Robin Schulz Der Bestseller

Vor vier Jahren lebte der DJ noch vom Flaschensammeln. Heute bekommt er 100000 Euro pro Auftritt. Zu Besuch bei einem dennoch bescheidenen Popstar.

Von Jan Stremmel

Robin Schulz möchte jetzt lieber nicht auf seinem Thron sitzen. "Nee, das kommt zu dekadent", sagt er und rückt sich etwas nervös die Kappe zurecht. An der Tafel in seinem Esszimmer stehen zwei gigantische silbern lackierte Sessel, die Rückenlehnen sind fast so hoch wie Schulz selbst, mit Stacheln und Totenköpfen verziert. Sie stammen aus der Möbellinie "Roberto Geissini" des RTL2-Millionärs Robert Geiss, "hab ich im Fernsehen gesehen und direkt bestellt", sagt Schulz. Aber sich da draufsetzen, nur schnell fürs Foto? Auf keinen Fall. Der Thron bleibt leer.

Tatsächlich: Der international erfolgreichste deutsche Künstler der vergangenen zwanzig Jahre - man kann das natürlich messen, woran man will, in dem Fall aber: Chartplatzierungen weltweit - hat Sorge, unbescheiden rüberzukommen. Dabei wäre das der genau letzte Vorwurf, den man ihm machen würde, nachdem man ihn daheim besucht hat. Robin Schulz, 29, ist ein brutal zurückhaltender, fast schon irritierend bescheidener Mensch. Sein Blick zuckt beim Reden im Zimmer herum, als säße er gerade schlecht vorbereitet im Bewerbungsgespräch. Er korrigiert sich, wenn man einen seiner Sätze auch nur halb in Richtung Großkotz interpretieren könnte. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage, wie viele Grills er denn da auf der Terrasse habe? "Hm, der Monolith, der Napoleon, der Weber, dann der Pizzaofen und der Beefer, fünf insgesamt." - Pause. Und gleich hinterher: "Das klingt jetzt so protzig, aber in unserer alten Wohnung hatten wir nicht mal 'ne Küche. Bis vor ein paar Jahren hab ich mit meiner Frau ja noch Pfandflaschen gesammelt."

Schulz gibt ungern und deshalb fast nie Interviews. Und wenn doch, wie an diesem Tag kurz vor Weihnachten, dann wirkt er selbst in seinem eigenen Zuhause fahrig und nervös. Obwohl seine Freundin, die er "meine Frau" nennt, sein Manager und sein Tourmanager mit im Wohnzimmer lümmeln und gelegentlich mit Zahlen und Daten helfen ("Wann war noch mal die Grammy-Verleihung? Und wie viele Stadien spielen wir in Indien?").

Robin Schulz stammt aus der Nähe von Osnabrück, und das Erstaunliche daran: Er wohnt da, obwohl längst Popstar und höchstwahrscheinlich Multimillionär, immer noch. In einem zerpflückten Industriegebiet zwischen Teppichlager und Küchenstudio hat Schulz ein Haus mit großem, sichtgeschütztem Garten und einer langen Einfahrt gekauft. Der Vorbesitzer mit Sportwagen-Hobby hat die scheunengroße Garage gebaut, sie steht jetzt leer, Schulz hat kein Auto. Im Haus stehen Deko-Rehe auf dem Sideboard, ein Sofakissen ist mit dem Wort "Lieblingsmensch" bestickt. Im Fernseher läuft Werbung.

Kritiker finden, seine Musik ähnele einem Wandtattoo. Nun ja, und wenn schon?

Dass man Robin Schulz nicht als Erstes im Kopf hat, wenn man an deutsche Pop-Exporte denkt, sondern eher Tokio Hotel, Rammstein oder Scooter, liegt daran, dass er tatsächlich bis vor vier Jahren noch von Hartz IV lebte. Seither hat er allerdings gut 150 Gold- und Platin-Schallplatten erhalten, für knapp zwölf Millionen verkaufte Platten, war für den Grammy nominiert (mit einem Song in der Kategorie "Bester Remix", den er an einem Nachmittag auf dem Macbook produziert hatte) und hat den erfolgreichsten Hit eines deutschen Künstlers aller Zeiten veröffentlicht: "Prayer in C", ebenfalls ein Remix, stand in 17 Ländern auf Platz eins der Charts.

Auch wem diese Titel nichts sagen - wer die letzten zwei Jahre mal Radio gehört hat oder im Elektromarkt einkaufen war, kennt mindestens drei seiner Songs. Allerdings haben seine größten Hits die Eigenschaft, nicht direkt oben im Gedächtnis zu liegen. Fast alle sind neue Versionen, sogenannte Edits, von Liedern anderer Künstler. Der unfassbar schnelle Erfolg von Robin Schulz basiert auf einem Dreisatz: Erstens, ein gutes Lied finden. Zweitens, am Computer einen etwas schnelleren Beat drunterlegen, der das Lied tanzbar macht. Drittens, Plattenverkäufe zählen.

Mit dieser Herangehensweise ist er nicht der Einzige. Seit 2014 waren die Spitzen vieler Hitparaden weltweit fast durchgehend von ähnlichen Remixen besetzt. Der Trend brachte einer Handvoll fast unbekannter junger DJs namens Wankelmut, Felix Jaehn oder Alle Farben sagenhafte Verkaufszahlen. Und alle arbeiteten nach diesem Prinzip: Bekannte oder unbekannte Songs wurden am Computer zerpflückt, etwas schneller gemacht, mit einem Vierviertelbeat unterlegt - fertig waren sanfte Dance-Hits, die sich zum Zähneputzen genauso gut hören lassen wie zum Autofahren oder eben Tanzen. Diese neue, eckenlose Spielart der elektronischen Musik wurde von Promotern "Deep House" getauft. Auch wenn dieser Begriff ursprünglich für die eher kantige Musik aus der schwulen Clubszene in Chicago stand. Robin Schulz jedenfalls wurde der erfolgreichste Vertreter des neuen Deep House.

Es dauerte nicht lang, bis die Popkritik den Trend "belanglos, öde und anwidernd" fand (Vice). Schulz' Songs klängen "so, wie Wandtattoos aussehen", er mache Musik für Menschen mit "gebräunt geflextem Bizeps und Cuba-Libre-Atem" (laut.de), Musik, "die so lange entkernt wurde, bis da nur noch eine komisch herumschwebende Hülle war. Sie erinnert an verzehrfertig abgepackte Karottenraspel" (Musikexpress). Nun ja. Man kann nach einem Blick in die Rezensionen und Kommentare auf Techno-Blogs jedenfalls sehr gut nachvollziehen, warum sich Schulz nicht auch noch auf dem Roberto-Geissini-Thron fotografieren lassen will. Man muss seinen Hatern die Munition nicht auch noch frei Haus liefern.

Natürlich würde Schulz aber nie sagen, dass ihn die Ablehnung der Techno-Szene, der Vorwurf des Ausverkaufs störe: "Nee, pass auf", sagt er, und einen Moment lang ist sein Blick total fokussiert, "für einen Künstler kann's doch nichts Schöneres geben! Ich hab früher für einen ganz kleinen Kreis dieselbe Musik gemacht. Und jetzt hört das plötzlich jeder und mag es, vom Fünfjährigen bis zur 80-Jährigen!"

In der Tat hat Robin Schulz schon Jahre vor dem großen Erfolg Edits von Liedern gemacht, die ihm gefielen, aber keinen tanzbaren Beat hatten. Die Originalsongs zu seinen ersten Hits, zum Beispiel die Ballade "Waves" vom niederländischen Sänger Mr. Probz, entdeckte er nicht etwa in aufwendiger Detektivarbeit, wie bei Musikproduzenten üblich - "nö, das wurde mir in der Seitenleiste von Youtube vorgeschlagen." Um den Beat darunterzulegen, benutzte er die Hobby-Software Fruity Loops, sie kostet 80 Euro. "Viel Arbeit war das nicht", sagt Schulz. Dafür erreichte sein Remix aus dem Stand Platz eins der deutschen, österreichischen, schweizerischen und sogar britischen Charts, blieb dort wochenlang und wurde am Ende des Jahres für den Grammy nominiert.

Die Verachtung, die Schulz seither aus der Szene entgegenschlägt, zeigt vielleicht, dass es nur eines gibt, was Menschen noch skeptischer macht als schneller und kommerzieller Erfolg: schneller, kommerzieller und scheinbar müheloser Erfolg. Da geht es der Popmusik offenbar ganz ähnlich wie der abstrakten Kunst oder findigen Gründern von Start-ups: Neid ist die eine Sache. Aber Neid auf etwas, das man vielleicht sogar selbst hätte hinkriegen können, so naheliegend und kinderleicht sieht es aus - das macht die Leute richtig sauer.

Dieses Jahr hat er 230 Konzerte weltweit gespielt. Für 100 000 Euro pro Auftritt

Mit 15 fängt Robin Schulz an aufzulegen. Er kauft sich einen billigen Plattenspieler, ein kleines Mischpult und verkabelt es mit seinem Pentium-3-Computer. So kann er Disco-Schallplatten seines Vaters zu halbstündigen DJ-Sets zusammenmischen. In seiner Jugend läuft wohl einiges schief, Genaueres will er nicht erzählen, aber er ist ein schlechter Schüler, findet keinen Ausbildungsplatz und fliegt von zu Hause raus. "Mir ging's da gar nicht gut." Er lebt anderthalb Jahre auf der Couch eines Freundes, dann bei seiner Freundin. Sie leiht ihm das Geld für seinen ersten Laptop, auf dem er seine beiden ersten Nummer-eins-Hits produzieren wird. Wenn ein Remix fertig ist, lädt er ihn hoch und kopiert den Link dazu in Hunderte Foren, Blogs und Facebook-Gruppen für elektronische Musik, mailt ihn an Online-Redaktionen und postet ihn in die Kommentare unter Einträgen bekannter DJs. "Erst hab ich drei Stunden lang gepostet, dann meine Frau. Wie totale Nervensägen. Aber wenn auch nur einer auf ,Gefällt mir' geklickt hat, haben das wieder zehn Leute gesehen."

Einer von ihnen ist Gena Londa, ein sympathischer Mann mit Vollbart und Rappermütze. Er arbeitet 2013 bei einer Agentur in Bad Kissingen, die für DJs Konzerte bucht. "Damals gab es so eine Art Blase", sagt Londa. Songs mit sanftem House-Beat und Melodie bekommen auf Youtube plötzlich irre Klickzahlen, viel mehr als jedes andere Elektro-Musikstück. Die ersten unbekannten Produzenten werden unter Vertrag genommen und steigen in die Charts. Eines Tages spielt jemand in der Agentur einen Song, den ein Blog gerade gepostet hat. "Und plötzlich drehten sich alle im Büro um", erinnert sich Londa. Es ist Robin Schulz' Remix von "Waves".

Damals sind Elektro-DJs für Booking-Agenturen längst besser vermarktbar als Bands: Man braucht weniger Technik, keine Instrumente, keinen Tourbus. Dafür lassen sich für einen guten DJ mit eigenen Songs viel höhere Gagen aufrufen, weil die Veranstalter mehr Getränke verkaufen. Und in den Club gehen die Leute nicht nur dreimal im Jahr, wie auf ein Konzert, sondern jedes Wochenende. Elektronische Tanzmusik ist damals auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit. Und Robin Schulz, dessen Songs hunderttausendfach geklickt werden, ist noch nie außerhalb von Osnabrück aufgetreten. Ein Jackpot.

Beim ersten Telefonat, erinnert sich Gena Londa, habe man Schulz gefragt, was er sich so als Gage vorstelle? "Er meinte, ganz vorsichtig: Vielleicht 200 Euro pro Nacht? Und freien Eintritt für ein paar Freunde wäre nett." Gleich fürs erste Konzert, in der Münchner Kultfabrik, handelt die Agentur 700 Euro für zwei Stunden aus. Plus Anreise und Hotel. "Den Club hätten sie dreimal ausverkaufen können." Gena Londa ist inzwischen Schulz' Tourmanager. Und Schulz besitzt heute drei Reisepässe, von denen meistens zwei gerade per Post unterwegs zu Botschaften sind, um Visa für seine Tourneen zu bekommen. Seine Gage beträgt mittlerweile 100 000 Euro pro Auftritt, in diesem Jahr hat er 230 Konzerte gespielt.

Im Unterschied zu den vielen anderen, die damals mit Remixen in den Charts landeten, sagt Londa, habe Schulz nicht nur einen Treffer gelandet. Sondern gleich eine ganze Trefferserie. Tatsächlich werden zwei der Songs, die er ein halbes Jahr zuvor noch mit seiner Freundin im Internet beworben hat, postwendend zu Welthits: "Waves" und "Prayer in C". Und auch die nächsten Songs, bis heute: alles Top Ten. "Er hat ein sehr besonderes Gehör für die perfekte Melodie", sagt Londa.

Im ersten Stock seines Hauses setzt sich Schulz jetzt an den Rechner. Sein Studio besteht aus Keyboards, Plattenspielern und einem PC, auf dem noch das Computerspiel "GTA V" läuft. Er öffnet ein Soundprogramm und drückt auf Play. Es plackert los, klassischer Schulz-Sound, ein Beat, ein paar Akkorde, dann steigt eine Soulstimme ein. Der Name des Sängers? Fällt Schulz gerade nicht ein, sein Manager habe ihm das Lied geschickt, "ich glaube, das ist ein Holländer, den hat er in Nashville klargemacht." Aber was zählt bei der Stimme schon der Name? Es geht ja um mehr.

Denn Schulz hat ein Luxusproblem. Von den vielen DJs, die in den letzten Jahren mit ihren Deep-House-Hits in den Charts standen, ist er nahezu der einzige, von dem man erwartet, dass da noch was kommt. Nur: Sein bisheriges Arbeitsprinzip - einfach auf Youtube schauen, was ihm gefällt - reicht nicht mehr. Aus den Top Ten sind seit Längerem fast alle Remixes verschwunden, bis auf einen von David Guetta. Schulz muss jetzt vom talentierten Remixer zum echten Produzenten reifen. Muss Sänger und Songwriter zusammenführen, um Neues entstehen zu lassen. Ist er so weit? Seine Mitarbeiter durchforsten jedenfalls schon Demobänder aus der ganzen Welt, auf der Suche nach Stimmen und Ideen für den neuen Robin Schulz. Er selbst fliegt nächste Woche auf Stadiontournee nach Indien. Mit David Guetta.