Roland Kochs Abschied Aber bitte mit Sahne

"Wir sollten unser Blut mal etwas in Wallung bringen": Früher war eine Serenade eine spießige Veranstaltung. Roland Kochs Abschied mit einem inbrünstig singenden Udo-Jürgens-Verschnitt in Uniform zeigt: Früher war alles besser. Eine Stilkritik.

Von Sarina Pfauth

Erst kürzlich sagte Udo Jürgens in einem Interview mit der Zeit, dass er manchmal bei seinen eigenen Liedern weinen muss. Gestern hätte er dafür einen Grund gehabt. Doch anstatt zu weinen, saß der Schlagersänger mit schreckgeweiteten Augen auf seinem Ehrenplatz neben dem tibetischen Exilpremierminister und schaute völlig verunsichert nach links und rechts - helfen konnte ihm da aber auch schon niemand mehr.

Der Koch, der Landesfürst war

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Dabei hatte alles so harmlos angefangen: Die Fackelträger vom Jägerregiment I aus Schwarzenborn waren eingezogen, mit ihnen die Pfeiffer, Trommler und der Schellenbaum-Träger des Herresmusikkorps II aus Kassel.

Sie hatten, dem scheidenenden Ministerpräsidenten Koch zu Ehren, den "Althessischen Reitermarsch" gespielt. Koch hatte auf einer kleinen Tribüne gestanden, neben ihm hatte der Kommandeur des Wehrbereichs II, Generalmajor Gerhard Stelz, Haltung angenommen.

Die Soldaten waren marschiert, so wie man das erwartet. Ihre Vorgesetzten donnerten "Abteilung stillgestanden" und "Im Gleichschritt: Marsch!" über den Platz. Alles lief wie erwartet. Und doch blieb am Ende ein ratloser TV-Moderator des Hessischen Rundfunks zurück, der stammelte: "Militärmusik muss gar nicht steif sein."

Aber von vorne: Eine Serenade ist ein Teil des Großen Zapfenstreiches. Letzterer steht jedoch nur Verteidigungsministern, Bundespräsidenten, Kanzlern und hohen militärischen Würdenträgern bei ihrem Abschied zu. Weshalb es für scheidende Ministerpräsidenten eine Schmalspur-Version gibt - die Serenade ist der Teil des Zapfenstreichs, für den sich der Geehrte die Stücke selbst wünschen darf.

Roland Koch ist, das wusste er lange zu verheimlichen, ein persönlicher Freund und glühender Verehrer des Sängertitanen Udo Jürgens. Weshalb er sich neben dem "Hessenlied" auch einen Udo-Jürgens-Medley zum Abschied gewünscht hatte. Sodenn trat bei Minute 57 der Live-Übertragung unvermittelt ein Soldat in Uniform aus der Dunkelheit, der erst summte und dann voller Inbrunst schmetterte: "Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden." Roland Koch lächelte selig von seinem Podium, der Rest des Publikums staunte. Ein Udo-Jürgens-Double bei den Reihen der Posaunisten des Herresmusikkorps II aus Kassel? Damit hätte keiner gerechnet. Mit Dschingdarassabum kann jeder kommen. Aber ohoho-o-yeah?

Völlig um den Verstand brachte der Serenaden-Udo-Jürgens mit getönter Brille sein Publikum aber erst bei Minute 61. "So, meine Damen und Herren. Wir sollten unser Blut mal etwas in Wallung bringen. Ich zeigs ihnen gleich", versprach er.

"Aber bitte mit Sahne" rockte der Sänger mit Schnauzbart und Uniform und klatschte mit den Händen über dem Kopf. Helmut Kohl staunte, der echte Udo Jürgens klatschte heftigst mit und Generalmajor Gerhard Stelz wiegte sich im Takt, allerdings nur jeweils um etwa 15 Grad in beide Richtungen, die Arme blieben stramm angewinkelt.

Bei der Bundeswehr sind die jetzt also auch locker. Dieser Abend setzt neue Maßstäbe in Sachen MP-Abschiede, das war allen Anwesenden klar. Wahrscheinlich hat Verteidigungsminister Guttenberg diese neue Strategie vorgegeben. Denn er weiß aus Erfahrung: Die Show muss stimmen.

Doch manchmal gibt es gute Gründe dafür, alte Gewohnheiten beizubehalten. Denn die stillstehenden Fackelträger vom Jägerregiment I aus Schwarzenborn machen, bei aller Liebe zur Populärmusik, eine bessere Figur, wenn nebenbei kein Udo-Jürgens-Double singt: "Ich wünsch dir eine Hand, die deine hält und dass dir deine Träume bleiben, auch wenn du suchst nach Zärtlichkeit."

Aber emotional war's, keine Frage. Und vielleicht fand Udo Jürgens die Sache ja auch toll, eigentlich. In dem besagten Interview sagte er nämlich auch: Wenn die Leute bei "Aber bitte mit Sahne" auf die Bänke steigen, dann sitze er "irgendwo in der Ecke und steige innerlich mit auf die Bank".