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Saisonartikel im Supermarkt:Lebkuchen im Freibad

Lebkuchen kann man nicht nur an Weihnachten essen, sondern auch schon während man am letzten Sommerferientag im September auf der Badedecke im Freibad liegt.

(Foto: Collage dpa/ Jessy Asmus/ SZ.de)

Eine Frau zündet einen Pappaufsteller an, auf Twitter schimpfen die Nutzer - nur weil es im Supermarkt Lebkuchen gibt. Woher kommt diese Wut?

Von Dorothea Wagner

Das Drama beginnt im September. Verkäufer rollen Container aus dem Lager, bauen Pappaufsteller auf, schichten Lebkuchenpackungen aufeinander. Und die Kunden? Manche kaufen sich ein paar Packungen, verstecken sie auf dem Einkaufsband verstohlen unter Salatköpfen und Nudeln. Die meisten aber schimpfen - entweder mit Bekannten auf der Straße oder im Internet. Die Band Kraftklub twitterte: "Stehen gerade vor einem Regal mit Lebkuchen und Spekulatius. Der Sommer ist vorbei und @REWE_Supermarkt ist schuld daran!" 765 Menschen gefällt das.

Kaum ein Produkt zieht so viel Hass auf sich wie Lebkuchen vor der Weihnachtszeit. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinsituts YouGov ergab, dass sich ein Drittel der Deutschen ein Verbot von Lebkuchen vor November wünscht. Der Konflikt erreichte seinen bisherigen Höhepunkt in Österreich: Dort zündete eine 76 Jahre alte Frau einen Aufsteller mit Lebkuchen an. Ein Aufsteller ist ein Gegenstand, keine Person. Immerhin.

Nun muss die Frage erlaubt sein, was der Lebkuchen falsch gemacht hat. Schließlich ist das Sortiment im Supermarkt nur ein Angebot - niemand wird gezwungen, etwas in seinen Einkaufskorb zu legen. Außerdem gibt es viele Produkte, die nicht jeder mag. Manche kaufen keinen günstigen Scheibenkäse, andere keine Cola mit Vanillegeschmack. Trotzdem laden sie davon keine Fotos mit wütenden Botschaften ins Internet.

Lebkuchen haben keine Saison

Das Problem des Lebkuchens: Viele verbinden ihn mit Weihnachten. Und damit zieht er im Herbst die Wut auf sich. Deutsche sind vernarrt in saisonales Essen, was ausländische Journalisten immer wieder dokumentieren. Besonders ein Autor der britischen BBC machte sich über die Strenge lustig, mit der die Deutschen sich an die Erntezeit des Gemüses halten. In der Spargelzeit gebe Spargelsuppe, Spargelwurst, Spargeleis, Spargelköniginnen und einen starken Geruch auf den Toiletten - bis die Saison schlagartig vorbei ist und die Deutschen Pilze feiern.

Die Glorifizierung des saisonalen Essens bekommt der Lebkuchen zu spüren, wenn er schon im Herbst im Supermarkt liegt. Dabei ist das vollkommen unverdient: Lebkuchen haben keine Saison. Sie wachsen nicht auf Feldern, sondern bestehen aus Zutaten, die es das ganze Jahr über gibt: Eiern, Zucker, Nüssen, Schokolade und Oblaten. Viele verbinden die Gewürze mit Weihnachten, aber das ist eine eher willkürliche Einordnung. Zimt passt auch in Couscous-Salat - und der darf im Frühjahr und Sommer auf jedem Grillfest stehen.

Dass die Supermärkte die Lebkuchen schon im September anbieten, hat einen einfachen Grund: Nachfrage. "Die Händler haben festgestellt, dass es ab diesem Termin gut läuft", sagt Stefan Hertel vom Bundesverband deutscher Einzelhandel. Der Platz sei für die Händler zu kostbar, um ihn mit Ware zu füllen, die nicht verkauft wird. "Und es stimmt nicht, dass der Verkauf jedes Jahr früher los geht - es ist immer der September", sagt Hertel. Weil der Hunger auf Lebkuchen im September und Oktober so groß ist, bezeichnet ihn der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie als "Herbstgebäck".

Keine Verbindung zu Weihnachten

Die Lebkuchen-Puristen sehen das als Ausverkauf einer Weihnachtstradition. Und finden, dass Lebkuchen in der Adventszeit nichts Besonderes mehr ist, wenn man auch reinbeißen könnte, wenn man am letzten Sommerferientag im Freibad liegt. Aber diese Menschen zwingt ja niemand, Lebkuchen zu kaufen. Nur weil andere Menschen sie schon im Herbst essen, leidet ihr eigenes Weihnachtsfest nicht darunter. Deswegen stürmt niemand an Heiligabend in ihr Wohnzimmer und zertritt dort ein paar Christbaumkugeln.

Ursprünglich hatten Lebkuchen mit Weihnachten übrigens nichts zu tun. Die Verbindung mit dem Feiertag kam erst durch einen Notstand. Weil während des Dreißigjährigen Krieges zwischen 1618 und 1648 die Zutaten knapp wurden, reichten die Menschen Lebkuchen nur noch bei besonderen Anlässen. Der wichtigste: Weihnachten.

© SZ.de/olkl/lala
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