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Sack Reis:Gott, hilf

Ein Muslim, ein Christ und ein Buddhist treffen sich im mongolischen Grasland zum Wettstreit der Argumente - und hinterher trinken alle gegorene Stutenmilch und verstehen sich nach einem wilden Zechgelage. Ein Traum? Nur fast.

Von Kai Strittmatter

Himmel. Auch so genervt? Fassungslos? Über die globale Renaissance der Religion im hysterischen Gewande? Wirklich weg waren sie ja nie, die selbstgerechten, bigotten, im Extremfall mörderischen Moralapostel unter den Religiösen, denen ihr Gott, Allah, Jahwe, Shiva oder Buddha zu nichts gut ist, als ihn dem jeweils anderen einfach überzustülpen. Aber dass man sie seit ein paar Jahren wieder ernst nehmen soll, dass sie die öffentliche Debatte und den Lauf der Welt bestimmen, das tut weh. So. Was tun? Ich weiß es nicht. Ich habe aber einen Traum: Was, wenn die Hand Gottes die ganze hartherzige Bagage packte und weit hinten in der Mongolei wieder ablüde?

Tief im mongolischen Grasland, jawohl. Wo ein strenger, aber gerechter Khan herrschte, der sie alle zu sich riefe und ihnen bei Todesstrafe untersagte, einander zu kränken oder sich den Schädel einzuschlagen. Vielmehr, so der Khan, sollten die Vertreter der einzelnen Religionen vortreten und sich vor drei Schiedsrichtern - ein Muslim, ein Christ, ein Buddhist - messen im Wettstreit der Argumente, wo doch "jeder von euch behauptet, seine Schriften enthielten die reinste Wahrheit". Da stünden sie dann, ganz ohne ihren Senatssitz und ohne ihren goldlackierten Präsidententhron unterm Arsch, ohne ihre Propagandatrupps und ohne ihre Kalaschnikows. Sie würden grummeln, sodann aber aus ihrer Mitte den jeweils Klügsten küren. Zuerst träten der Christ und der Buddhist in den Ring und es entspannte sich ein gelehrter Schlagabtausch über das Leben nach dem Tode, die Wiedergeburt und das Böse in der Welt. Die Schiedsrichter entschieden auf eins zu null für den Christen, was den Buddhisten in seiner Weltvergessenheit aber nicht kratzte. Überhaupt hätten sich die Christen und die Muslime so lieb, dass die einen zu den anderen sagten: "Ach, in eurem Buch steht doch fast dasselbe wie in unserem. Was sollen wir uns da streiten?"

Und so hielte mal der eine zu jenem und dann der andere zu diesem, und in den Pausen würde gegorene Stutenmilch gereicht, die ihre segensreiche Wirkung bald entfaltete: Irgendwann gäben die Christen den Versuch auf, noch irgendjemanden auf ihre Seite zu ziehen und verlegten sich aufs lautstarke Singen. Die Muslime hielten dagegen mit dem anschwellenden Deklamieren von Koransuren. Und die Buddhisten entrückten in stiller Meditation. Am Ende hätte keiner irgendwen umgebracht, missioniert oder auch nur von irgendetwas überzeugt, die ganze Übung wäre also ein rauschender Erfolg und liefe aus in einem wilden Zechgelage. Am nächsten Tag riefe der Khan alle zu sich und erklärte: "Seht ihr? So wie Gott der Hand verschiedene Finger gab, so gab er auch den Menschen verschiedene Wege zur Seligkeit." Und sie hätten an diesem Satz und an ihrem Kater noch so lange zu kauen, dass sie nie, nie wieder dem Rest der Welt auf die Nerven fielen, woraufhin dieser endlich dazu käme, das zu tun, was dem Menschen frommt.

Ein schöner Traum. Und das Beste: Ist fast haargenau so passiert. Und zwar vor 800 Jahren, am 30. Mai 1252. In Karakorum im mongolischen Grasland, damals Hauptstadt der halben Welt. Nachzulesen beim Franziskanerpater Wilhelm von Rubruk: "Reisen zum Großkhan der Mongolen", Edition Erdmann 1984. Ich war mal in Karakorum. Da steht nichts mehr aus der Zeit von Möngke-Khan. Gras, nichts als Gras bis zum Horizont. Platz für alle.

© SZ vom 12.03.2016
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