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Resilienz:Ich musste noch einmal ganz von vorne anfangen

Ich musste mit dem Leben noch einmal ganz von vorne anfangen. Wie ein kleines Kind konnte ich mir nicht einmal die Zähne putzen oder die Haare kämmen. Ich war immer sehr sportlich gewesen, hatte jede freie Minute auf dem Fußballplatz, beim Skaten oder Surfen verbracht. Nun hasste ich das Gefühl, meinen Körper nicht zu spüren, die meiste Zeit im Bett zu verbringen, rund um die Uhr von anderen abhängig zu sein und für jede Kleinigkeit um Hilfe bitten zu müssen.

Ich konzentrierte mich hundertprozentig auf die Aufgabe, die vor mir lag: meinen Körper zu stärken und wieder zu Kräften zu kommen. Die Leute haben versucht, mir alle möglichen Wundermittel anzudrehen, aber ich wollte kein Versuchskaninchen sein. In gewisser Weise fiel es mir leichter, die Tatsachen zu akzeptieren, weil ich es selbst verbockt hatte. Ich hatte im Wasser nicht aufgepasst. Es war meine Verantwortung. Und ich wusste sofort: Ich muss unbedingt wieder surfen.

Jesse Billauer

Jesse Billauer: Letztendlich sind wir doch alle nur zeitweise im Vollbesitz unserer körperlichen Kräfte. Früher oder später holen uns eine Krankheit oder das Alter ein, warum also nicht den Augenblick genießen?

(Foto: Catherine Gregory)

Schon bald nach dem Unfall drängte ich darauf, aus der Klinik entlassen zu werden: 'Leute, ich muss hier raus! Ich verpasse doch alles!' Mit Hilfe eines Nachhilfelehrers holte ich das versäumte Pensum an der Schule auf und machte meinen Abschluss mit meinen Klassenkameraden. Sechs Monate nach meinem Unfall zog ich mit einem Krankenpfleger in ein eigenes Apartment, dann zum Studium nach San Diego. Es war mir wichtig, so unabhängig wie möglich zu sein.

Wenn ich im Liegen surfen kann, warum nicht?

ÜberLeben "Ich kann den Zeigefinger ein wenig bewegen"
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Benedikt von Ulm-Erbach bricht sich beim Snowboarden das Genick. Seither ist er querschnittsgelähmt - und ein glücklicher Mensch.   Protokoll: Lars Langenau

Ich glaube, ich habe das Unglück so gut bewältigt, weil ich genau wusste, wofür ich brannte: Surfen. Ich habe nie einen Arzt um Erlaubnis gefragt, ob ich wieder surfen darf, aber schon bald nach dem Unfall kreisten meine Gedanken fast ausschließlich um mein Comeback. Wie konnte ich es zurück ins Meer schaffen? Wenn ich im Liegen surfen kann, warum nicht?

Ich bat meine besten Freunde, die Surf-Champions Rob Machado und Kelly Slater, mich ins Wasser zu tragen und auf ein Surfboard zu schieben. Die beiden haben sich geweigert. 'Was, wenn du ins Wasser fällst? Du wirst in den Wellen treiben wie ein Stück Holz!' Ich konnte ja nicht einmal Schwimmbewegungen machen. Aber ich ließ nicht locker, bis sie schließlich mit mir zum Strand fuhren.