bedeckt München
vgwortpixel

Retro-Getränke im Trend:Das Bier von gestern

Bier ist ehrlich, Bier ist Heimat. Bier ist der Stoff, aus dem Erinnerungen sind. Warum die kleinen Traditionsmarken plötzlich Kultstatus haben.

Damals, in St.Pauli, als die Leute noch nicht "Pauli" sagten und es noch die alte Bar gab, in der Freddy Quinn noch viel früher für eine Mark pro Song "Junge, komm bald wieder" auf Bestellung gesungen hat, damals also herrschte einmal große Aufregung in der Hafenstraße. Vermummte liefen schreiend durch die Nachbarschaft: "Die Bullen kommen!" Es gab noch keine Handys, keine SMS und noch keine Blogger; die Revolution musste ihre Truppen noch zu Fuß oder per Fahrrad zusammentrommeln. Die Hausbesetzer verrammelten die Türen. Aber dann: nichts.

Hauptsache retro, Hauptsache "proll": Beim Bier liegt das Ehrliche, Regionale im Trend. Marken wie "Tannenzäpfle", "Astra" und Co. hat das einen Kultstatus beschert.

(Foto: AP)

Das Großaufgebot der Ordnungsmacht ignorierte die bunten Häuser und stürmte den Luxusnachtclub nebenan. Unter Gejohle der Zuschauer wurden bald peinlich berührte Herren und kreischende Damen in die Polizeiautos gesetzt und abtransportiert. "Champagnersäufer!" grölten die Autonomen und zogen sich in den "Onkel Otto" zurück, ihre Eckkneipe. Dort gab es nur einen Stoff: Astra-Pils.

Astra war damals das, was die Leute gern "proll" nannten, allerdings noch ganz ohne den Unterton unserer Tage, denen jeder Rest proletarischer Lebensregungen als kultgeeignet gilt. Es passte, dass das Astra-Bier mit A beginnt, gleich all jenen Erscheinungen des Großstadtlebens, die man in den besseren Vierteln der Hansestadt so sehr beklagt: A wie Autonome, Arbeitslose, Arme, Altona (zu dem St.Pauli gehört) und so fort. So gesehen, war jede genommene Molle Astra im "Onkel Otto" ein klassenkämpferischer Akt; und nebenbei half die treue Anhängerschaft der St.-Pauli-Brauerei zu überleben. Spät kam die Zeit, da erkannte diese jählings, welchen Schatz sie da hütete. Das alte Hamburg mochte verschwinden; aber das Bier war immer noch da, ein ehrliches Gebräu: Wir und unser Bier. Seitdem haben die Werber den Hamburger Original-Proll mit spektakulärem Erfolg herausgekehrt. Da grüßt der Schlachter auf dem Plakat zwischen Rinderhälften hervor, das Bier in der Hand, dazu heißt es: "Zwischen Leber und Milz..." Oder man sieht zwei ältere Herren desillusioniert und emotional stark ernüchtert aus einem Rotlichtschuppen treten, darüber die Schrift: "Aber das Bier war gut."

Jahrzehntelang sollte dem Brauereiwesen das Echte, Alte, Authentische ausgetrieben werden, kauften die Konzerne die kleinen Traditionshäuser nur, um sie dichtzumachen. Es begann das große Brauereisterben. Aber jetzt befinden wir uns mitten im Roll Back. Das Ehrliche, Regionale liegt im Trend; neben Fun- und Spezialbieren ist es der einzige Wachstumsmarkt im Bierwesen, seit die Germanen von der alten Sitte abkommen, den Trunk literweise in sich hineinzuschütten (außer auf dem Oktoberfest natürlich, das nun wieder bevorsteht). Dabei waren die Werber der großen Konkurrenten bestrebt, Bier als verfeinertes Genussmittel zu preisen, das zu Leinenhosenträgern auf Segelyachten ebenso passe wie zu Blondinen im gehobenen Restaurant. Die Astratrinker aber hockten mit ihrer bauchigen Flasche vor der Fischbude oder in der U-Bahn, tranken aus der Flasche und rülpsten; proll eben.

Den Anfang der Retrowelle machte wohl schon vor drei Jahrzehnten die Firma Flensburger, dessen Besitzer, Konsul Emil Petersen, aus schierer Hartschädeligkeit jeder verwerflichen Neuerung trotzte. Er behielt in den Siebzigern, als Einziger im Land, sogar den guten alten Bügelverschluss statt der billigen Kronkorken. Ökonomischer Selbstmord, stöhnten die Berater. Und sie hatten recht. Aber dann kam Werner.

Werner, diese gezeichnete Ausgeburt einer Geisteshaltung, die in gewissen Kreisen Norddeutschlands als Humor gilt, liebte seinen "Bölkstoff". "Das zoscht!!!", grölte das Comic-Wesen und ließ, "fummbbb!!!", den Bügel schnappen. Sogar das Magazin Titanic persiflierte den Bügelboom: "Böllstoff - das Bier, das Sie betroffen macht." Und Flensburger, der alte Dampfer, sank nicht. Offiziell sieht die Firmenstory diesen schönen Erfolg natürlich als Ergebnis umsichtiger Planung: "Unter Konsul Emil Petersen wurde die Firma zu einer der führenden Brauereien Schleswig-Holsteins. Mit Beharrungsvermögen, Durchsetzungskraft, außerordentlichem Weitblick und Zielorientierung legte er den Grundstein des späteren Erfolgs. Entgegen dem Tun der gesamten Konkurrenz wurde die Bügelverschlussflasche beibehalten."