Regeln des Ramadan:Die Hölle hat vorübergehend geschlossen

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Regeln des Ramadan: Für Muslime ist der neunte Monat des islamischen Kalenders eine Zeit besonderer Nähe zu Gott.

Für Muslime ist der neunte Monat des islamischen Kalenders eine Zeit besonderer Nähe zu Gott.

(Foto: AFP)

Der Fastenmonat Ramadan bedeutet Verzicht und Besinnung - aber nicht nur: Tagsüber darben, nachts völlern, lautet die Devise der weniger frommen Muslime.

Von Tomas Avenarius

Vorstellen muss man es sich so: einen Monat lang Weihnachten und Ostern, gleichzeitig und in einem Aufguss. Ununterbrochener Feiertagsterror. Gute 30 Tage lang physischer und seelischer Ausnahmezustand, religiöser Furor. Dazu einen Monat fast völliger Stillstand in Behörden, Banken und öffentlichen Institutionen, die vor und nach dem Ramadan ohnehin eher behäbig agieren. Dazu abends und bis spät in die Nacht noch mehr Rambazamba auf den Straßen als die übrigen elf Monate des Jahres. Und einen Monat lang Essen, bis die Plauze platzt. Ohne respektgaukelnde Einfühlung irgendwelcher Kulturversteher: Der Ramadan ist ein Albtraum.

Nur schrecklich? Im Gegenteil. Der Ramadan ist auch schön. Für den frommen Muslim sowieso. Für ihn ist der neunte Monat des islamischen Kalenders eine Zeit besonderer Nähe zu Gott. Während des Ramadan badet der Fromme im Quell seiner Seelenoase, liest im Koran, lässt Suren über die Lippen plätschern. Für ihn ist der Fastenmonat die Zeit des Verzichts, der inneren Einkehr, der Besinnung. Und die anderen, die nicht so Frommen? Halten den Ramadan meist auch ein und genießen das Leben eben nach Sonnenuntergang.

Das gut einmonatige Fasten der Muslime ist mehr als religiöse Tradition. Der Ramadan mit seiner ritualisierten Enthaltsamkeit - von kurz vor Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang -, ist einer der Grundpfeiler der Religion, zählt zu den "fünf Säulen des Islam", ist Pflicht für jeden Muslim. Ihn einzuhalten lohnt im Hoffen auf den Jüngsten Tag: Im Ramadan seien "die Tore des Paradieses weit geöffnet, die Tore der Hölle geschlossen und der Teufel an die Kette gelegt", so der Religionsstifter Mohammed, einer der genialsten Versicherungsagenten des Traums vom Paradies und vom ewigen Leben.

Der Prophet Mohammed

"Wenn jemand die Fasten des Ramadan einhält, aber das Lügen nicht lassen kann, dann kümmert Gott nicht, dass er nicht isst und trinkt."

Wer den Ramadan achte, dem werden "alle lässlichen Sünden erlassen", er hat bessere Chancen auf die Sonnenseite der Ewigkeit. Und nach dem Fastenbrechen sind die lässlichen Sünden ja wieder erlaubt. Die meisten jedenfalls. Es herrschen halbwegs paradiesische Zustände schon auf Erden, und das Fasten hat noch keinem geschadet.

Während des Ramadan darf nicht getrunken, nicht gegessen, nicht geraucht und nicht geliebt werden. Alles, was Spaß macht oder lebensnotwendig ist, bleibt bei Tageslicht verboten. Selbst das Lügen, Tricksen und Schwindeln - bis hin zum sportiven Betrügen im Basar: "Wenn jemand die Fasten des Ramadan einhält, aber das Lügen nicht lassen kann", so der Prophet, "dann kümmert Gott nicht, dass er nicht isst und trinkt."

Der Islam mag streng sein, er ist aber auch zweckgerichtet. Wenn die Kanone kracht - ein Kanonenschuss kracht bis heute in vielen großen Städten der muslimischen Welt, zum Auftakt und zum Fastenbrechen -, wenn die Minarette von den Neonschlangen der sich um die Türme wickelnden Lichterketten beleuchtet werden wie Jahrmarktsbuden, wird das Leben wieder gelebt. Weshalb zum abendlichen Fastenbrechen die Tische vollgeladen werden, bis zum Umfallen gegessen, geraucht, hinter hohen Mauern sicher nicht nur Granatapfel- oder Mangosaft verkostet wird.

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