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Särge selber bauen:Erste Erkenntnis: Im Leben sind die Menschen unterschiedlich, auf dem Friedhof sind alle gleich

Die erste praktische Übung findet neben dem Gasthof statt - ein Rundgang über den Segringer Friedhof. Ein Grab sieht aus wie das andere, die Kreuze haben eine einheitliche Form, Verzierungen aus Blattgold auf schwarz lackiertem Holz. Dieser Friedhof symbolisiert, dass im Tod alle Menschen gleich sind, ob Bauer oder Bürgermeister. Die Männer aus dem Seminar dagegen sind Individuen mit unterschiedlichen Begabungen, das ist beim Versuch, in der Aussegnungshalle einen Kanon zu singen, gut zu hören. Manche brummeln, manche summen, manche jaulen. Nur die Pfarrer in der Runde sind geübte Sänger.

Am nächsten Morgen geht es ans Werk. Zur Einführung hält Jörg Reuter einen Vortrag über die Bestattungsindustrie im Pausenraum der Sargfabrik, dann ist eine Fragerunde. Werden Leichen wirklich geschminkt? Stimmt es, dass sie manchmal Töne von sich geben? Für Reuter ist der Tod Tagesgeschäft, er hat keinerlei Scheu, solche Fragen zu beantworten. Ja, Tote werden so hergerichtet, dass sie ordentlich aussehen, selbst wenn sie nicht aufgebahrt werden - könnte ja sein, dass die Angehörigen spontan doch noch einen Blick auf den Verstorbenen werfen wollen. Und sie geben tatsächlich manchmal Geräusche von sich, das liegt an Körpergasen und noch nicht verdauten Mahlzeiten.

Die Beschäftigung mit dem Sarg lenkt erst einmal ab von den heiklen Aspekten, das finden einige Teilnehmer gar nicht so unangenehm. Es gebe erstaunlicherweise keine DIN- oder EU-Normen für Särge, referiert Reuter, deren Beschaffenheit ergebe sich durch den Zweck. Das Holz soll samt Inhalt innerhalb der Ruhezeiten verrotten, auf den meisten Friedhöfen sind das 20 bis 25 Jahre. Die Bretter müssen mindestens 20 Millimeter dick sein, damit das Gewicht der Erde den Sarg nicht sofort eindrückt, und die Beschichtung darf keine giftigen Leime und Lacke enthalten.

Ein Standard-Sarg besteht aus zehn vorgefertigten Teilen aus Massivholz, und aus diesen Brettern basteln die Teilnehmer anschließend in Kleingruppen an ihrem Entwurf - fünf Mann pro Kiste. Das bedeutet nicht, dass man sich später in einer Friedhofs-WG treffen wird (das gibt es auch). Die Särge bleiben beim Hersteller, keiner darf das Selbstgebastelte mit nach Hause nehmen, selbst wenn er wollte.

Die Holzkiste ist in diesem Fall aus Kiefer, die geleimt und geschraubt wird. An den Ecken werden massive Sargnägel mit einem Drucklufthammer ins Holz getrieben, eine Aufgabe, die jeder der Männer gerne mal übernimmt. "Hier ist noch etwas Luft", bemängelt Bernd Forster, ein Angestellter der Sargfabrik. Forster legt Wert darauf, dass der Deckel kein bisschen wackelt, dass die Männer alle Astlöcher ordentlich mit Polyester verspachteln und die Ecken schön rund feilen. Wozu der ganze Aufwand? Das Holz wird doch sowieso verrotten. Forster versteht die Frage nicht, es geht ihm um Handwerkerstolz und Würde. Manchmal tue es ihm weh, dass seine Arbeit so wenig Beachtung findet. "Wenn ein besonders schöner Sarg in der Erde versenkt wird, blutet mir schon das Herz", gibt er zu. Nach einer guten Stunde ist der Selfmade-Sarg fertig. Profis dagegen nageln die Bretter im Akkord zusammen und schaffen so eine Kiste in 13 Minuten.

Zwischen Kreissägen, Lackdosen und Akkuschraubern ist es auf einmal ganz still

Zum Schluss also das Probeliegen. Im Ernstfall wäre man wahrscheinlich geschminkt, die Körperöffnungen wären vom Bestatter verschlossen worden und man würde eine Windel tragen. Die Würde des Verstorbenen soll gewahrt werden, auch das lernt man in diesem Seminar. Und dann steigen die Männer in die selbstgemachte Totenkiste, einer nach dem anderen. Zwischen Kreissägen, Lackdosen und Akkuschraubern ist es auf einmal ganz still. Es liegt sich angenehm, sofern man nicht zur Klaustrophobie neigt. Immerhin weiß man ja, dass gleich jemand den Deckel anheben wird und man lebendig wieder hinausklettern kann. Früher gab es Sargmodelle mit eingebauter Notklingel - gegen die uralte Angst, lebendig begraben zu werden. Das ist an diesem Wochenende nicht notwendig. Rund um die Holzkiste stehen freundliche Menschen, die einem wieder auf die Beine helfen und fragen, wie es war.

"Ein beruhigendes, entspannendes und geborgenes Gefühl", schwärmt Volker, ein Pfarrer im Ruhestand, "wie im Mutterleib!" Für Erhard war es ebenfalls eine gute Erfahrung, "fast ohne Emotionen", meint er, "das ist für mich ein Möbelstück wie jedes andere". Christoph, ein evangelischer Pfarrer, findet es "unspektakulär". Er hat keine Beklemmung verspürt, obwohl er sich mit seinen 1,85 Metern ziemlich reinbiegen musste: "Jedenfalls weiß ich jetzt schon mal, dass ich einen längeren Sarg brauche."

Männer sind vom Wesen her doch wohl eher Pragmatiker, bis zuletzt.

© SZ vom 27.01.2018/eca
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