Robert Zemeckis über Hollywood

Der Regisseur von "Zurück in die Zukunft" und "Forrest Gump" bittet vor dem Gespräch, vor allem über seinen neuen Film zu reden - woran er sich dann selbst nicht hält.

Interview von David Steinitz

Ein Herbsttag in Berlin. Robert Zemeckis blickt neugierig aus dem Fenster des Hotel Adlon aufs Brandenburger Tor. "Tolle Kulisse", sagt der Regisseur von "Zurück in die Zukunft" und "Forrest Gump". Dann: eiserner Händedruck und die Bitte, vor allem über den neuen Film zu sprechen - woran er sich nach genau viereinhalb Minuten selbst nicht mehr hält.

SZ: Mr. Zemeckis, in Ihrem neuen Film "The Walk" erzählen Sie die unglaubliche Geschichte des Franzosen Philippe Petit, der 1974 ein Stahlseil zwischen die Türme des World Trade Centers spannte und mehrmals hin und her balancierte. Was war das für ein Gefühl, die Twin Towers digital wiederauferstehen zu lassen?

Robert Zemeckis: Am Anfang war es etwas unheimlich. Aber ich denke, es war an der Zeit, daran zu erinnern, dass diese Türme nicht nur für eine schreckliche Tragödie stehen, sondern auch für etwas sehr Schönes und Menschliches. Und genau das hat Petit ihnen damals mit seiner irren Performance geschenkt. Die New Yorker haben die Twin Towers ja gehasst, als sie gebaut wurden. Sie wollten nicht, dass sie ihre Stadt verschandeln. Bis Petit zwischen ihnen spazierengegangen ist. Von da an gehörten sie zur Identität der Stadt.

Der Film ist hauptsächlich im Studio entstanden. Ist es schwieriger, vor einer grünen Leinwand zu drehen, die dann durch Computerlandschaften ersetzt wird, als an echten Orten?

Nein, um Gottes willen, ich hasse es, draußen zu sein! Wie die meisten Regisseure will ich immer alles unter Kontrolle haben, und das kann man draußen vergessen. Du kannst das Wetter nicht ändern, das Licht. Drinnen ist es viel einfacher.

"The Walk" ist nicht nur eine Hommage an Petit, sondern auch eine Verbeugung vor dessen Heimatstadt Paris und New York in den Siebzigern. Trauern Sie dieser Zeit hinterher?

Nein, ich bin wirklich kein Nostalgiker. Der Film musste in den Siebzigern spielen, weil Petit nun mal genau dann über sein Seil spazierte. Aber was im Rückblick faszinierend ist: Wie unschuldig sich damals alles anfühlte. Dass er und seine Jungs mit ein paar Kisten Ausrüstung einfach nachts aufs Dach des World Trade Centers steigen konnten, ist mit der heutigen Terrorangst kaum zu begreifen.

Was haben Sie zu der Zeit getrieben?

Von der Seilnummer habe ich gar nichts mitbekommen. Ich ging gerade auf die Filmhochschule in Los Angeles, da waren wir von der Welt abgeschnitten und lebten glücklich in unserer Cineasten-Blase.

Woher kam Ihre Leidenschaft fürs Kino?

Zunächst war das eine Leidenschaft fürs Fernsehen. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, wir haben in einem sehr bodenständigen Viertel in Chicago gelebt. Dort war es eher üblich fernzusehen, als ins Kino zu gehen. Wenn, dann sind wir in die kleinen, billigen Kinos gegangen, wo trashige Monster- und Kriegsfilme gespielt wurden. Dass das Kino auch von großen Gefühlen erzählen kann, habe ich erst viel später entdeckt.

Wie kam das?

In der High School habe ich 1967 "Bonnie & Clyde" gesehen, mit Warren Beatty und Faye Dunaway. Als die beiden zum Schluss im Kugelhagel sterben, war ich so unendlich traurig. Dieses Gefühl war so mächtig, dass ich herausfinden wollte, wie die Filmemacher das angestellt haben. Also begann ich nachzulesen und lernte: Aha, es gibt da einen Typen, der ist Drehbuchautor und noch einen, der ist Produzent und einen Regisseur gibt es auch.

Wussten Sie da bereits, dass man Regie studieren konnte?

Nein, ich hatte keine Ahnung! Aber dann lag ich mal wieder im Wohnzimmer vor dem Fernseher und sah mir die Johnny Carson Show an. Zu Gast war der große Komiker und Filmemacher Jerry Lewis. Er erzählte, er würde an der University of Southern California Regie unterrichten. Ich fragte mich: Kann es so etwas wirklich geben? Der macht bestimmt einen Witz. Am nächsten Tag bin ich sofort in die Bibliothek und habe die Vorlesungsverzeichnisse durchgeblättert. Und was steht da: Die haben tatsächlich ein Kino-Institut! Von da an war klar, ich muss an diese Uni.

"Ich bin mir sicher, dass 'Forrest Gump' heute keine Finanzierung mehr bekäme": Robert Zemeckis.

(Foto: Scott Council/Contour by Getty Images)

Was sagten Ihre Eltern?

Wir aßen zusammen zu Abend, ich war ziemlich nervös und sagte: Mum, Dad, ich möchte gerne in Kalifornien Film studieren. Mein Vater erwiderte: Aha, der Junge will jetzt also zum Zirkus.

Autsch.

Es kam noch schlimmer. Meine Mutter meinte: Bob, pass auf, Jungs von hier schaffen es nicht nach Hollywood. Sie hat das überhaupt nicht böse gemeint, sie wollte mich nur vor einer Enttäuschung beschützen. Aber: Als ich ihnen meine Pläne gestand, hatte ich mich längst heimlich beworben - und war aufgenommen worden.

War die Filmhochschule das Paradies, auf das Sie gehofft hatten?

Die Professoren waren alle ziemliche Zyniker. Sie sagten uns: Schön, dass ihr hier seid, schön, dass ihr Filme liebt - aber ihr werdet niemals einen Job in Hollywood bekommen. Damals waren die großen Studios eine komplett geschlossene Welt, die Macht in der Filmindustrie wurde quasi vererbt. Dann aber brachten ein paar junge Regisseure, die kaum älter waren als ich, das alte System zum Einsturz: Steven Spielberg, George Lucas oder Francis Ford Coppola. "Der Pate" und "American Graffiti" kamen gerade ins Kino, als ich mit dem Studium anfing. Das ebnete den Weg für den Nachwuchs, und ich war quasi genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Hing man als Student mit den neuen Regie-Stars herum?

Yep, das waren richtige Cliquen. Zum Beispiel Steven Spielberg, Martin Scorsese, der Drehbuchautor John Milius, der "Apocalypse Now" geschrieben hat, und ich. Wir malten uns aus, wie wir die Welt verändern würden. Und zumindest was das Filmgeschäft anging, haben wir das ja auch ein bisschen. Die Filmindustrie wurde damals nicht als der wichtige Industriezweig angesehen, der sie heute ist. Bis eben die sogenannten movie brats kamen, unter anderem von unserer Uni. Spielberg und George Lucas haben mit "Der weiße Hai" und "Star Wars" im Alleingang das erfunden, was wir heute Blockbuster nennen. Spielberg hat es mir dann auch als Koproduzent ermöglicht, meinen ersten Kinofilm zu inszenieren, die Komödie "I Wanna Hold Your Hand".

Da waren Sie gerade mal 26. Wie nervös waren Sie am ersten Drehtag?

Ich war viel zu früh am Set, weil ich vor Aufregung nicht schlafen konnte. Dort tuckerten dann all diese riesigen Trucks an mir vorbei, eine richtige Wagenkolonne voller Crewmitglieder und Equipment. Und ich dachte: Oh mein Gott, für diesen teuren Spaß bist du jetzt ganz allein verantwortlich. Das war so elektrisierend wie erschreckend. Da entluden all diese Menschen ihre Lkw und schauten misstrauisch mich jungen Kerl an, weil sie natürlich nicht wussten: Der Kleine ist der Regisseur.

Wie haben Sie den Tag überstanden?

Spielberg kam an diesem Morgen zu mir und sagte: Bob, egal was passiert, denk immer daran: Es ist nur ein Film! Das ist der beste Ratschlag, den man in dieser Branche bekommen kann, um nicht verrückt zu werden.

Der Film war leider kein großer Erfolg.

Das, mein junger Freund, ist eine sehr nette Untertreibung. Das Ding ist richtig gefloppt, es war furchtbar. Aber jetzt erzähle ich Ihnen mal eine der schönsten Geschichten, die mir je passiert sind und die auch sehr schön beschreiben, wie Hollywood früher war und heute nicht mehr ist. Der Film wurde von Lew Wasserman ins Kino gebracht. Den kennt heute kein Mensch mehr, aber er war über Jahrzehnte einer der härtesten Hunde in ganz Hollywood. Er war unter anderem der Agent von Alfred Hitchcock. Er kannte alle und hatte schon jeden unter den Tisch verhandelt, in seinen Unternehmungen hatte angeblich auch mal die Mafia ihre Finger im Spiel. Und nun musste er mit der Firma, die er damals führte, den Riesenflop von diesem jungen Regisseur Zemeckis erdulden.

Oh, oh . . .

Genau. Am Startwochenende kommen also die desaströsen Besucherzahlen rein. Montagmorgen gehe ich fix und fertig ins Büro und meine Sekretärin sagt: Bob, Lew Wasserman ist am Telefon. Ich war mir sicher, dass er mich hinrichten lassen würde! Also nahm ich zitternd den Telefonhörer in die Hand, und stotterte: Guten Morgen Sir, es tut mir so wahnsinnig leid.

Und er?

Unterbrach mein Gejammer und sagte: Robert, verdammt, jetzt hören Sie mir doch mal zu. Ich habe den Film am Wochenende meinen Enkeln gezeigt. Und sie haben ihn geliebt. Deshalb werden Sie jetzt zwei Dinge tun: Sie gehen sofort nach Hause und schenken sich einen Whiskey ein. Sie werden sich richtig betrinken. Und morgen stehen Sie pünktlich hier auf der Matte und wir planen den nächsten Film.

Großartig!

Das gibt es heute nicht mehr, nach einem Flop bist du in der Regel sofort weg vom Fenster. Danke, Lew Wasserman!

Ihr großer Durchbruch war dann 1985 "Zurück in die Zukunft". Der Film brachte Ihnen den Ruf des Technikvisionärs ein. Aber waren da überhaupt so viele Computereffekte drin?

Ehrlich gesagt, gibt es in "Zurück in die Zukunft" nur etwa 30 nachbearbeitete Einstellungen, was für einen Spielfilm aus heutiger Sicht praktisch gar nichts ist. Die Technik steckte damals ja noch in den Kinderschuhen. Bloß weil es eine Science-Fiction-Geschichte war, dachten die Leute: Wow, da muss Zemeckis aber ordentlich nachgearbeitet haben.

Zur Person

Robert Zemeckis wurde 1951 in Chicago geboren. Er studierte Regie am legendären Filminstitut der University of Southern California in Los Angeles, wo zum Beispiel auch "Star Wars"-Erfinder George Lucas lernte. Nach zwei mäßig erfolgreichen Filmen gelang Zemeckis 1985 mit "Zurück in die Zukunft" der große Durchbruch, es folgten zwei Fortsetzungen. Für "Forrest Gump" wurde er 1995 mit dem Oscar ausgezeichnet. In den Jahren danach drehte er unter anderem die Robinson-Crusoe-Geschichte "Cast Away" mit Tom Hanks und das Pilotendrama "Flight" mit Denzel Washington. Zemeckis ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein neuer Film "The Walk" läuft seit dieser Woche im Kino.

Umgekehrt ist es wohl in "Cast Away" mit Tom Hanks als modernem Robinson Crusoe. Der Film strahlt so eine Zurück-zur-Natur-Atmosphäre aus - aber da haben Sie doch bestimmt viel getrickst?

"Cast Away" ist eine einzige Special Effects-Orgie, mit dem Ziel, dass es nach dem Gegenteil aussieht. Um die Insel, auf der Hanks strandet, waren lauter andere Inseln. Dauernd fuhren Schiffe durchs Bild. Das haben wir alles in der Postproduktion wegretuschiert. Praktisch jede Aufnahme in diesem Film ist digital nachbearbeitet.

"Cast Away" und vor allem "Forrest Gump" gelten heute als Klassiker, bei denen wirklich jeder heulen muss. Wie machen Sie das nur?

Ich versuche, menschliche Eigenheiten aufrichtig zu erzählen. Meiner Meinung nach kann das Kino das besser als jede andere Kunst, weil es so viele Sinne gleichzeitig stimuliert. Bild und Ton in Kombination, damit haben Sie eine unheimliche Macht über die Emotionen der Zuschauer.

Bei welchem Film haben die Dreharbeiten am meisten Spaß gemacht?

Ha, das werde ich sehr oft gefragt. Weil die Leute Freude beim Anschauen haben, glauben sie, wir hätten auch Spaß beim Dreh. Aber einen Film zu inszenieren ist nie besonders spaßig. Während der Dreharbeiten fühlt man sich eher eingeschüchtert, wegen der Verantwortung für das viele Geld, die vielen Mitarbeiter. Das wird auch nie leichter. Denn es wird immer Krisen geben. Und diese Krisen zu managen ist die eigentliche Kunst des Filmemachens.

Wenn Sie am ersten Drehtag ans Set kommen, haben Sie bestimmte Rituale?

Bei jedem Dreh halte ich am ersten Tag eine kleine Rede vor der Crew und schlage auch die erste Klappe. Aber das war's auch.

Können Sie heute besser einschätzen, ob ein Film funktionieren wird?

Überhaupt nicht. Das ist einerseits schrecklich. Aber andererseits ist es auch erleichternd, weil: Die anderen wissen es ja auch nicht. Der große Drehbuchautor William Goldman hat mal gesagt: Niemand weiß irgendwas. Damit ist das Filmbusiness sehr treffend beschrieben. Alles, was ich tun kann, ist mir selbst zwei Fragen zu stellen: Würde ich diesen Film gerne sehen? Und: Könnte ich mir vorstellen, dass auch irgendjemand anders ihn sehen will?

Finden Sie, dass die Digitaltechnik das Filmemachen spannender macht als früher?

Unbedingt! Die einzige künstlerische Grenze ist heute meine Vorstellungskraft. Jetzt sitzen wir noch hier zusammen und unterhalten uns über Computereffekte, aber schon in wenigen Jahren wird das überhaupt kein Thema mehr sein. Wir unterhalten uns ja auch nicht mehr über die Vorteile von Tonfilm. Manche Dinosaurier in Hollywood fürchten sich vor der digitalen Ära, aber ich sage Ihnen: Das wird ganz wunderbar. Weil wir uns dann wieder ganz auf unsere Geschichten konzentrieren können.

Werden wir diese Zukunftsfilme im Kino sehen oder nur noch auf Netflix?

Ich weiß es nicht, doch was mich hoffen lässt, ist, dass das Theater ja auch seit Jahrtausenden existiert. Aber wer kann schon die Zukunft vorhersagen? Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mit Anfang 60 noch Filme mache. Ich dachte, alte Regisseure sollten irgendwie zwangsverrentet werden. Ich war 26 bei meinem ersten Film, da war ein Mann über 60 für mich quasi tot.

Sie gelten, was Budgets angeht, als Mann der Hollywood-Mittelschicht: zwischen Indie-Kino und Blockbuster. Diese mittleren Filme werden aber immer weniger.

Ich bin mir sicher, dass ein Film wie "Forrest Gump" heute keine Finanzierung mehr bekäme. Weil die Studios glauben, dass sie nur mit riesigen Blockbustern ihre Gewinnerwartungen erfüllen können. Sie wollen nur Sachen machen, deren Potenzial bereits getestet wurde. Also adaptieren sie Comic-Hefte und Computerspiele.

Es gibt in Hollywood doch bestimmt jede Menge Schlauberger, die Sie überreden möchten, eine weitere "Zurück in die Zukunft"-Fortsetzung zu machen?

Nur über meine Leiche, und das meine ich wörtlich! Mein Koautor Bob Gale und ich halten die Rechte. Nach unserem Tod, wenn irgendwann das Urheberrecht verfällt, werden sie wahrscheinlich gleich ein Dutzend Sequels drehen. Aber solange wir leben - keine Chance.