LGBTQ Solidarität oder Geschäftemacherei?

In diesem Sommer gibt es Schuhe, Socken und zahlreiche andere Produkte im Zeichen des Regenbogens.

(Foto: Erik S. Lesser/Rex Features)
  • Im Jahr 1969 war die Geburtsstunde der modernen LGBTQ-Emanzipationsbewegung.
  • Zum Jubiläum vermarkten Firmen allerlei Regenbogenprodukte: von Uhren bis Rasiergel.
  • Wie das Wirtschaftsmagazin Forbes herausgefunden hat, haben einige dieser Firmen in der Vergangenheit an Politiker gespendet, die explizit homophobe Agenden verfolgen.
Von Jan Kedves

Man muss genau hinsehen: Welcher Regenbogen ist gerade gemeint? Es gibt den Regenbogen mit sieben Streifen, oben violett, unten rot. Das ist der Regenbogen der Friedensbewegung. Oft steht auf ihm das italienische Wort "Pace", Frieden - nun, das ist dann einfach. Wenn derselbe Regenbogen, ohne das Wort "Pace", um 180 Grad gedreht ist, ist es der Greenpeace-Regenbogen. Auf dem Greenpeace-Flagschiff Rainbow Warrior III fliegt darüber die Friedenstaube. Und dann gibt es noch den Regenbogen mit sechs Streifen. Ohne Hellblau. Das ist der Regenbogen, der gerade am häufigsten zu sehen ist: der Pride-Regenbogen.

Mit ihm feiern Lesben, Schwule, Transpersonen und Bisexuelle weltweit ihre Zugehörigkeit zur LGBT-Familie. "Pride" heißt Stolz, und als Symbol des Stolzes gibt es den Pride-Regenbogen momentan auf Turnschuhen, auf Uhrenarmbändern, auf Limonaden- und Bierflaschen, auf Schallplatten, Marmeladengläsern, T-Shirts, Hundehalsbändern, Unterhosen, Rasiergels, Socken, Mundspülungen, Wodkaflaschen, Kaffeebechern, und auf Schutzhüllen für Smartphones. All diese Produkte, und viele mehr, gibt es in speziellen Pride-Editionen, von verschiedensten Herstellern. Es ist ein regelrechter Regenbogen-Konsumrausch.

Ob Pride-Marmelade wirklich das richtige Mittel gegen Homophobie ist?

Man könnte jetzt natürlich fragen: Was bitte sollte in einer freien Welt mit freiem Markt falsch daran sein? Es ist doch sehr nett, wenn die Wirtschaft den fünfzigsten Jahrestag der sogenannten Stonewall Riots in New York zum Anlass nimmt, die LGBT-Bewegung mit Produkten zu überhäufen. Bei den Stonewall Riots wehrten sich in den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 die Gäste der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street gegen eine Polizeirazzia. Drag-Queens, Schwule, Lesben, Transpersonen: Sie hatten die Nase voll von der Polizeischikane. Sie zogen auf die Straßen, es kam zu Zusammenstößen, tagelang. Es war die Geburtsstunde der modernen LGBT-Emanzipationsbewegung.

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In Erinnerung daran kann man sich nun also auch morgens Rasierschaum ins Gesicht schmieren, von der Marke Harry's, die zum Jubiläum der Stonewall Riots eine Pride-Rasier-Box in limitierter Auflage herausgebracht hat, inklusive Rasierhobel in Regenbogen-Optik.

Die kapitalistische Wirtschaft ist nun mal raffiniert. Früher trug man zum Christopher Street Day, bei dem jährlich im Sommer der Stonewall Riots gedacht wird, einen Regenbogen-Anstecker und fand das schon mutig. Oder man schwenkte die Pride-Flagge. Die schien als Symbol viel bunter und optimistischer und historisch weniger belastet zu sein als der Rosa Winkel, das pinkfarbene Dreieck, das die Nazis den Schwulen angeheftet hatten. Eiserne Regel des Kapitalismus: Wenn es Ausdrücke des Wunsches nach Sichtbarkeit einer bestimmten Demografie gibt, werden diese aufgegriffen. Was folgt, ist Überangebot und das Bedienen der Differenz. Apple, Ikea, Levi's, Almdudler, Esprit, Listerine, viele weitere Marken - sie alle denken gerade gerne an ihre LGBT-Kundschaft.

Vielen Menschen, auch aus der LGBT-Community, stößt das auf. Es riecht für sie nach Ausverkauf, nach Geschäftemacherei. Vielleicht sollte man sich aber als queerer Mensch gar nicht allzu grundsätzlich über den Kapitalismus beschweren. Immerhin wäre ohne ihn der Kampf um die Akzeptanz nichtheterosexueller Lebensmodelle nie so erfolgreich gewesen, wie er es bis heute, immerhin, ist. Popsongs, Romane, Filme und ja, auch Wodkaflaschen und T-Shirts haben seit den Stonewall Riots geholfen, die Kunde davon in die Welt zu tragen, dass es nichts Schlimmes ist, lesbisch, schwul, trans oder bi zu sein.

Und fürs Statement-Frühstück: Marmelade mit Regenbogen.

(Foto: Marmelicious)

Als der schwule Gospelsänger Carl Bean 1977 den Disco-Song "I Was Born This Way" sang, war die Ehe für alle noch in weiter Ferne, in der Bundesrepublik stand sogar noch der elende "Schwulenparagraf" 175 im Strafgesetzbuch. "I Was Born This Way" war der erste Hit mit explizit schwulem Text, der von einer großen, kommerziellen Plattenfirma veröffentlicht wurde. Ein starkes Signal. Und natürlich arbeiteten bei Motown Records auch Menschen, die zuerst gerechnet und dann gesagt hatten: Okay, das können wir gut verkaufen, dafür gibt es einen Markt.