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Sack Reis:Korn für Korn

Am Ende dieser zweiten Kolumne unseres China-Korrespondenten wird ein Sack Reis umfallen. In Feifeis Küche. An ihm wird sich zeigen, was für ein Kerl das ist, den die Frau viele Jahre nach dem ersten Treffen in ihre Küche eingeladen hat.

Am Ende dieser Kolumne wird ein Sack Reis umfallen. In Feifeis Küche. Ein Mann und eine Frau werden deshalb auseinandergehen. Feifei ist eine gute Freundin von mir. Später ging sie in ein Kloster, wurde buddhistische Nonne. Das muss man dann nicht mehr dem Reissack in die Schuhe schieben. Den Mann hatte sie vor ein paar Jahren auf dem Hua-Berg getroffen, nachts, knapp über den Wolken. Der Huashan ist der steilste, schroffeste von Chinas heiligen Bergen. Gemeinsam waren sie auf einem Felsen gesessen und hatten der Sonne beim Aufgehen zugeguckt. Hernach sahen sie sich jahrelang nicht wieder.

Feifei liebte später den kleinen Wen. Ein Maler. Seine Bilder brüllen einen an. Der kleine Wen war bei der Großmutter aufgewachsen, jeden Morgen gab es Reissuppe zu essen, die war schon sauer. Reis war kostbar. Wens Kindheit schmeckte nach verdorbenem Reis. Als Feifeis Reis zur Neige ging und sich in ihre Liebe der Zweifel schlich, marschierte Wen los, neuen zu kaufen. Das war der Sommer, da sein Strich immer gewittriger wurde, denn er spürte, dass Feifei wankte. Wen kochte, Wen ging zum Markt, jeden Tag. Reis aus dem Nordosten schmeckt am besten, er holte einen Sack zu 50 Pfund. Der kleine Wen zog aus der Wohnung aus, als in dem Sack noch 30 Pfund waren. Zuletzt hatte er mit seiner Furcht das Herdfeuer geschürt, hatte um sein Leben gekocht: mit Blütenpfeffer beseeltes Doufu, gesottene Ente. Geholfen hat es nicht.

Nun steht da, nach mehr als zehn Jahren, der Bursche vom Hua-Berg. Er ist jetzt 36 und bereit für die Frau, die bei ihm bleibt. Als sie ihm die Tür öffnet, sieht sie zuerst die gemusterte Krawatte und die dicke Bauunternehmer-Uhr. Tja, sagt er, mittlerweile bin ich Bauunternehmer. Er grinst. Feifei findet ihn nervös. Zuerst. Und süß, dann, ein kleines bisschen. Witzig, ein wenig später. Klug. Sehr klug. Sie sprechen über den Berg und über Omelettes, über daoistische Mönche und Fahrraddiebe. Über sich reden sie lange nicht. "Hast du je geheiratet?" fragt er irgendwann. "Nein", erwidert Feifei. "Hatte halt kein Glück." Schweigen. "Ich bin aber schon normal", legt sie hastig nach. Beinahe hätte sie sich die Zunge abgebissen.

Er wirft seine Krawatte über die Stuhllehne. Endlich, denkt sie. Als sie in die Küche gehen, albern sie herum wie kleine Kinder. Das Wasser ist alle. Gemeinsam versuchen sie, den neuen Mineralwasserkanister auf den Wasserspender zu stemmen. Feifei will Tee kochen. Die Küche ist winzig, der Kanister ein Spiel. Sie ächzen, nicht wirklich. Stoßen aneinander, nicht aus Versehen. Ihr Arm in seiner Seite. Gleich passiert es. Feifei dreht sich prustend weg. Jetzt.

Der Sack Reis fällt um.

Leises Prasseln, Körnerschauer. Guter Reis aus Chinas Nordosten auf dem Küchenboden, nicht viel, zwei Handvoll vielleicht. Er ist schneller. Mit seinem Schuh wischt er den Reis in die Ecke. Eine rasche Bewegung, achtlos, er schaut nicht einmal hin. Feifei schon. "In meinem Kopf war plötzlich alles sehr klar", sagt sie. "Alle Herzlichkeit, alle Wärme fiel von mir ab, mit einem Schlag." Kein Prickeln ist da mehr. Feifei schämt sich. Vor dem kleinen Wen, der gar nicht mehr da ist.

Sie trinken noch den Tee. Dann verabschiedet sich der Bauunternehmer. Sie werden sich nicht wiedersehen. Feifei fegt die Körner zusammen, wäscht sie sorgfältig, richtet den Sack wieder auf und füllt den Reis zurück, Korn für Korn.