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Reproduktionsmedizin:"Ich bin schuld an unserer Kinderlosigkeit"

Anke T.*, Klientin einer Kinderwunschklinik: Seit drei Jahren versuchen mein Mann und ich, ein Kind zu bekommen, wir sind beide Mitte dreißig. Mir war es immer sehr wichtig, Kinder zu haben. Ich hätte nie damit gerechnet, dass das vielleicht nicht klappt. Jahrelang verhütet man und dann wünscht man sich ein Baby - und es passiert nichts.

Nachdem wir es längere Zeit erfolglos probiert hatten, ließ mein Mann ein Spermiogramm machen. Die Ärzte sagten uns, dass wir wohl auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen werden, weil etwas mit seinen Spermien nicht stimmt. Das war natürlich ein Schock. Wir sind dann zu einem anderen Arzt gegangen, in eine Kinderwunschklinik. Das Spermiogramm dort zeigte ein anderes Ergebnis. Also ließ ich mich untersuchen. Es wurden Myome bei mir festgestellt, Wucherungen in der Gebärmutter. Diese verhindern, dass sich eine befruchtete Eizelle einnisten kann. Da war klar, dass ich schuld bin an unserer Kinderlosigkeit, wenn man das so sagen kann.

Danach folgte eine Odyssee an Arztbesuchen. Ich ließ mich operieren, um die Myome zu entfernen. Wir probierten es zwei weitere Jahre lang - ohne Erfolg. Schließlich entschieden wir, es doch mit einer künstlichen Befruchtung zu versuchen. Meine Myome waren inzwischen nachgewachsen, also musste ich noch einmal operiert werden. Nun ist mein Körper im bestmöglichen Zustand für eine künstliche Befruchtung, deshalb wollen wir nicht länger warten.

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Zuerst werden mir bald Hormone gespritzt. Danach werden mir unter Narkose Eizellen entnommen, in einem Reagenzglas befruchtet und anschließend ohne Narkose wieder eingesetzt. Und dann müssen wir hoffen, dass sich ein Baby entwickelt. Diese Behandlung ist sehr teuer, mehrere tausend Euro, noch mehr, wenn es beim ersten Versuch nicht klappt.

Zum Glück stellen mein Mann und ich fest, dass wir auch in dieser Krise ein gutes Team sind. Ich bin froh, dass wir beide eine künstliche Befruchtung nicht für verwerflich halten. Ich könnte ja auch mit jemandem verheiratet sein, der sich das überhaupt nicht vorstellen kann. Trotzdem ist die Situation oft belastend für unsere Beziehung. Man redet immerzu über ein Problem, was man nicht sofort oder möglicherweise gar nicht lösen kann. Das macht traurig. Auch überschattet es unser Sexualleben, weil die Unbekümmertheit verschwunden ist.

Inzwischen sind wir vorsichtiger geworden mit dem Optimismus. Wenn man drei Jahre lang immer wieder Enttäuschungen erlebt, fällt es schwer, zuversichtlich zu sein. Manchmal überlegen wir uns aus Spaß Babynamen. Oder wir denken darüber nach, dass wir vielleicht Zwillinge bekommen. Bei einer künstlichen Befruchtung kann das ja gut passieren. Oft überwiegt aber die Angst, dass es nicht klappt.

Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen werde, wenn ich nie Kinder bekomme, ich will nicht daran denken. Ich hätte mir nie vorstellen können, keine Kinder zu haben. Nun sehen wir überall in unserem Umfeld Schwangere, nur bei uns klappt es nicht.

Andreas Jantke, Kinderwunscharzt: "In den vergangenen Jahren ist die Hemmschwelle deutlich nach unten gegangen, was künstliche Befruchtung angeht. Der Besuch in der Kinderwunschklinik ist quasi en vogue. Das liegt mitunter daran, dass sich die Leute im Internet über ihre Möglichkeiten informieren. Kaum jemand wartet mehr, bis er vom Gynäkologen geschickt wird. Das ist aus unserer Sicht absolut zu begrüßen - die Leute wurden früher oft jahrelang vertröstet.

Gleichzeitig haben viele Menschen jetzt überzogene Erwartungen an die Reproduktionsmedizin. Wir können nicht jedem helfen und mit zunehmendem Alter wird es auch für uns Kinderwunschärzte schwierig, noch etwas auszurichten. Wir rechnen jeder Patientin vor, wie hoch ihre Wahrscheinlichkeit ist, schwanger zu werden. Bei Frauen, die 44 oder 45 sind, liegt sie in der Regel unter fünf Prozent. Trotzdem gibt es immer wieder Paare, die es dann zumindest noch ein, zwei Mal probieren. An einem gewissen Punkt ist es dann an uns, die Notbremse zu ziehen."