Reportage Auf der Strecke

An manchen Orten im Land hält der Zug nur noch bei Bedarf. Eine Reise zu Provinzbahnhöfen in Hessen und Thüringen mit der zentralen Frage: Wie wollen wir künftig leben?

Von Ulrike Nimz

Noch immer erzählen sie sich in Kernbach von dem Tag, an dem im Ort ein Zug hielt. Eine heitere Frauenrunde hatte auf der Rückreise von Marburg den Ausstieg verpasst und den Schaffner bekniet, doch einen außerplanmäßigen Stopp einzulegen. Und tatsächlich kam der Dieseltriebwagen kurz darauf zum Stehen - am Haltepunkt zwischen Kernbach und Brungershausen, wo manchmal noch Heuballen stehen, aber keine Fahrgäste mehr, seit die Bahn die Station aus dem Fahrplan strich. Mit Bitte um Verschwiegenheit entließ man die beschwipsten Damen in die Nacht. Aber was bleibt schon geheim in einem mittelhessischen 230-Seelen-Dorf?

Bis zu Andreas Droste hat sich diese Begebenheit rumgesprochen, einem fröhlichen Mann mit festem Händedruck. Er spricht von "Präzedenzfall". Droste wartet am Bahnhof in Caldern, einer von mehreren Bedarfshalten entlang der Strecke. Der Zug stoppt nur, wenn jemand die Haltewunschtaste drückt oder auf dem Bahnsteig wartet. Mehr als 430 Bedarfshalte gibt es im Streckennetz der Deutschen Bahn, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr.

Wer nach Kernbach will, muss von Caldern aus die letzten zwei Kilometer zu Fuß bestreiten oder sich abholen lassen. Droste lenkt seinen Transporter durch das frühlingsgrüne Lahntal, vorbei an einem Arabergestüt und der neuen Fischtreppe. Auf einem Hofgelände mit Scheune, Fachwerkhäusern und Garten endet die Reise.

"Wir sehen den Zug, wir hören den Zug, nur einsteigen können wir nicht."

Seit sieben Jahren betreiben Droste und sein Team hier ein inklusives Wohnprojekt: Familien teilen ihren Alltag mit chronisch psychisch Erkrankten. Menschen also, die mit Ängsten, Depressionen oder den Folgen von langjähriger Drogen- und Alkoholsucht kämpfen, regelmäßig zu Ärzten müssen oder zur Arbeit, aber meist keinen Führerschein besitzen. Auch deshalb wollen sie, dass der Zug in Kernbach nicht nur für beschwipste Damen hält, sondern auch für sie. Stündlich rollt ein Triebwagen der Kurhessenbahn am Ort vorbei, trötend, falls mal wieder ein Schaf auf dem Bahnübergang döst. "Wir sehen den Zug, wir hören den Zug, nur einsteigen können wir nicht", sagt Droste und lädt in die Gemeinschaftsküche. Unter der Decke hängen getrocknete Kräuter, an der Wand bunte Acrylbilder. Bewohner haben sie gemalt; auf allen ist ein Zug zu sehen. Geht es nach Andreas Droste, zeigen die Bilder vor allem eines: den Wunsch nach mehr Selbständigkeit.

Droste, 41, ist Krankenpfleger und Sozialarbeiter. Er hat auf Intensivstationen gearbeitet und in der Berliner Jugendhilfe, viel Stress gehabt, aber kaum Zeit für seine Klienten. In Kernbach gibt es Ruhe und kaum Handyempfang - gut für Menschen, die zu sich selbst finden müssen, in Gesellschaft von Lämmchen, Thüringer Waldziegen und einer Pute namens Hans-Ute.

Wenn die Mieten in den Großstädten Existenzen gefährden und Feinstaub die Gesundheit angreift, wächst die Sehnsucht nach ländlichem, ursprünglicherem Leben. Aber muss, wer sich fürs Wohnen abseits der Zentren entscheidet, nicht auch mit den Nachteilen leben?

Gras drüber: Der Bahnhof in Kraftsdorf, Thüringen, hat schon glanzvollere Zeiten erlebt. Immerhin hält der Zug noch bei Bedarf.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen seit der Bahnreform und der Regionalisierung des Schienenverkehrs. Profitiert haben vor allem Hochgeschwindigkeitsstrecken wie die zwischen München und Berlin. Im ländlichen Raum wurde lange ausgedünnt und stillgelegt. Das Streckennetz der Deutschen Bahn ist über die Jahre um 6000 Kilometer geschrumpft, vielerorts nicht elektrifiziert, gerade im Osten. Dort also, wo die Menschen überproportional häufig mit Bahnmetaphern bedacht werden: Anschluss verloren, Abstellgleis - ist es ein Wunder, dass ein Zug für die Menschen dort manchmal mehr ist als ein Zug?

Im hessischen Kernbach hat die Dorfgemeinde für die Bewohner des Hofes einen eigenen Fahrdienst organisiert. Jeden Dienstagnachmittag bringt ein Kleinbus sie zum Einkaufen ins sechs Kilometer entfernte Sterzhausen. Dieter Tempes sitzt vorn auf dem Beifahrersitz. Ein schwerer Mann mit grauem Bart und reichlich Tattoos. Um seinen Oberarm windet sich ein Koi, auf seinem Unterarm steht in großen Buchstaben das Wort "Freiheit". Seit Tempes 2013 bei einem Motorradunfall das linke Bein verlor, sitzt er im Rollstuhl.

Dieter Tempes, 55, hat in seinem Leben viele Jobs gehabt. Am liebsten sei ihm der am Frankfurter Flughafen gewesen, als Luftpostdisponent, umweht vom Hauch der weiten Welt. An den Wänden seines Zimmers in Kernbach hängen Fotos amerikanischer Ureinwohner, Federschmuck und ein ausgestopftes Eichhörnchen, das Tempes "Mr. Lee" getauft hat.

Vom Einkaufstrip hat er ein Musikmagazin mitgebracht, früher selbst Bass gespielt, in einer Bluesrock-Band namens Die Kackvögel. Nach dem Unfall habe er seine Instrumente verkaufen müssen, das Haus samt Proberaum auch. Seine Schallplatten hat Tempes nach Kernbach mitgenommen, das Vinyl nimmt die halbe Küche ein. Er trinkt jetzt nicht mehr, hört BB King nur noch in Zimmerlautstärke: "Mehr rauskommen, das wäre schön", sagt Tempes. Wenn schon nicht nach Thailand, Indonesien, Hongkong, dann wenigstens nach Marburg auf den Wochenmarkt. Aber die Einstiege der Busse seien für den Rollstuhl zu schmal und ein Taxi zu teuer.

700 Unterschriften haben die Kernbacher inzwischen für einen Bedarfshalt gesammelt, einen Aktionstag veranstaltet und Briefe geschrieben, an den Bürgermeister, die Landrätin, den Ministerpräsidenten. Die Absagen sind höflich und füllen einen ganzen Ordner: der Aufwand zu groß, das Fahrgastaufkommen zu klein, die Kosten für einen neuen Bahnsteig samt beleuchtetem Fußweg kaum kalkulierbar. Immerhin haben sie die Fischtreppe in Kernbach; so kommen wenigstens die Barsche geschmeidig von A nach B.

Dieter Tempes würde gern öfter rauskommen aus Kernbach in Hessen, aber der Zug hält hier nicht mehr.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

270 Kilometer weiter gen Osten, in Kraftsdorf im Thüringer Holzland, haben sie mehr Glück gehabt. Allerdings hat der Ort mit knapp 4000 Einwohnern auch deutlich mehr potenzielle Zugreisende. Wer aus- und einsteigen will, muss sich bemerkbar machen, den Halteknopf drücken oder gut sichtbar an der Bahnsteigkante balancieren. Es soll schon vorgekommen sein, dass ein Zugführer hier trotz Bedarfs durchgerauscht ist, in der Dämmerung oder bei schlechtem Wetter. Wenn das passiert, heißt es warten, 60 Minuten mit Blick auf die Salamifabrik.

Bernd Becker empfängt in der Gemeindeverwaltung, ein kräftiger Mann mit roten Wangen, wenn er lacht, klirren die Kaffeetassen. Seit vier Jahren ist Becker Bürgermeister, er kommt eigentlich aus dem Außendienst. Jahrelang ist er von Baumarkt zu Baumarkt gefahren, ein Automensch, wie so viele Kraftsdorfer.

Die Gemeinde liegt dicht am Hermsdorfer Kreuz. Hier stößt die A9 auf die A4, die Gegend gilt als gut angebunden. Die meisten Menschen nehmen in Kauf, dass die Überschwemmungen zugenommen haben, seit ein Teil des Landes unter Asphalt liegt, sagt der Bürgermeister. Sie arrangieren sich mit dem Lärm.

Becker führt durch den Ort. Es gibt keine Postfiliale mehr und keinen Bankautomaten, aber dafür stabile Einwohnerzahlen. Sie können hier nicht wie im Lahntal mit Araberhengsten dienen, aber der Uhrmacher züchtet Schäferhunde "mit reinem Ostblut". In einem kleinen Laden mit Grill, den sie grinsend "Kraftsdorf-Arkaden" nennen, stößt Beckers Amtsvorgänger auf eine Wurst dazu. Bernhard Bräuner, gerade 70 geworden, war 23 Jahre lang Bürgermeister. Er fährt gern Rad, gelegentlich sieht man ihn mit dem Gleitschirm über dem Ort kreisen.

Bedarfshalte sind im Kursbuch mit X markiert - wie Bäume, die gefällt werden

Bräuner kann sich gut daran erinnern, wie Kraftsdorf Bedarfshalt wurde, nachvollziehen kann er es auch. Bis zur Wende hätten jeden Morgen um die 200 Menschen auf dem Bahnhof gestanden, um nach Gera in die Weberei oder die Werkzeugmaschinenfabrik zu fahren. "Man bekam keinen Sitzplatz." Heute säße an manchen Tagen zwar ein Zugbegleiter im Wagen, aber niemand zum Begleiten.

Das sei nun mal die moderne Zeit. Der Zug halte ja noch, der Anschluss an den Fernverkehr funktioniere. "Alles andere ist Anspruchsdenken", sagt Bräuner und verliert sich dann doch kurz im Gestern: Als die Dorfjugend noch auf die Waggons aufsprang und ein paar Meter mitfuhr. Als sie Löffel auf die Gleise legten und zuschauten, wie Tortenheber draus wurden. "Wenn mich heute jemand fragt, was Heimat ist, dann sind es diese Erinnerungen."

Silberhausen, Paulinzella, Birkenmoor, Bärenhecke - im Kursbuch der Bahn sind die Bedarfshalte mit einem X gekennzeichnet. Das X macht die Leute nervös. Bedarfshalt heißt ja, dass es meistens keinen Bedarf gibt. So ein X sprüht man auch an Bäume, die gefällt werden sollen.

Auch wer in Paulinzella ein- oder aussteigen will, muss sich bemerkbar machen, am besten gut sichtbar an der Bahnsteigkante balancieren.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Dabei hat ein Bedarfshalt mit drohender Stilllegung erst mal nichts zu tun, sondern mit Effizienz. Kann ein Zug durchfahren, spart er Zeit und Diesel, Verspätungen können aufgeholt werden, die Bremsen nutzen sich langsamer ab. An der Technischen Universität Dresden schreiben sie Abschlussarbeiten darüber, wie der Schienenverkehr durch Bedarfshalte reibungsloser laufen kann.

Nun hat der Bahnhof in Kraftsdorf schon bessere Zeiten gesehen, die Fensterfront der Schalterhalle ist blind, das Gelände verkrautet. Immer wieder lässt die Bahn solche verwahrlosten Gebäude versteigern, hier und da bilden sich Genossenschaften, um zu retten, was einst Aushängeschild des Ortes war. In Kraftsdorf gibt es Christine Pöhler. Sie wartet auf der Schwelle des Nachbarhauses, versucht den bellenden Hund vom Tor fernzuhalten: "Der ist meine Klingel." Pöhler, 67, Schiebermütze und raue Hände, hat die ehemalige Bahnmeisterei gekauft, hat hier bis zuletzt ihre kranke Mutter gepflegt. Der Garten grenzt an die Gleise.

Wer zieht in ein Bahnhofsgebäude, dessen Fassade noch Spuren zeigt von Granatsplittern aus dem Zweiten Weltkrieg? "Ich bin ja hier aufgewachsen", sagt Pöhler und lässt sich auf der Bank in der Sonne nieder. Ihr Großvater war Bahnarbeiter, als Mädchen habe sie ihm geholfen, die Weichen vom Schnee freizuschaufeln, sich die Ohren zugehalten, wenn die Dampflok die Ventile öffnete und pfiff, dass man es kilometerweit hörte. Heute sind die Züge leiser und setzen auf der Durchfahrt auch nicht mehr die Böschung in Brand. Seit sie wieder an der Strecke wohnt, lebt Pöhler im Takt der Triebwagen. Kurz vor fünf fährt im Morgengrauen der erste durch, kurz vor ein Uhr nachts der letzte. Zehn Sekunden Dröhnen, sie hört es gar nicht mehr.

In den nächsten zehn Jahren soll die Mitte-Deutschland-Verbindung zwischen Sachsen und Thüringen elektrifiziert werden. Dann könnten modernere Züge öfter und schneller durch Kraftsdorf fahren und, so hofft Christine Pöhler, nicht vorbei. Die Bahn Richtung Erfurt brummt um die Kurve, im Schritttempo an den leeren Bahnsteig heran. Sekundenlang hört man nichts außer Motor und das Bellen des Hundes. Dann steigt tatsächlich jemand aus.