Reportage aus Norditalien Grabenkampf

Vergiftete Hunde, Überfälle, Schmuggel: Seitdem die weißen Trüffeln von Alba wertvoller sind als Gold, herrscht unter den Sammlern ein Krieg, der mit vielen Mitteln geführt wird.

Von Jan Stremmel

Scusi, im Wald ist mal wieder die Hölle los, sagt der Oberwachtmeister und rennt rüber ins andere Büro, wo das Telefon schrillt. Anruf Nummer 21, seit gestern. So oft, sagt der Wachtmeister, klingelt der Apparat hier bei der Forstpolizei normalerweise in einem Monat. Aber der Oktober ist kein normaler Monat. Es ist der Beginn der Trüffelsaison. "Da drehen die da oben komplett durch." Mit "die da oben" meint er: die Trüffeljäger auf den bewaldeten Hügeln rings um die Stadt Alba. 4500 sind es offiziell, dazu kommen noch die Wilderer ohne Lizenz. Macht um die zehn Sammler pro Hektar Wald. "Kein Wunder, dass die da Krieg führen", sagt der Polizist.

Das Telefonat ist erledigt. Mal wieder ein wütender Trüffeljäger, in dessen Revier jemand illegal gegraben hat. Der Mann brüllte, die Forstpolizei solle gefälligst Jagdkameras im Wald aufhängen, damit er beweisen könne, wer der Täter sei. Oberwachtmeister Salvatore Martorana, ein schlanker Mann mit grauem Dreitagebart, lässt sich mit einem Seufzen in den Stuhl fallen. Es ist der neueste Trick in dieser Saison, und er ärgert ihn besonders: Erfahrene Trüffelsucher graben nachts die Wurzeln der Bäume aus, von denen sie wissen, dass die Pilze dort gern wachsen, und ernten die Trüffeln schon unreif. Bevor sie anfangen, zu duften. Bevor also die Trüffelhunde der Konkurrenten sie finden können. Ist natürlich streng verboten, "der Baum und das Myzel gehen dabei kaputt", sagt Martorana. "Aber bei dem Gewinn ist den Leuten inzwischen alles egal."

Aus dem Fenster seiner Amtsstube in Alba, einer kleinen Stadt im norditalienischen Piemont, sieht der Wachtmeister über dem Dach eines Autohauses die Spitzen der umliegenden Hügel. Dort ist seit wenigen Tagen die Jagd auf weiße Trüffel eröffnet. Das teuerste Lebensmittel der Welt. Extrem selten, extrem eigenes Aroma, eine Mischung aus Heu, nasser Erde, Honig und Knoblauch. Für die größten Trüffeln des Jahres werden bei Auktionen jeden Herbst um die 100 000 Euro pro Kilo geboten. Fast der dreifache Wert von Gold. Für einen Pilz, der hier in jedem Wald zu finden ist.

Die Rivalitäten gab es schon immer, sagt Martorana. Aber die Brutalität ist neu. Nicht nur gegen die Natur: Rund fünfmal pro Saison muss die Forstpolizei neuerdings Anzeige gegen unbekannt aufnehmen, weil mal wieder ein paar Trüffelhunde Hackfleischbällchen voller Glassplitter oder Strychnin gefressen haben. Solche Fälle aufklären? Er lacht. "Wie sollen wir fünftausend Männer kontrollieren, die nachts im Wald herumschleichen?" Fünf Beamte der Forstpolizei, ihn eingerechnet, sind hier für 34 Dörfer zuständig.

Der Trüffelkrieg, "la guerra dei tartufi", ist ein fester Begriff in Norditalien. Ein italienischer Privatsender strahlt seit diesem Sommer eine Doku-Serie aus über die harte Konkurrenz der "Trifulai", die sich bewaffnet und in Tarnklamotten jede Nacht Versteckspiele mit Konkurrenten und der Forstpolizei liefern. Die Lokalzeitungen drucken im Herbst fast im Wochentakt Meldungen über plattgestochene Reifen, illegale Grabungen in Privatgärten, Einbrüche bei Großhändlern und einmal, das war 2010, sogar den Mord an einem Trüffeljäger. Private Suchanzeigen für Hunde, die mitten in der Trüffelsaison über Nacht auf mysteriöse Weise verschwunden sind, gehören fast schon zum medialen Hintergrundrauschen.

Typischer Kommentar unter einem dieser Artikel im Netz: "Die spinnen doch komplett! Der Handel mit Trüffeln sollte für zehn Jahre verboten werden, bis sich alle mal wieder beruhigt haben!!"

Wie bitte?, fragt Gianni Monchiero. Vergiftete Köder? Entführte Hunde? Nein, sagt er und grinst. Davon habe er noch nie gehört, wirklich. Und er sei immerhin seit 40 Jahren Trüffeljäger. Trage sein Hund etwa einen Maulkorb? Nein, oder? Eben. Dabei sei ein gut trainierter Trüffelhund wie seiner locker 7000 Euro wert. Und überhaupt: "Es gibt doch genug für alle. Wir sind alle Freunde, tutti amici!" Er grinst noch ein bisschen breiter.

Gianni Monchiero ist Trüffeljäger in vierter Generation. Er geht sonst nur bei Dunkelheit auf die Jagd, auch wenn es verboten ist. "Geheimhaltung ist das Wichtigste."

(Foto: Erik Messori/CAPTA)

Gianni Monchiero ist ein drahtiger Mann in seinen Fünfzigern mit einer Gesichtshaut wie Baumrinde. Er sitzt im Fahrersitz seines staubigen Alfa Romeo, auf dem Schoß sein weiß-rötliches Mischlingsweibchen Lady, und beschleunigt den Wagen einen Pfad am Rand eines Weinguts hinauf. Bald wird es dunkel. Und in den Wäldern über den Weinbergen beginnt die Jagdzeit.

Trüffeljäger wie er genießen hier im Piemont seit Jahrhunderten einen geradezu mythischen, aber auch zweifelhaften Ruf. Im Mittelalter, als es verboten war, nach Einbruch der Dunkelheit die Stadtmauern zu verlassen, durften nur die Trüffelsammler mit Laterne und Hund raus in die finsteren Wälder. Die weiße Trüffel galt damals als Leibspeise der Hexen, die auch in Norditalien seit jeher die Märchen bevölkern.

Es hat dem sagenumwobenen Ruf der Trüffel und auch der Jäger durchaus geholfen, dass es bis heute niemandem gelungen ist, die weiße Trüffel anzupflanzen. Sie wächst nur in wenigen Gegenden mit kühl-feuchtem Klima und kalkhaltigem Lehmboden. Und dort nur unter ganz bestimmten Bäumen in ganz bestimmten Lagen, die nur die Jäger kennen. Während man die schwarze Trüffel längst in Gewächshäusern kultivieren kann, findet die weiße bis heute nur, wer von seinem Vater oder Großvater erfahren hat, wo er suchen muss.

Gianni Monchiero ist Trüffelsammler in vierter Generation. Wenn er wie jetzt auf Jagd ist, trägt er eine olivfarbene Weste mit vielen kleinen Taschen vorne und zwei großen versteckten Taschen hinten im Innenfutter. "In die vorderen kommen die ganz kleinen", sagt er und zieht eine schwarze Knolle hervor. Die hat er immer dabei, um sie herzuzeigen, falls ein neugieriger Jäger auf dem Weg wissen will, wie es so läuft. Irreführung der Konkurrenz gehört zum Geschäft. "Hinten kommen die großen rein." Die er natürlich niemandem zeigt. Vor ein paar Jahren wurde einer seiner Kollegen im benachbarten Asti auf dem Weg zum Markt von drei Männern angehalten, die sich als Polizisten ausgaben. Sie stahlen 400 Gramm frisch gesammelte Trüffeln. Seitdem ist Monchiero vorsichtig.

Piemont ist berühmt für teuren Wein und teure Trüffeln.

(Foto: Erik Messori/CAPTA)

Seitdem immer wieder Sammler angeschossen werden, haben sie die Jagd bei Nacht verboten

Er parkt seinen Wagen unterhalb eines Waldstücks und läuft los. Er lässt das Auto nie direkt dort stehen, wo er sucht. Viel zu auffällig. "Da könnte ich ja auch gleich am Waldrand entlang spazieren oder tagsüber suchen." Nein, "Geheimhaltung ist das Wichtigste", sagt er, während der Hund mit der Schnauze am Boden durch den Wald pflügt. Im Piemont ist es seit einigen Jahren verboten, nachts zu suchen - zu gefährlich, zu viele Unfälle, ist die offizielle Begründung. Tatsächlich gibt es immer wieder Verletzte, weil Wildjäger die Trüffelsammler mit Wildschweinen verwechseln und anschießen. Monchiero setzt wieder sein gerissenes Grinsen auf: "Nachts ist es kühler, da hechelt der Hund nicht und wittert besser."

Erwischt wurde er noch nie. Er hat zwei Lampen dabei: eine kleine, immer auf den Boden gerichtet, damit er nicht stolpert. Und eine größere, die er nur einschaltet, wenn der Hund anschlägt und Monchiero mit nach der Trüffel graben muss. Wie viel er verdient? Grinsen. "Es reicht für mich und meine Mama." Trüffeljäger verkaufen ihre Ware noch in der Nacht an Restaurants oder Großhändler. Sie schreiben keine Rechnungen. Zahlen keine Steuern. Ein erfahrener Jäger, sagt man, verdient in den vier Monaten der Saison sein Jahresgehalt.

Teurer Luxus sind Trüffeln schon seit der Antike. Der ägyptische Pharao Cheops soll sie geliebt haben. Bei den Römern galten sie als Aphrodisiakum, sie waren der Göttin Venus geweiht. Im Mittelalter verbot sie die Kirche zeitweise als dämonisch-sündhaft, über die italienischen Renaissance-Höfe breitete sich das große Trüffelfieber schließlich in Europa aus.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist aber einzigartig. Die Nachfrage steigt ständig, vor allem im arabischen Raum und in Asien. Gleichzeitig schrumpft die Ernte der weißen Trüffeln von Jahr zu Jahr. Der Klimawandel trocknet die Böden aus. Nach einem Winter ohne Schnee, wie den letzten beiden, sinkt der Ertrag oft um ein Viertel. In Frankreich haben Trockenheit und übertriebenes Ernten dazu geführt, dass die Menge an Périgord-Trüffeln im vergangenen Jahrhundert um 96 Prozent zurückgegangen ist. Und die Preise steigen. Bei der Versteigerung der größten Alba-Trüffel der Saison 2007 zahlten Bieter aus Hongkong 143 000 Euro für eine 750 Gramm schwere Trüffel, halb so groß wie eine Bowlingkugel. Macht pro Gramm 190 Euro. Mehr als der doppelte Marktpreis von Kokain.

400 Tonnen

Trüffeln produziert Italien jährlich. Der Großteil davon sind schwarze sogenannte Sommertrüffel. Damit ist Italien der zweitgrößte Produzent der Welt, nach China. Der deutlich aromatischere weiße Trüffel, oder Tuber magnatum, wächst dagegen nur in wenigen Regionen Mittel- und Norditaliens sowie Kroatiens. Klimawandel und Landwirtschaft lassen die Ernte Jahr für Jahr schrumpfen - was den Preis weiter in die Höhe treibt.

Alessandro Bonino kommt gerade aus Dubai zurück, Besuch bei wichtigen Kunden, vorher noch ein paar Tage Singapur. Jetzt ist er, etwas blass, direkt in die Firma gekommen. Bonino ist Vertriebschef von Tartufi Morra, dem bekanntesten Großhändler in Alba. Er steht im Keller neben dem gepanzerten Kühltresor vor einem Holztablett und hebt prüfend hellbraune Knollen an die Nase. Die Trüffeln der letzten Nacht. Sein Bruder Gianmarco hat sie im Morgengrauen bei den Jägern abgeholt, die ihm bis vier Uhr morgens per SMS mitgeteilt haben, dass sie liefern können. Bonino legt die Knolle wieder hin, "noch nicht sehr gut", murmelt er. So früh in der Saison ist das Aroma noch schwach.

Dafür ist die Nachfrage noch verhältnismäßig gering, der Kilopreis für die kleinste Kategorie liegt aktuell bei 4000 Euro, ein Schnäppchen. "Zum Glück essen die Amerikaner zu Thanksgiving Truthahn", sagt Bonino. Zu Truthahn passen weiße Trüffeln nicht. Die USA sind wichtig, wenn dort kurz vor Weihnachten die Nachfrage steigt, schnellt der Preis oft auf 10 000 Euro. Als Bonino Mitte der Neunziger anfing, kostete das Kilo noch 500 Euro. Ihn nerven die hohen Preise: "Je mehr die Trüffeln kosten, desto mehr Ärger haben wir." Mehr Fälschungen, mehr Reklamationen, mehr unangenehme Verhandlungen, mehr Stress.

Um die negativen Auswirkungen des Preisanstiegs zu begrenzen, bildet die Stadt Alba seit fünf Jahren Gutachter aus. Bevor der Trüffelmarkt morgens öffnet, kontrollieren die Gutachter alle Verkäufer, verteilen versiegelbare, nummerierte Plastiktüten und sitzen dann zu dritt am Ausgang des Marktes, falls Touristen ihren Einkauf überprüfen lassen wollen. Manche Händler stopfen Löcher in Trüffeln mit Erde aus, verkleben mehrere kleine zu einer großen Knolle oder färben minderwertige mit Maismehl weiß. Weil man Trüffeln mit dem Herkunftssiegel Alba zum doppelten Preis verkaufen kann, werden längst auch weiße Trüffeln aus Kroatien oder anderen Gegenden Italiens ins Piemont geschmuggelt.

Die Brutalität der Sammler ist neu, sagt Forstpolizist Salvatore Martorana.

(Foto: Jan Stremmel)

Denn der weltweite Erfolg der Alba-Trüffel hat mit einzigartiger Qualität wenig zu tun. Eher mit einzigartigem Marketing. Giacomo Morra, ein findiger Hotelier aus Alba, begann nach dem Zweiten Weltkrieg damit, die größten Trüffeln der Saison an Weltstars zu schicken: Marilyn Monroe, Winston Churchill, den Papst. 1951 sandte Morra die mit zweieinhalb Kilo bis heute größte Trüffel aller Zeiten an den US-Präsidenten Harry Truman. Die Stars bedankten sich, die Zeitungen übernahmen Morras Wortschöpfung "Alba-Trüffel", aus der kleinen Stadt im Piemont wurde eine Marke. Und aus den Trüffeljägern in den Bergen ringsum die Könige ihrer Zunft.

"Ich hasse sie!", ruft Giovanni Negri und stoppt seinen roten Traktor mitten im Wald, vor einer Gruppe alter Pappeln. "Da, links am Baum!" Ein Stück heller Stoff hängt in Kopfhöhe an einem Ast. "Das ist die heimliche Markierung, wo sie demnächst graben wollen." Auf seinem verdammten Grundstück. "Es ist wie eine Invasion", brummt Negri und tritt aufs Gaspedal. Aber was soll er machen? Negri besitzt das höchstgelegene Weingut der Gegend, er macht einen ausgezeichneten Barolo, seine Eltern haben das Land vor 60 Jahren gekauft. Dazu gehören rund zehn Hektar Bergwald. Das Gesetz erlaubt es den Trüffeljägern, überall zu suchen, wo kein Zaun sie daran hindert. Deshalb findet Negri fast jeden Tag Grabspuren vor seinem Haus, Hundekot zwischen den Weinreben, abgerissene junge Bäume.

Giovanni Negri ist ein kompakter Mann mit drahtigen grauen Haaren und einer Lesebrille um den Hals. Bevor er Winzer wurde, war er Politiker, saß als Abgeordneter im Europaparlament, ein streitlustiger Typ. Und Streit hat er hier vor allem mit den Trüffeljägern.

"Die Trüffeljagd bringt nur das Schlechteste im Menschen zutage. Wie im Drogengeschäft"

"Diese Typen haben mir die Kindheit versaut", sagt er. Er hat den Traktor geparkt und steht jetzt auf seiner Terrasse, mit Blick über die sanften Hügelkuppen der unter Weinliebhabern berühmten Langhe-Region bis nach Alba runter. Als er jung war, lebte in der Nachbarschaft ein Mann, der junge Hunde für die Trüffelsuche ausbildete. "Drei Wochen haben die nichts zu essen bekommen außer Wasser mit geschnittenen Trüffeln. Damit sie den Duft nie wieder vergessen. Was glauben Sie, was diese armen Hunde vor Hunger geschrien haben? Jeden Sommer, jede Nacht!" Und es sind ja nicht nur die Hunde, sagt Negri: Letztes Jahr habe ein Jäger einen anderen auf seinem Grundstück mit gezogener Waffe bedroht. Erst im Januar wurde ein Trüffeljäger von einem Baum erschlagen, ein Unfall. Negris Blick sagt: Wer's glaubt. "Das sind zwielichtige Gestalten in einer düsteren Halbwelt, die mehr Geld verdienen, als ihnen guttut." Wenn etwas im Waldboden zu finden sei, was derart hohe Preise erzielt, bringe das nur das Schlechteste im Menschen zutage. "Im Grunde ist das wie im Drogengeschäft."

Händler Alessandro Bonino prüft die ersten Trüffeln der Saison.

(Foto: Erik Messori/CAPTA)

Dabei verdient er ja selbst mit. Sein Barolo wird oft gemeinsam mit Alba-Trüffeln als regionales Feinschmeckerpaket gekauft. Vor ein paar Jahren, erzählt Negri, landeten acht Russen in drei Privatjets in Turin und kamen zu ihm. "Die wollten Wein, nicht den besten, sondern den teuersten. Und dazu drei Kilo Trüffeln. Drei Kilo! Ich hab denen noch versucht zu erklären, dass eine weiße Trüffel nur eine Woche haltbar ist. War denen egal." Sie zahlten 30 000 Euro in bar und flogen nach Zürich. Negri schüttelt den Kopf. Er hat einige Bücher über Wein geschrieben, "aber das nächste Buch wird ein Roman. Über die Schattenwelt des Trüffelgeschäfts."

Es wird ein Thriller.