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Reinhold Messner:"Wir lernen nur durch Scheitern"

sueddeutsche.de: Nun mussten Sie sich in Ihrer Sozialisation aber nicht mehr gegen wilde Tiere wehren. Woher kommt die Abenteuerlust?

Messner: Wir hatten in Villnöß, wo ich groß geworden bin, weder ein Schwimmbad noch einen Fußballplatz. Die Möglichkeit, uns auszutoben und uns zu vergleichen, waren kleine Felsen zum Klettern. Die Erkenntnis, dass das Bergsteigen im Grunde die Eroberung des Nutzlosen ist, hatte ich erst später...

sueddeutsche.de: ... als Sie Albert Camus` "Der Mythos des Sisyphos" gelesen haben.

Messner: Camus hat im Grunde die Vorlage für das moderne Bergsteigen gegeben. Ursprünglich sind die Leute ja auf die Berge gegangen, um die Gipfel aus wissenschaftlichen Gründen zu erreichen. Später, um die Gipfel zu erobern, um zu sagen: Ich war als erster da. Dann kam die nächste Phase: Ich bin hinaufgestiegen, um eine bestimmte Schwierigkeit zu überwinden. Nicht mehr der Gipfel war wichtig, sondern der Weg zum Gipfel. Und dann kam die Erkenntnis, dass das Ganze unnütz ist, reiner Selbstzweck.

sueddeutsche.de: Es ist aber nicht unnütz, wenn es Selbstzweck ist.

Messner: Es hat keinen Nutzen für die Gemeinschaft, also ist das Bergsteigen an und für sich unnütz. Umweltschutz darf nicht Selbstzweck sein. Ich akzeptiere ihn nur, wenn jemand wirklich etwas verbessern will. Aber ich will ja nichts verbessern, indem ich auf die Berge hinaufsteige. Ich will Erfahrungen machen für mich.

sueddeutsche.de: Sie haben sich immer wieder in Todesgefahr begeben. Warum?

Messner: Weil ich in die Gefahrenwelt hinausgehe und nicht in eine Als-Ob-Gefahrenwelt. Das ist der Punkt, an dem sich 99 Prozent der Bergsteiger - allen voran der Deutsche Alpenverein - mit mir streiten. Ich behaupte, der Berg ist a priori gefährlich. Jeder Berg. Um einen Berg sicher zu machen, nicht nur für mich, sondern für eine große Zahl von Hinaufsteigenden, muss ich am Berg eine Infrastruktur anbringen: einen Klettersteig, eine Bahn, eine Serie von Hütten und so weiter. Ich aber sage: Das ist ein Sakrileg. Das dürfen wir nur dort tun, wo wir die Bergwelt für den Tourismus nutzen: Wo der Bauer wirtschaftet, hat er die Möglichkeit, von diesem Land zu leben und eine Verpflichtung, diese Landschaft weiterhin zu pflegen. Nutzen und schützen zugleich.

Messner: Über der Waldgrenze macht das keinen Sinn. Warum soll ich in einer Gegend, wo nur Fels ist und Steine und Eis, eine Infrastruktur schaffen? Diese Infrastruktur erlaubt es zwar vielen Leuten, die keine Fähigkeit und auch kein Können haben, hinaufzugehen, wo sie plötzlich in Gefahr sind. Gebe ich dem Trend nach, muss ich die Infrastruktur immer höher hinauftreiben.

sueddeutsche.de: Nun: Die Menschen suchen nach Naturerlebnissen und Spaß.

Messner: Dem Bergsteigen ist dank Alpenverein genau das gleiche passiert wie dem Skifahren. Früher ist niemand auf einer Piste Ski gefahren. Die Leute sind im Winter mit Brettern hinaufgerutscht und wieder heruntergerutscht. Und dann hat man einen Zirkus daraus gemacht. Wo Lawinengefahr herrscht, dann hat man die Hänge mit Stahlgerüsten bestückt. Man packt die Piste ein: Links und rechts ist jede Aktivität verboten. Man hat als Liftbetreiber Verantwortung übernommen, und daraus wurde das Pistenskifahren. Heute passiert das Bergsteigen zu 99 Prozent, bis zum Mount Everest, auf Pisten. Wir hatten den Eroberungsalpinismus, wir hatten den Schwierigkeitsalpinismus.

Wir hatten den Verzichtsalpinismus, den ich geprägt habe: Ich verzichte auf Sauerstoffgeräte, auf Bohrhaken, ich verzichte auf immer mehr. Und heute leben wir im Zeitalter des Pistenalpinismus. Sie werden sehen, in 100 Jahren sagen die Leute: 1990 bis 2020 war die Periode des Pistenalpinismus. Es wird nicht ewig dauern. Es werden junge Leute kommen, die werden das Thema neu besetzen. Sie werden das Bergsteigen völlig neu erfinden. Ich wäre neugierig, wo es dann hingeht.

sueddeutsche.de: Was halten Sie von den jungen Bergsteigern, die jetzt versuchen, die Leistung in punkto Schnelligkeit in die Höhe zu treiben und Speedrekorde am Manaslu oder an der Nose im Yosemite zu erreichen?

Messner: Völlig langweilig, interessiert mich null. Mich interessiert, wie wer mit wie viel Kreativität in die Wildnis geht. Ein Alexander Huber zum Beispiel, der im Felsklettern so viel Kreativität zeigt, der auch die Schwierigkeiten nach oben treibt an Routen, die früher nicht denkbar, geschweige denn kletterbar waren. Natürlich muss man sich dort absichern, das kann er nicht ohne Bohrhaken machen. Dabei geht es auch nicht um die Schnelligkeit oder um die Höhe, sondern darum, ob er das Problem, das er sich selber stellt, das er erfindet, auch löbar ist. Ich habe aber auch nix gegen Wanderer, Trekker, sie müssen alle selber erkennen, was sie tun können.

sueddeutsche.de: Über die Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät haben Sie gesagt: Wir waren nur noch eine einzige nach Luft schnappende Lunge. Ist es dort oben nur noch reiner Wille weiterzugehen?

Messner: Der Wille lässt oben auch nach. Was ist denn unser Wille? Er ist nicht fähig, 100 Prozent aus uns herauszuholen. Dazu ist er nur fähig, wenn es ums Überleben geht. Dann greifen animalische Instinkte. Ein Kamel kann bis zum Umfallen gehen. Dann ist es tot.

sueddeutsche.de: Und Sie wollten beweisen, dass der Mensch durch seine geistig-seelischen Fähigkeiten mehr noch als durch Kraft und Ausdauer über sich hinauswachsen kann und den Mount Everest ohne Sauerstoffflaschen erreichen kann?

Messner: Der Trick, Sachen zu machen, die scheinbar unmöglich sind und die man sich vielleicht selbst nicht zutraut, ist das Verschieben von Vorurteilen. Bei der Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgeräte haben Peter Habeler und ich am Ende nur mehr 50 Höhenmeter in der Stunde geschafft. Damit erschien die letzte Strecke, die man sah, unendlich lang.

100 Höhenmeter: An der Zugspitze schau ich das an und denke, da bin ich in drei Minuten oben. Bei uns entstand das Gefühl, weil das Gehen ja immer langsamer wurde: Der Gipfel kommt nicht näher, sondern rückt immer weiter weg. Es galt zu erkennen, dass das eine Täuschung ist. Wenn ich nur noch 50 Höhenmeter pro Stunde schaffe, muss ich eben zwei Stunden lang mit der gleichen Willensanstrengung weitergehen - das ist eine zuallererst mentale Angelegenheit. So komme ich ans Ziel. Ganz einfach.

sueddeutsche.de: Denkt man in der Todeszone über 8000 Metern noch so logisch?

Messner: Man muss sich mit all den Beschränkungen auseinandergesetzt haben. Das Sich-Auseinandersetzen ist mindestens genauso wichtig wie das Training. Ich behaupte sogar, die mentale Kraft ist wichtiger als die physische Kraft. Die mentale Kraft entsteht nur, wenn ich mich lange mit einer Sache beschäftige. Mentale Kraft ist auch angestaute Motivation. Wenn ich Motivation anstaue, dann wird sie ein Momentum, gebündelte Energie, die in eine bestimmte Richtung wirkt. Sie macht die Möglichkeit auf, das scheinbar Unmögliche - es ist immer nur scheinbar unmöglich - zu schaffen.

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