Särge selber bauen Deckel drauf

(Foto: Titus Arnu)

Was bewegt Männer dazu, sich zwischen Kreissägen, Lackdosen und Akkuschraubern ihren eigenen Sarg zu zimmern? Zu Besuch bei einem Seminar, das sich die letzten Dinge vornimmt.

Von Titus Arnu

Die Außengeräusche hören sich dumpf an, wie unter Wasser. Es riecht nach Sägespänen und Leim. Bewegungsfreiheit ist genug vorhanden, wenn man nur 1,72 Meter groß ist - die Kiste ist 200 Zentimeter lang, 70 Zentimeter breit und 50 Zentimeter hoch. Größere Todeskandidaten müssen die Beine anziehen oder einen XXL-Sarg kaufen. Es ist stockdunkel, vor den Augen läuft ein Film ab, nicht der Film des eigenen Lebens, sondern eine Kurzzusammenfassung der vergangenen Stunden. Friedhöfe, Kreuze, Kirchen, Aussegnungshallen, Nägel, Sägen, Särge tauchen vor dem inneren Auge auf.

Ein furchtbares Ende? Im Gegenteil, es ist ein gutes Gefühl, in einer selbstgebauten Holzkiste zu liegen und über das Leben und das Sterben nachzudenken. Ein Kompakt-Kurs zum Thema Tod muss wohl im geschlossenen Sarg enden. Das erscheint fast zwingend. Aber der Reihe nach.

Ziel des Wochenend-Seminars "Männer bedenken Ende und Anfang" ist es nicht, lebendig begraben zu werden. Das Probeliegen im Sarg ist für jeden freiwillig und gehört nicht offiziell zum Programm. Die Grundidee der Veranstaltung, die von der evangelischen Kirche Bayern organisiert wird, ist recht einfach: Männer kommen miteinander ins Gespräch, wenn sie handwerkliche Dinge tun. An Autos herumschrauben, einen Zaun bauen, einen Gartenteich anlegen. Warum also nicht den eigenen Sarg zimmern und dabei über Gott, die Welt und den Sensenmann reden?

Männer schrauben an Autos herum und bauen Zäune. Das soll sie zum Sprechen bringen

"Beim Bauen der Kiste kommen auch die ganz schweren Kisten aufs Tapet", sagt Günter Kusch, der beim Nürnberger Amt für Gemeindedienst "Männerarbeit" organisiert. Ein Wochenende lang geht es um die letzten Dinge: Die Teilnehmer gestalten eine Grabstele, sie schreiben ihre eigene Beerdigungsansprache, sprechen über die Dinge, die sie sonst verdrängen - Themen wie Patientenverfügung, Bestattungsriten und Jenseitiges, mal im Stuhlkreis, mal beim Essen, mal beim Bretterhobeln.

930 000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr, die meisten in Krankenhäusern und Altenheimen, die wenigsten zuhause bei ihrer Familie. Und immer weniger Menschen werden in einem Sarg beerdigt. In katholischen Regionen war die Erdbestattung lange Tradition, doch der Anteil der Feuerbestattungen steigt und liegt bereits bei 70 Prozent. In Deutschland gilt die Sargpflicht, auch für das Krematorium ist eine Holzkiste notwendig. Urnenfeiern lassen sich besser planen und wirken abstrakter. "Trauertechnisch ist das ein Krampf", sagt Jörg Reuter, Assistent der Geschäftsführung in der Dinkelsbühler Sargfabrik Wendel. "Der Verstorbene gehört körperlich in die Mitte genommen, das ist sein letztes Fest." Stattdessen werden Urnenbestattungen, Friedwälder oder rein virtuelle Trauerfeiern nur mit dem Foto des Verstorbenen immer beliebter. "Diese Kuschelbeerdigungen sind nicht gut für die Trauerkultur", meint der Bestattungs-Profi, "es muss wehtun!"

Männer können ja wunderbar über Gefühle reden - solange sich diese auf ihren Fußballverein, den Hund oder das Auto beziehen. Schwierig wird es, wenn es um sie selbst geht. Unangenehme Themen wie Angst vor Alter, Krankheit und Tod werden gerne totgeschwiegen. Beim Seminar geht es darum, diese Sprachlosigkeit zu durchbrechen - was erstaunlich gut gelingt. Die 20 Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland, der jüngste ist 19, der älteste 70 Jahre alt. Beim Kennenlernen im gruftartigen Keller eines Gasthauses in Segringen ist schnell klar, dass es keine todtraurige Veranstaltung wird - es gibt deftiges Essen, Bier und schwarzen Humor. "Meine Frau hat zum Abschied gesagt: Bitte spring noch nicht in die Kiste", sagt einer.

Michael hat den Kurs von seinem Schwiegervater geschenkt bekommen, der wünscht sich später mal einen handgemachten Sarg vom Schwiegersohn. Erhard ist Notfallseelsorger und kennt den Tod aus professioneller Perspektive, nun möchte er herausfinden, wie er dazu steht. Volker ist Pfarrer im Ruhestand, er hat viele Menschen beerdigt in seinem Berufsleben und will sich nun gedanklich mit dem eigenen Tod beschäftigen: "Das ist etwas ganz anderes, das fällt mir gar nicht so leicht."

Es ist kein Zufall, dass das Seminar in Dinkelsbühl stattfindet, schließlich steht dort eine der größten Sargbau-Fabriken Deutschlands: Hans Wendel & Co. GmbH. 20 000 Särge pro Jahr werden dort hergestellt, aus einheimischen Bäumen. Im Showroom stehen preisgünstige "Verbrenner" für die Feuerbestattung, Fichtenholz-Kisten im Ikea-Stil und Designer-Modelle wie die "Welle", ein elegant geschwungenes Objekt, das den Lebensfluss symbolisieren soll. Dazwischen extravagante Exemplare - mit Spiegeln, aufgemalten roten Rosen und nackten Frauen im Hochglanz-Lack. Die Preisspanne reicht von 200 Euro für einen Durchschnittssarg bis zu mehreren Tausend Euro für das kunstvoll lackierte Erdmöbel aus massiver Eiche. "Die Sargtrends hinken den Möbeltrends immer hinterher", sagt Reuter, "früher galt Eiche rustikal als schick, danach kam die astige Kiefer, jetzt ist der Bio-Sarg aus regionalem Massivholz angesagt."