Sack Reis:Böse alte Männer

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Vor fünf Jahren zog unser Kolumnist von Istanbul nach Peking. Damals war Aufbruchstimmung, heute deprimiert ihn, dass in der politischen Türkei chinesische Verhältnisse herrschen. Fahrt hin, rät er, lasst sie nicht allein mit dem bösen alten Mann!

Von Kai Strittmatter

Die Chinesen sagen, dies sei das Jahr des Feuerhahns. Ich sage, es ist dies das Jahr des bösen alten Mannes. Ich weiß: dass alte Männer der Welt ihren säuerlichen Geruch, ihre zur Tyrannei geronnene Gier, ihre Ängste und ihre Rachsucht aufzwingen, ist nichts Neues. Die Zivilisierung der Menschheit war auch ein Prozess, der die Macht dieser Männer einhegte, der ihr Gift neutralisierte. Das machte die Türkei zu einem so grandiosen Experiment, im Jahr 2005, als ich dort hinzog, um sieben Jahre lang als Korrespondent aus Istanbul zu berichten. Und das macht sie so deprimierend heute.

In den ein, zwei Jahren nach meinem Umzug von Istanbul nach Peking wurde ich oft gefragt, ob ich den Weggang aus der Türkei nicht bereuen würde. Ich war tatsächlich verliebt gewesen in Istanbul, vom ersten bis zum letzten Tag: Bauchflattern, wenn die Fähre sich dem Pier näherte; sehnsüchtige Blicke über die blauen Wasser des Bosporus und die rosa Judasbäume an seinen Hängen. Unter der Oberfläche waren sie immer zu spüren, die Aggression und das Unglück in der Seele vieler Menschen, aufgewachsen in einer Nation, der die Gewalt, der Zwang und die Lüge lange zweite Natur waren. Aber in jenen Jahren wurde man Zeuge eines Aufbruchs, Zeuge der Ermannung dieser Gesellschaft. Gegen die Allmacht des Staates, gegen das Joch der Vergangenheit. Da war eine Euphorie.

Nein, es hätte mit der Türkei nicht so kommen müssen, wie es dann kam. Schiefgelaufen ist vieles. Jämmerlich versagt hat die säkular-kemalistische Opposition, gefangen in narzisstischer Beschäftigung mit sich selbst, unverzeihlich blind für ihr Volk. Versagt hat auch Europa. Eine Zeit lang konnte man in der Türkei das Charisma der EU bestaunen, da war der großartige Sog des Versprechens auf eine bessere, eine friedliche Zukunft. Und dann wieder trat die EU auf in ihrer kläglichsten Inkarnation, gab zu verstehen, dass all die Versprechen nicht so gemeint waren, stieß das Land von sich, und seinen Führer tief in die Verbitterung. Diese Zurückweisung trug wohl ihren Teil dazu bei, dass die folgenden Jahre das Schlechteste an Erdoğan hervorkehrten. Dass er sich in eine nachgerade fantastische Romanfigur verwandelte: der kaltblütige und einsame Herrscher in den endlosen Hallen seines Schlosses. Ein Mann, dem sich das halbe Volk selbst zum Fraß vorwirft und die andere Hälfte als Opfer darbringt.

Nein, habe ich also all denen, die mich fragten, damals immer wieder gesagt: Nein, ich bereue meinen Weggang nicht. Nicht angesichts dessen, was sich in der Türkei schon 2012 abzeichnete. Aber China? Ausgerechnet China?, erwiderten viele ungläubig, und ihre Mienen sagten: vom Regen in die Traufe. Stimmt schon. In China werden die Freiheit und der Rechtsstaat noch viel mehr geprügelt. Und dennoch: In China wusste einer immer, worauf er sich einließ. In der Türkei aber, da war für ein paar Jahre dieses Fenster offen. Da war diese einmalige Chance. Da war so viel Hoffnung. Das ist doch das Grausamste: nicht der Blick in die Dunkelheit - sondern zu sehen, wie die Lichter zerschlagen werden, die drauf und dran waren, diese Dunkelheit zu bannen.

Kann es einem das Herz immer noch ein Stückchen mehr brechen? Es kann. Kann man etwas tun? Man kann. Boykott ist Quatsch. Fahrt in die Türkei. So oft ihr könnt. Lasst sie nicht allein mit dem alten Mann.

© SZ vom 22.04.2017
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