Romanows und Osmanen Gipfel der Erbfeinde

In Istanbul treffen erstmals offiziell Angehörige der russischen Romanow-Familie auf die Osmanen. Als die Kapelle "Doktor Schiwago" spielt, gibt es kein Halten mehr.

Von Kai Strittmatter

An so einer Dynastie trägt es sich nicht leicht. Vor allem, wenn ihr Land und Volk verloren gingen. Wenn Zar und Sultan vom Thron gestoßen, exekutiert oder des Landes verwiesen und, vielleicht am schmerzlichsten, nach ein paar Jahren von ihrem Volk gar nicht vermisst werden. Die Romanows. Die Osmanen. Namen sind das schon. Die beiden also jetzt an einem Ort. Ein Wochenende lang. In Istanbul.

Die undatierte Archivaufnahme zeigt den letzten russischen Zaren aus der Romanow-Dynastie, Nikolaus II., der gemeinsam mit seiner Familie in der Nacht zum 17.7.1918 von Bolschewiki ermordet wurde.

(Foto: Foto: dpa)

Der Topkapi-Palast. Noch so ein Name. Gehörte einmal den Osmanen. Ist auch schon fast ein Jahrhundert her. Wir eilen die Gänge entlang, ein einsamer Flurfeger in Sicht. "Verzeihung, hier muss doch eben eine Gruppe durchgekommen sein . . . Mitglieder der Familien Romanow und Osman." Ein müder Blick. "Romanows? Osmanen? Hä? Ich putze hier bloß."

"Rette sich wer kann, meine Liebe"

Ein paar Minuten später haben wir sie eingeholt. In der Kammer mit den Reliquien des Propheten Mohammed. Großfürstin Maria bewundert den Mantel und das in einem Glas fein aufgezogene Barthaar des Propheten. Ehrfüchtige Stille. Auf dem Weg war uns Hanzade Sultan entgegengeeilt, eine Enkelin des letzten Sultans (bei Frauen steht der Titel "Sultan" hinter dem Namen). Beim Vorübergehen hatte die Flüchtende ihrer Begleiterin zugeraunt: "Rette sich wer kann, meine Liebe."

Maria Wladimirowna Romanowa. Bei der Pressekonferenz gibt sich die Großfürstin alle Mühe. Sie fühle sich glücklich ob des Empfangs durch die Mitglieder des Hauses Osman. "Solche Treffen sind wichtig. Ein Land ohne Geschichte kann nicht in die Zukunft schreiten." Einer der osmanischen Prinzen ergreift das Wort: Er sagt, auch er empfinde heute große Ehre. "Weil ich Professor Ilber Ortayli kennenlernen darf".

Ilber Ortayli sitzt in der Mitte. Er ist heute der Herr des Topkapi-Palastes, sein Direktor. Und so viel mehr. Ortayli ist der große alte Herr und Star der türkischen Historiker. Kein Osmane, aber irgendwie adoptiert. Der zweite osmanische Prinz, bewundernd: "Er ist unser Augapfel." Dann spricht der Hausherr selbst. An die Großfürstin gewandt sagt Ilber Ortayli: "Den Besuch als eine Ehre für unseren Palast zu bezeichnen wäre zwar zu viel gesagt" - die vier Journalisten, die gekommen sind, halten den Atem an - "aber wir freuen uns." Es war wohl nicht zu erwarten, dass nach so viel unguter Zeit zwischen den beiden Herrscherhäusern sofort die Liebe vom Himmel regnet. Aber bis zum großen Ball am Abend sind es ja noch ein paar Stunden.

Das russische Zarenreich und der osmanische Sultansstaat. Praktisch vom ersten Augenblick an haben die beiden sich aneinander gerieben. Intrigen, Kriege, Eroberungen: Die Osmanen waren auf ihrem Höhepunkt angelangt, als die Russen gerade begannen, ihr Reich zu formen. 1783 verloren die Osmanen die Krim, am Ende ganze Teile Anatoliens an die Armeen der Romanows. Es wuchs eine Erbfeindschaft, dem Konflikt zwischen Deutschen und Franzosen nicht unähnlich.