftig ihre Solo-Touren unterlassen werde.

Saudi-Arabien steht mit dem Fahrverbot in der islamischen Welt allein. Jenseits des Persischen Golfs, in der Islamischen Republik Iran, ist es selbstverständlich, dass Frauen Auto fahren. Nur eine 20 Jahre alte Glaubensentscheidung geistlicher Würdenträger, eine Fatwa, die nicht einmal verbindlich ist, untersagt Saudi-Frauen, sich ans Steuer zu setzen. Nicht um Menschenrechte geht es in Wahrheit, sondern um die Erhaltung der Tradition. Führerscheine für Frauen werden einfach nicht ausgestellt.

Anfang und Ende einer virtuellen Romeo-und-Julia-Geschichte

König Abdullah hatte vor drei Jahren im Gespräch mit der amerikanischen Journalistin Barbara Walters prophezeit: "Der Tag wird kommen, an dem unsere Frauen Auto fahren." Und sein Bruder, Kronprinz Sultan, sagte einmal zum selben Thema: "Wenn Väter, Ehemänner und Brüder uns bitten, werden wir uns mit der Frage befassen." Doch sofort schränkte er ein: "Aber wenn sie das Gegenteil wollen, werden wir sie nicht zur Fahrerlaubnis zwingen können." Das Problem sei gesellschaftlicher Natur, bestätigt Prinz Naief, der Innenminister und Übernächste in der Thronfolge.

Durch Internet und Mobiltelefone haben die saudischen Frauen ihre Beziehungsnetze bereits erheblich erweitert. Zwar bleibt Zweisamkeit mit fremden Männern immer ausgeschlossen. Doch ausführlicher Telefonflirt und Blickkontakt sind möglich.

So stehen in den luxuriösen, klimatisierten Shopping Malls der Metropolen fast immer junge Männer und Frauen in dezenter Entfernung voneinander, den Hörer am Ohr, um fernmündlich gemeinsam zu phantasieren. Entweder hat sie zuvor gezielt ihre Visitenkarte verloren, oder er hat beim abendlichen Autokorso auf einem Stück Karton mit großen Ziffern seine Nummer ins Seitenfenster gestellt.

Geflüsterte Verlockungen, unerfüllbare Versprechen, Verbalerotik werden ausgetauscht. Es ist der Anfang einer virtuellen Romeo-und-Julia-Geschichte aus Arabien - aber auch schon ihr Ende.