Reden wir über Liebe "Loslassen ist die kleine Schwester von Vergeben"

"Lass uns Freunde bleiben" - seit Gwyneth Paltrow ist conscious uncoupling en vogue.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

In Frieden auseinanderzugehen, fällt vielen schwer. Dabei macht Conscious Uncoupling alles leichter. Eine Mediatorin erklärt, warum sich die Trennung im Guten lohnt.

Von Violetta Simon

Trennung ist Trauma, sagt Annette Oschmann, deshalb eskaliere sie so oft. Als Mediator und Coach unterstützt die studierte Rechtsanwältin Paare dabei, sich einvernehmlich zu trennen - nach der Methode des Conscious Uncoupling. Bekannt wurde das Konzept der "bewussten Entpaarung" durch die medienwirksame Scheidung von Gwyneth Paltrow und Chris Martin. Es stammt jedoch von Katherine Woodward Thomas, einer Ehe- und Familientherapeutin aus Los Angeles.

SZ: "Lass uns Freunde bleiben": Haben Sie den Spruch auch schon mal gehört oder selbst gesagt?

Annette Oschmann: Allerdings. Der Verlassende bietet das aus schlechtem Gewissen an, um den anderen weniger zu verletzen. Dabei ist er ein klares Signal, dass man sich endgültig entliebt hat. Er bedeutet: Ich finde dich sexuell nicht mehr attraktiv. Das ist schon hart, vor allem wenn der andere noch Sehnsucht nach körperlicher Nähe hat.

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Deshalb funktioniert das wohl auch so selten.

Von einem Tag auf den anderen als gute Freunde intime Dinge miteinander zu teilen, sich gegenseitig bei Partnerschaftsproblemen zu beraten - das widerspricht sich. Zumindest für den Verlassenen.

Sie helfen Menschen, in Frieden auseinanderzugehen. Geht das Konzept des Conscious Uncoupling nicht in eine ähnliche Richtung?

Im Gegenteil. Eine Beziehung übergangslos und unreflektiert in eine Freundschaft münden zu lassen, ist nicht sinnvoll, das heiße ich auch nicht gut. Wir empfehlen, den ehemaligen Partner erst einmal nicht zu umarmen oder ihm körperlich nahe zu sein. Das wäre eine Qual und macht sich später bemerkbar. Eine endgültige Trennung muss sein, gerade, wenn Kinder da sind.

Aber die Kinder leiden doch schon genug, was ist mit Weihnachten oder Geburtstagen?

Ziel ist ja nicht, Familienzusammenkünfte abzuschaffen. Sondern die Regeln neu zu definieren für ein Miteinander als Eltern, das anders funktioniert als die Paar-Konstellation. Conscious Uncoupling basiert darauf, den eigenen Wert zu erkennen. Aus dieser Position heraus kann ich dem anderen gegenüber großzügig sein und solche Situationen gemeinsam meistern - idealerweise in Patchwork, mit neuen Partnern und Familienmitgliedern.

Liz Taylor und Richard Burton stritten sich noch öffentlichkeitswirksam. Seit Gwyneth Paltrows Scheidung von Chris Martin dagegen versichern prominente Paare gern, dass sie in größter Harmonie auseinandergehen.

Einer Trennung haftet immer ein Stigma an, sie stellt das Ideal der Liebe - bis dass der Tod euch scheidet - infrage. Wenn der Partner nicht stirbt, sondern mich verlässt, bin ich gescheitert. Deshalb ist auch das Ablegen des Eherings für die meisten ein großer Akt, sie fühlen sich nackt und minderwertig. Durch einen wertschätzenden Umgang wendet man den Aspekt des Scheiterns ins Positive, man nimmt sein Schicksal in die Hand. Gerade, wenn ein Paar signalisiert, dass es sich gemeinsam um die Kinder kümmert und seine Verantwortung als Eltern wahrnimmt, wird das gesellschaftlich goutiert.

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Klingt sehr vernünftig. Aber tut es nicht auch mal gut, die Fetzen fliegen zu lassen?

Ganz ohne geht es ohnehin nicht. Wir sind soziale Wesen und biologisch darauf programmiert, uns zu binden. Bei einer Trennung wird das limbische System im Gehirn aktiviert, das auch zuständig ist, wenn wir uns verlieben. Es kennt nur ein Ziel: Dieser Mensch soll gehalten werden! Und je geringer die Hoffnung, desto heißer die Liebe, das gilt für den Anfang wie für das Ende einer Beziehung. Nur: Bei der Trennung habe ich die Bindung bereits erlebt, und das Gehirn will noch weniger loslassen. In dem Moment kann Trennung zum Trauma werden - und dieselben Reaktionen hervorrufen wie eine Lebensbedrohung. Dann bricht die Hölle los.

Das macht es zumindest einfacher, sich zu entlieben, oder?

Evolutionstheoretisch brauchen wir Wut und Hass, um uns endgültig von einem Menschen lösen zu können. Dabei sind Wut und Hass nicht das Gegenteil von Liebe - das wäre die Gleichgültigkeit -, sie können ebenso tiefe Emotionen kreieren. Nur dass sie negativ behaftet sind.

Und wohin mit all der Wut?

Wut hat immer zwei Ziele: auf den anderen, aber auch auf sich. Am Anfang muss die Versöhnung mit sich selbst stehen. Das hilft, mit diesen heftigen Gefühlen wohlwollend umzugehen, sich selbst zu beruhigen und der Endlosschleife zu entkommen. So kann Wut sich in etwas Positives verwandeln.

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Gelingt die Versöhnung selbst dann, wenn der Partner seit Jahren eine Parallelbeziehung führt oder kurz nach der Trennung eine neue Familie gründet?

Das ist schwierig. Aber es gibt die kleine Schwester des Vergebens: das Loslassen. Das erfordert einen enormen Kraftakt, weil Selbstzweifel, Schuldgefühle und Scham an einem nagen: Warum habe ich nichts geahnt, habe ich das verdient, bin ich schuld daran? In so einem Fall ist es besonders wichtig, sich mit sich selbst zu versöhnen und zu erkennen: Wo habe ich gegen meine Überzeugung gelebt und mich selbst nicht ernst genommen? Warum habe ich diesen Schwebezustand so lange ausgehalten? Kenne ich das von früher, haben meine Eltern meine Bedürfnisse nicht erfüllt? Beim Conscious Uncoupling ist einer der ersten Schritte, eigene Verhaltensmuster und deren Ursachen zu erkennen.

Gerade für Eltern ist ein versöhnlicher Schlussstrich nicht immer einfach. Sie macht ihn vor den Kindern schlecht, er hält sich an keine Vereinbarung. Wie soll das funktionieren?

Das sind Machtkämpfe, oft liegt es daran, dass einer nicht loslassen kann und noch Wut empfindet. Häufig ist zu beobachten, dass der Umgang mit Vereinbarungen derselbe ist wie damals in der Partnerschaft, wo die Pläne des einen schon immer Vorrang hatten oder einer den anderen nicht ernst nahm. Da braucht es Konsequenzen und klare Grenzen. Solche Grenzen helfen, mit sich ins Reine zu kommen und gut für sich zu sorgen. Beim ersten Mal erschrickt man noch, aber dann fühlt es sich frei an. So kann ich auch wieder leichter auf den anderen zugehen.

Wenn eine kinderlose Beziehung auseinandergeht, sehen sich die Partner womöglich nie wieder. Wozu da der Aufwand?

Weil das gut für einen selbst ist. Wir erinnern uns daran, wie Dinge enden, verbrannte Erde überlagert oft die Erinnerung an die ganze Beziehung. Wer keinen bewussten und versöhnlichen Schlussstrich zieht, bringt sich selbst um die Möglichkeit, zu verstehen. Und daran zu wachsen.

Dann wirkt sich eine friedliche Trennung positiv auf die nächste Partnerschaften aus?

Genau. Weil die Voraussetzungen dafür dieselben sind wie bei der Wahl des richtigen Partners: Eigenverantwortung übernehmen, raus aus der Opferrolle und erkennen, was mich antreibt. Partner sind weder Mutter noch Vater noch Kind, jeder darf vom anderen erwarten, dass er für sich selbst sorgt. Wenn ich für mich eintrete, kann ich dem anderen auf Augenhöhe begegnen. Wenn ich weiß, was mir gut tut, höre ich auf zu meckern und zu nörgeln. Dann kann ich lieben.

Gibt es Fälle, bei denen selbst Sie sagen: Das wird nichts, die Verletzung ist zu groß?

Manche sind so schwer traumatisiert, das man an die Grenze kommt, die brauchen erst einmal einen Psychologen, bevor sie den nächsten Schritt machen können. Aber dass der Mensch fähig ist, seine Einstellung und seinen Umgang mit bestimmten Situationen zu verändern, daran glaube ich - darauf fußt die ganze Verhaltenstherapie.

Was haben Sie im Laufe der Jahre über die Liebe gelernt?

Liebe ist eine zarte Pflanze, die man hegen und pflegen kann - durch gesunde Selbstliebe, Lob und indem man im Gespräch bleibt. Selbstaufgabe, Meckern und Druck sind Gift für sie.

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