Reden wir über Liebe "Liebeskummer ist bei uns verpönt"

Männer leiden oft länger, weil sie ihren Liebeskummer verheimlichen.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Wer verlassen wurde, versucht sich abzulenken und den Liebeskummer zu verdrängen. Coach Silvia Fauck erklärt, warum es gerade für Männer manchmal heilsam ist, traurig zu sein.

Von Oliver Klasen

Silvia Fauck arbeitet als Liebeskummer-Coach in Berlin. Wer zu ihr kommt, ist meist zwischen Mitte 30 und Anfang 50. Fauck ist häufiger Gast in Talkshows und Autorin mehrerer Ratgeberbücher zum Thema Liebeskummer. Am liebsten arbeitet die 64-Jährige mit Männern, weil die in ihr "Mutti Fauck" sehen, die zuhört und hilft. Mit SZ.de spricht sie in der Serie "Reden wir über Liebe" darüber, wie unterschiedlich die meisten Frauen und Männer Liebeskummer erleben und was die besten Bewältigungsstrategien sind.

SZ.de: Als ich das letzte Mal Liebeskummer hatte, habe ich tagelang Songs der Achtzigerjahre-Band "The Smiths" gehört. Furchtbar traurige Lieder, über das Verlorensein, über das Losertum, über nicht erfüllte Liebe. War das eine gute Strategie?

Silvia Fauck: Es war okay. Ich bin dagegen, dass man sich zu schnell und mit aller Gewalt ablenkt. Das Unterbewusstsein braucht Zeit, um eine Trennung zu verarbeiten. Alles, was man verdrängt, kommt, sobald der Druck nachlässt, wieder an die Oberfläche. Sich zu erlauben, eine Zeitlang traurig zu sein, kann sehr heilsam sein.

Aber dann kommen Freunde und sagen: Komm mit ins Kino, zum Konzert oder auf eine Party. Damit du auf andere Gedanken kommst.

Das ist nett gemeint, hilft aber in der ersten Phase nicht weiter.

Was hilft dann? Wie wäre es, alle Gegenstände, die mich an den Partner erinnern, mit dem Hammer zu zertrümmern?

Ich rate eher, alle Erinnerungsstücke in eine Kiste zu packen und auf den Dachboden oder in den Keller zu stellen. Nicht in den Müll, denn die Partnerschaft ist zweifellos Teil meines Lebens. Vielleicht möchte ich eines Tages ja meinen Kindern davon erzählen und ihnen Fotos zeigen.

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Gut, also kein Hammer. Hilft es, das Erlebte aufzuschreiben?

Ja, viele schreiben gerne und sagen später, dass ihnen das sehr geholfen hat. Oft entsteht daraus auch ein Brief an den früheren Partner. Den man übrigens niemals, unter keinen Umständen, abschicken sollte. Der dient nur der Trauerbewältigung.

Ist es sinnvoll, sich mit einer Affäre abzulenken?

Gerade Männer tun das oft, weil es das Selbstwertgefühl aufbaut. Sie glauben dann: Wow, ich konnte sofort wieder eine neue Frau aufreißen. Aber dieses Hoch hält höchstens ein paar Tage an. Selbst wenn die Affäre länger dauert, trauern die Betroffenen der alten Liebe weiter hinterher. Genau diese Männer sitzen nach einem halben Jahr bei mir in der Beratung.

Haben Männer anders Liebeskummer als Frauen?

Männer trifft es in der Regel härter. Frauen gehen in dem Sinne pragmatischer damit um, weil sie es jedem erzählen. Männer verstecken ihren Liebeskummer, teilen sich viel weniger mit und es kostet sie wahnsinnig viel Kraft, sich die ganze Zeit zusammenzureißen.

Okay, da war ich offenbar eine Ausnahme. Ich befürchte, ich habe meine Freunde sehr genervt, als ich Liebeskummer hatte.

Ja, auch das kommt vor. Dann sage ich: Lassen Sie jetzt mal Ihre Freunde in Ruhe. Denen geht es wahnsinnig auf den Keks, wenn sie nach Monaten immer wieder dieselben Geschichten hören müssen. Erzählen Sie es lieber hier, für mich gehört es zum Job.

Nächste Bewältigungsstrategie: Sport. Wird ja oft empfohlen.

Ist auch sehr gut. Es lenkt effektiv ab und wirkt sich zusätzlich positiv auf die Gesundheit aus. Funktioniert bei Männern fantastisch, bei Frauen nicht ganz so gut. Offenbar wirken bei ihnen die Glückshormone, die beim Sport im Gehirn ausgeschüttet werden, nicht in gleichem Maße wie bei Männern.

Pflegt unsere Gesellschaft einen vernünftigen Umgang mit Liebeskummer?

Nein, Liebeskummer ist bei uns verpönt. Liebeskummer hat etwas mit Schwäche zu tun. Gerade Männer gestehen sich die selten ein. Deshalb werde ich auch so selten weiterempfohlen. Meine Klienten haben mich entweder in einer Fernseh-Talkshow gesehen oder sie googeln "Liebeskummer" - heimlich, still und leise.

Was war der schlimmste Liebeskummer, den Sie jemals hatten?

Das war vor 14 Jahren, ich war damals fast 50, so etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Meine Freunde sind schon nicht mehr ans Telefon gegangen. Ich habe selbst abends um elf noch angerufen, um wieder und wieder die Geschichte zu erzählen. Eines Tages bin ich im Schlafanzug ins Krankenhaus gefahren, weil ich dachte, ich springe gleich vom Dach. Dort haben sie mir ein Beruhigungsmittel fürs Wochenende gegeben und mich an einen Arzt verwiesen. Ich war völlig außer Kontrolle, nahm ein Jahr lang Antidepressiva.

Wie erkenne ich, dass ich krank werde vor Liebeskummer?

Wenn man länger als sechs Wochen nicht richtig schläft, nicht richtig essen kann, zu viel Alkohol trinkt und so gar nicht die Kurve bekommt, dann sollte man sich Hilfe suchen. Etwa, um zu klären, warum die Beziehung zerbrochen ist - womöglich ist es etwas Gravierendes, was man in der Trauer nicht wahrhaben will. Ein guter Ansprechpartner ist am Anfang auch der Hausarzt. Denn wir dürfen nicht vergessen: Liebeskummer ist auch eine körperliche Schockreaktion. Wer nach einer langen, glücklichen Beziehung plötzlich verlassen wird, hat eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Da kommt man nicht immer alleine raus. Viele brauchen phasenweise zum Beispiel ein leichtes Schlaf- oder Beruhigungsmittel.

Erfährt derjenige, der verlassen wurde, die wahren Gründe für die Trennung?

Am Anfang nicht. Da kommen immer die gleichen Floskeln: "Es liegt nicht an dir, aber ich will jetzt frei sein" und ähnlicher Mist. Ganz selten sagt der Partner ehrlich: Wir passen in diesen und jenen Punkten nicht zusammen und noch seltener gibt er zu, wenn er sich in jemand anderen verliebt hat. Dabei ist das der häufigste Grund.

Warum diese Lügen?

Wer geht, will nicht zusätzlich verletzen. Ist nachvollziehbar, macht es aber nur schlimmer. Denn es kommt immer raus. Nach ein paar Wochen spricht die verlassene Frau ihren Ex-Partner an und fragt ihn: Hör mal, du hast doch seit einem halben Jahr eine Geliebte? Typische Antwort ist dann: Nein, nein, das ist erst seit letzter Woche.

Wäre es für die Verlassenen einfacher, die volle Wahrheit zu erfahren?

Absolut. Zu hören, ich liebe dich nicht mehr und mein Herz gehört jetzt jemand anderem, kann auch eine Erlösung sein. Man hat eine Begründung, mit der man arbeiten kann, und man weiß: Völlig egal, was ich tue, völlig egal, ob ich ständig anrufe oder mich zurückziehe, ich bin jetzt machtlos. Ich muss mein eigenes Leben in den Griff bekommen.

Wie hält man es mit dem Kontakt zum Ex-Partner - besteht die Chance, dass die Beziehung wieder auflebt?

Das Schlimmste, was man machen kann, ist eine SMS nach der anderen zu schicken, ständig anzurufen, unverhofft vor der Tür zu stehen. Eine Kontaktsperre ist fast immer gut. Wieder anzuknüpfen an die Beziehung geht nur, wenn man sich sehr lange nicht gesehen hat. Wenn man andere Dinge erlebt hat, den anderen zu den Akten gelegt und sich ein eigenes Leben aufgebaut hat, vielleicht zwischendurch sogar einen anderen Partner hatte. Wenn man nach sechs Wochen wieder im Bett landet, ist das nur ein Aufflackern, das bringt nichts. Ich mache den Job jetzt 14 Jahre und weiß inzwischen: In den Fällen, in denen es wieder eine gute Beziehung wurde, hatten die Leute mindestens ein Jahr keinen Kontakt.

Kann Liebeskummer auch eine bereichernde Erfahrung sein?

Ich habe das früher immer abgestritten und gesagt, ich hätte den Liebeskummer nicht gebraucht. Aber ohne diese Erfahrung wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Auch meine Klienten sagen, der Liebeskummer hat sie gelehrt, in der nächsten Partnerschaft mehr auf sich selbst zu achten, ihren Freundeskreis zu pflegen und nicht mehr alles nach einem Menschen auszurichten.

Was ist für Sie wahre Liebe?

Das Wichtigste ist die Ehrlichkeit zu sich selbst, gegenseitige Achtung und dass man einander genug Raum lässt. Liebe braucht Luft, wenn sie lange halten soll.

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