So schwierig wie diesmal war es noch nie, da waren sich viele Löserinnen und Löser einig. Der Weg zum versteckten Osterei führte von einem frivolen Schriftsteller und einer Sklavenhalterin über das Geburtshaus des Rechenmeisters Adam Ries und die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen zu einem einsamen Bildstock im Wald. „Was für ein Ritt“, schrieb ein Finder: „Ich bin am Ende. Aber glücklich!“
I. Die seltsamen Behälter
In der Vergrößerung wirkten sie fast wie handgefertigte Gefäße, in Wirklichkeit waren es winzige Eier: In jedem wartete eine GESPENSTSCHRECKE darauf, zu schlüpfen.

Zu den bekanntesten Arten gehören einerseits die Wandelnden Blätter, die sich mit verblüffender Ähnlichkeit zu angewelktem Laub tarnen, andererseits jene Stabheuschrecken, die aussehen wie dürre Äste. Dazwischen gibt es Hunderte bizarre Formvarianten, und fast noch vielgestaltiger als die Tiere selbst sind ihre Eier. Die Weibchen haben verschiedenste Methoden entwickelt, sie zu platzieren: Manche lassen sie einfach fallen, andere schleudern sie mit einem kräftigem Schwung des Hinterleibs fort; einige kleben ihre Eier an Blätter, wieder andere drücken sie in den Boden.
Und was den Hinweis zur „beunruhigenden“ Bezeichnung anging: Tatsächlich ist die Schrecke etymologisch mit dem Schrecken verwandt, beides kommt vom althochdeutschen scricken für „aufspringen“.
II. Das alte Schriftzeichen
Nicht nur Cicero ist der Nachwelt ein Begriff geblieben, auch sein Sekretär Tiro: Noch jahrhundertelang benutzte man die von ihm entwickelte Kurzschrift, die Tironischen Noten. Eines seiner Zeichen hat sogar bis in die Moderne überlebt, nämlich das Kürzel für und, lateinisch et: Der halbhohe Haken, ähnlich geformt wie die Ziffer 7, ist heute noch in den gälischen Sprachgebieten zu sehen, also in Teilen Irlands und Schottlands. Das Foto im Rätsel zeigte einen Schachtdeckel der irischen Posts and Telegraphs.
In der deutschen Frakturschrift wurde das tironische Et noch bis weit ins 19. Jahrhundert benutzt, wenngleich nur in der Abkürzung für et cetera: Man setzte den tironischen Haken und ein c.

Heutzutage bleibt das et erhalten, nur noch das cetera wird verkürzt zu c. Und wem etc. dann nicht ausführlich genug ist, der kann es mit einem pp. aufplustern – auch wenn weithin unbekannt ist, was es bedeutet: Das p steht für PERGE, den Imperativ des lateinischen Verbs pergere, weitermachen, fortfahren. Im Ganzen bedeutet etc. pp. also: „… und das Übrige, fahre fort, fahre fort!“
III. Das unlesbare Gedicht
Ein großes Durcheinander, auch hinsichtlich der Abstände: Viele Wörter bestanden nur aus einem Buchstaben oder zweien, vor manchem Komma saß ein unnötiges Leerzeichen, anderswo fehlte eines. Wer daraus schloss, hier seien nicht nur die Buchstaben durcheinandergeraten, war der Lösung schon nahe: Jedes Leerzeichen stand für ein E – und umgekehrt. Tauschte man die beiden aus, so entstand schon fast ein lesbarer Text, allerdings noch mit Wörtern wie „gespnocher“: Offenbar waren auch N und R vertauscht. Und Wörter wie „Sitlle“ verrieten, dass T und I ebenfalls zu tauschen waren. Nach diesen drei Wechseln stand das Gedicht intakt da:
Neun Monate war er gestorben,
als man ihn seinem Sarg entnahm
und setzte ihn, das Fleisch verdorben,
auf jenen Thron, von dem er kam.
Die Schuld des Toten ward gesprochen,
Sie gruben ihm ein ehrlos Grab.
Auch dessen Stille ward gebrochen:
Zum Tiber warf man ihn hinab.
Dort barg ein Bruder seine Leiche,
begrub ihn neu, zum dritten Mal.
Nicht lang blieb er im Erdenreiche,
bis dass ein Nachfolger befahl:
Ins Haus des Fischers holt ihn wieder!
Mit seinesgleichen dort vereint
ruh’n heute seine bleichen Glieder.
Sag: Wessen Knochen sind gemeint?
Diese minderen Verslein bedienten sich aus einer notorischen Fundgrube rätseltauglicher Kuriosa: der Geschichte des Vatikans.

Beschrieben ist die „Leichensynode“ aus den Jahren 896 und 897, als Papst Stephan VI. seinen Vorvorgänger FORMOSUS exhumieren ließ, den Kadaver in vollem Ornat auf die Cathedra setzen und anklagen ließ, er habe sich das Papstamt zu Unrecht angemaßt gehabt.
IV. Das aufgeklebte Gebirge
Wenn „5 CT“ auf der alten Briefmarke nicht für 5 Cent stand, wofür dann? Bei den Vorgängerwährungen des Euro wurde man erst fündig, wenn man auf die Idee kam, es könne sich um kyrillische Buchstaben handeln: Der aufgedruckte Wert betrug 5 Stotinki. So hieß die Untereinheit des bulgarischen Lew, bis das Land vor wenigen Monaten dem Euro beitrat. Die Marke aus dem Jahr 1967 zeigte den Goljam Persenk, einen Gipfel in den Rhodopen, dem Gebirgszug im Süden Bulgariens, der bis nach Griechenland hineinreicht.

Gesucht war zudem ein sehr häufiges Element: Den größten Massenanteil auf Erden stellt neben dem Sauerstoff (und Eisen, wenn man den metallenen Erdkern mitbetrachtet) das Silizium. Ersetzt man den vorletzten Buchstaben der Rhodopen durch das chemische Kürzel für Silizium, so erhält man RHODOPSIN, jene Substanz in unseren Augen, die das Sehen bei schwachem Licht ermöglicht: Trifft auch nur ein einziges Photon auf solch ein Molekül, so verändert dieses seine Form und löst damit eine Kaskade immer größerer Reaktionen aus, die schließlich in ein Signal an den Sehnerv münden. Kleine Ursache, große Wirkung, damit das Gehirn möglichst jedes Lichtteilchen registriert.
V. Das unvollständige Quadrat
Von nun an wurde es immer kryptischer: Mangels ausformulierter Fragen musste man selbst herausfinden, was überhaupt zu tun sei. Die angedeuteten Randlinien der Tabelle schienen ja nur darauf zu warten, ergänzt zu werden. Aber was bedeutete die Anweisung „I…IV → C…U“?
Die römischen Zahlen, rot gedruckt, bezogen sich augenscheinlich auf die bisherigen Passwörter I bis IV. Sortierte man all ihre Buchstaben alphabetisch, bildeten sie eine Folge von C bis U, das passte also. Über dem Pfeil stand ergänzend „ØØ“, doch damit waren keine skandinavischen Buchstaben gemeint: Die Antworten I bis IV umfassten 38 Buchstaben, das Raster bot aber nur 36 Felder. Erst wenn man zwei Buchstaben tilgte („ØØ“ hieß: Streiche zwei O), ließ sich der Rest zeilenweise ins Raster eintragen: CCDEEE / EEEFGG / HHI…
In den Zeilen- und Spaltenköpfen saßen die Zahlen von 1 bis 16 scheinbar wahllos gruppiert. Doch horizontal und vertikal tauchte jede nur einmal auf, sodass jedes Zahlenpaar einen Schnittpunkt bestimmte: Die 1 stand in der zweiten Spalte und in der zweiten Zeile, das entsprechende Feld enthielt ein E. Die Zahl 2 führte zum N, und so weiter, perge, perge. Auf diese Weise bildete sich das Passwort ENTDECKUNGSREISE.
VI. Die nackenden Mägdchens
Schon wieder ein verschlüsselter Text, diesmal immerhin mit Anleitung. Das Banner „X + A = Y“ verwies auf eine Variante der bekannten Chiffriermethode, Wörter miteinander zu verrechnen: Setzt man für jeden Buchstaben seine Position im Alphabet, von A = 1 bis Z = 26, so kann man ein codiertes Wort lesbar machen, indem man ein Schlüsselwort addiert – welches man freilich erst mal kennen muss. Mit dem soeben ermittelten Passwort „Entdeckungsreise“ klappte es: Die Buchstaben der Geheimbotschaft (AMAJ…, also 1-13-1-10 …) plus jene des Schlüssels (ENTD…, also 5-14-20-4 …) ergaben den Klartext (6-27-21-14 …), nämlich: „Faunen und Liebesgoetter und nackende Maegdchens, in einem poetischen Brennofen gebildet, scherzten ohn’ Aufhoeren im funkelnden Grase.“ Es ist ein Satz aus dem Jahre 1764, zu finden im „prosaischen comischen Gedicht“ Wilhelmine von Moritz August von Thümmel.

Heute ist sein Name fast vergessen, doch zu Lebzeiten war Thümmel ein höchst populärer Autor, noch ein Jahrhundert später beschrieb Meyers Konversationslexikon sein Erfolgsrezept: „eine Fülle ächten Humors“ und „Reichthum an Beobachtungen“, dazu „Frivolität und lüsterne Leichtfertigkeit“. Sein Durchbruch war die Wilhelmine, von Goethe als „kleine geistreiche Komposition, so angenehm als kühn“ gelobt, auch weil Thümmel darin über seinen eigenen Stand, den Adel spottete.
Zu diesem Zweck kleidete er eine profane Handlung (ein Dorfmädchen, vor Jahren an den Fürstenhof gebracht, kehrt nun wieder und heiratet prunkvoll den Pastor) in schwülstig feierlichen Ton: Eine „arme geraubte Najade der Elbe“ bedeutet einfach einen Eimer Wasser, und der Satz mit den nackenden Maegdchens beschreibt das figürliche Zuckerbackwerk auf der Hochzeitstafel (deshalb auch der BRENNOFEN, er war das gesuchte Passwort).
Damit trat das Rätsel in eine neue Phase ein: Thümmel wurde zum Begleiter auf dem Weg zum Osterei – einem Suchspiel mit so vielen Winkelzügen und möglichen Schleichwegen, dass manches hier nur angerissen werden kann. Stets gleich blieb fortan das Prinzip „X+A=Y“: Wann immer eine Zeile codiert war, ließ sie sich mit dem jeweils vorherigen Passwort entschlüsseln.
VII. Die beiden Sternbilder
Für heutige Augen ist die Kurrentschrift vergangener Jahrhunderte eine Herausforderung. Jene im Rätsel gestattete sich obendrein ein paar individuelle Formen, aber mit etwas Beharrlichkeit war sie zu entziffern: „Dem Spötter zur Ehre“ lautete die Überschrift. Von wem war hier die Rede?
Die Spielanleitung hatte angekündigt, dass nun jeder Rätselabschnitt auf den vorherigen aufbauen würde – der „Spötter“ war Moritz August von Thümmel. Und die gesuchte „Ehre“ wurde ihm dort zuteil, wo er 1817 gestorben war, in Coburg: Auf seiner Grabstätte erhebt sich ein sieben Meter hoher Obelisk voller Symbole, teils Grabmalmotivik, teils auf sein Werk bezogen.

Ganz oben ein Skorpion in einem Sternenkranz, zuunterst zwei brüderliche Knabenfiguren: Im Rätsel fanden sie sich wieder, als die Sternbilder Skorpion und Zwillinge. Auch „Die Gerissene“ und „Die Reißende“ waren auf dem Obelisken zu entdecken: die gerissene Saite einer Lyra; und ein Fluss, eingraviert in solcher Höhe, dass man die beigesetzte Inschrift ELBE vom Boden aus kaum bemerkt.
Eine Zickzacklinie im Rätsel teilte das Passwort entzwei: „Die Gerissene“ sollte fünf Buchstaben beitragen, „Die Reißende“ vier – wobei eine Notiz anwies, den ersten Buchstaben der ELBE hinter den vierten zu setzen, das ergab LBEE. An den vorgegebenen Stellen mit der SAITE verschränkt, fügten beide sich zum SALBEITEE.
VIII. Die begrabene Gräfin
Fünf Lückentexte wie „Landgut in — und“ waren hier aufgestapelt. Und wieder half es, die vorherigen Rätselschritte stets im Kopf zu behalten: Es handelte sich um Fragmente aus Thümmels Wilhelmine, hier etwa aus dem Satz: „Junge Haselstauden und wohlriechende Birken verbauten diß Landgut in Schatten, und versueßten dem fleißigen Tagloehner die entkraeftende Arbeit …“ Füllte man alle fünf Lücken, so vervollständigte man zugleich einen zweiten, senkrecht dazu verlaufenden Lückentext, nämlich einen Hinweis aufs nächste Ziel: „Zum Osterfeste läßt die Sonne am Morgen den kurzen Weg zur Graefinn im Schatten.“
Gemeint war der Schatten des Obelisken, hier war man ja zuletzt stehen geblieben. Je nach Osterdatum schwankt der Punkt des Sonnenaufgangs in Coburg zwischen 88 Grad Ost und 68 Grad Ostnordost, in jedem Falle fällt der Schatten gen West bis Westsüdwest – und dort führt ein kleiner Pfad ins Gebüsch, zu einem weiteren Grabmal, mit einer Sanduhr darauf. Auch das Rätsel zeigte hier eine Sanduhr, zur Bestätigung, dass man die richtige Gräfin gefunden hatte:
„HIER RUHET / ADRIENNE ELISABETH GRÄEFIN / VON CORNEILLAN / GEBORNE BENNELLE DE LA JAILLE / GEBOREN DEN 15TEN DECBR 1755 ZU PARAMARIBO IN / SÜD AMERICA, ENTSCHLIEF SIE SANFT DEN / 17TEN APRIL 1822 ZU COBURG“

Die Inschrift ist verwittert und moosbewachsen, der Geburtsort fast nicht mehr zu lesen, nur noch zu ertasten. Oder online zu recherchieren, jedenfalls näherungsweise: Die Familie Benelle de la Jaille betrieb eine Zuckerplantage mit Hunderten Sklaven in der niederländischen Kolonie Suriname. Wer mutmaßte, Adrienne Elisabeth sei vielleicht in der Hauptstadt geboren, konnte es direkt überprüfen: PARAMARIBO erwies sich als korrektes Schlüsselwort, um das nächste Feld IX zu öffnen.
IX. Der alte Rechenmeister
„Ersetze die Festung im Namen der Stadt durch diese Ligatur“, lautete die entschlüsselte Anweisung. Es ging um den Wortteil …burg in Coburg – und die Ligatur war hier im schriftkundlichen Sinne zu verstehen: als Verschmelzung zweier Buchstabenformen wie beispielsweise Æ. Die Federstriche und s-förmigen Schnörkel im Rätsel wiesen auf einen anderen Fall: Auch der Buchstabe ß ist historisch eine Ligatur, nämlich aus einem ſ (der langen s-Form) und, je nach Kontext, einem s oder z. Setzte man ein ß anstelle der „Festung im Namen der Stadt“, so bildete sich Coß – ein längst veraltetes Wort, verwandt mit dem italienischen cosa: In der Algebra der frühen Neuzeit nannte man die Variable so. Und auch algebraische Rechenbücher wurden als Coß bezeichnet.
Das vielleicht bekannteste stammt von einem hiesigen Prominenten: In Staffelstein, keine zwanzig Kilometer südlich von Coburg, kam Adam Ries zur Welt. Wer das Manuskript seiner Coß aufspürte, fand die Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein: Das handschriftliche ß im Titel ließ sich exakt aus den Federstrichen und Schnörkeln im Rätsel zusammenpuzzeln.

Auf den Rechenmeister Adam Ries bezog sich auch der nächste Hinweis: „Geh von der Wiege des Meisters gen“ – es folgte ein unbekanntes Zeichen – „über den Platz, so übertrittst du“ – es folgte ein N auf einer gepunkteten Linie. Kein normales N, denn sein linker Stamm war ein Doppelstrich: Bis vor einigen Jahrzehnten war dies das mathematische Zeichen für die natürlichen, also positiven ganzen Zahlen (heute verdoppelt man eher die Diagonale als den Stamm). Ein Blick auf die Landkarte verriet, wo man hier eine Linie mit ganzzahligem Wert übertreten konnte: Direkt neben Ries’ mutmaßlichem Geburtshaus verläuft der 11. Längengrad Ost mitten durch den Marktplatz.
Im Rätsel erstreckten sich zwei Uhrzeiger entlang dieser Meridianlinie und deuteten auf zwei keilförmige Symbole, als wären es Zahlen auf einem Zifferblatt. Und tatsächlich waren es Zahlen – nämlich osmanische. In der arabischen Schrift sind die Ziffern anders geformt als unsere landläufig „arabisch“ genannten, aber eigentlich indischen Ziffern. Auf Uhren aus dem Osmanischen Reich (und solchen, die in Europa für den osmanischen Markt produziert wurden) findet man eine besonders stilisierte Form der arabischen Ziffern, eben die im Rätsel gezeigte. Wenn der Meridian dort durch die osmanischen Zahlen 12 und 6 lief: Dienten diese womöglich als Himmelsrichtungsanzeiger? Nord auf der 12, Süd auf der 6? So war es, wie sich sogleich bestätigen würde.

Auf die Anweisung „Geh von der Wiege des Meisters gen …“ folgte eine osmanische 2. Von Ries’ Geburtshaus in Richtung zwei Uhr, also nach 60 Grad Nordost, sind es nur ein paar Schritte über den 11. Längengrad hinweg zum ehemaligen Gasthof Goldener Stern. Das alte Fachwerk umschließt mehrere Inschriftenfelder, und eines davon war im Rätsel ansatzweise wiedergegeben. In jüngster Zeit hat man das Feld gröblich überstrichen, sodass nur noch mit Mühe zu entziffern ist: „VERTRAV / DEIN HEIMLICHKEIT / NIT IEDRMAN AVFF / ERDEN ES KAN DEIN / BESTER FREVND DEIN / ERGSTER FEIND NOCH / WERDEN“. Das Passwort HEIMLICHKEIT gab den Weg frei zum Finale.
X. Das versteckte Osterei
Als „Gottesgarten“ bezeichnen Reiseführer diese Gegend, auch wegen der beiden Klöster Banz und Vierzehnheiligen, die hier wie zwei Wächter von ihren Hügeln herabblicken. So lag es nahe, dass der entschlüsselte Hinweis „XIV AUX“ für die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen stand, die Basilika der „XIV auxiliatorum“. Im Rätsel war ein Längsschnitt durch den zentralen Gnadenaltar skizziert: Eine Grube in seiner Mitte gibt den Blick auf den Erdboden frei, jene Stelle, wo im späten Mittelalter einem Schäfer die vierzehn Nothelfer erschienen sein sollen.

Siebzig Meter südlich davon (die Richtung war angedeutet durch einen Uhrzeiger auf eine osmanische 6), verzeichnete das Rätsel einen Punkt, der nun eine Peilung ermöglichte: Eine gerade Linie, vom Bad Staffelsteiner Fachwerkfeld mit dem argwöhnischen Spruch kommend und durch diesen Punkt führend, wies genau zum versteckten Ei.
Die Richtung war somit bekannt, fehlte nur noch die Entfernung: In der anderen Hälfte des Rätselfeldes sah man wieder die bekannten Uhrzeiger, angebracht an der gleichen auffälligen Nabe, die zuvor in Feld IX einen Punkt auf dem 11. Längengrad markiert hatte. Genau westlich davon (einer der Zeiger wies über eine osmanische 9 hinaus) war nun ein Hundeschädel verzeichnet, dazu der Hinweis „Ursache der Schwierigkeiten“. Gemeinsam bildeten sie eine Anspielung auf die Redensart „Da liegt der Hund begraben“ – und das war buchstäblich als Ortsangabe zu verstehen: Im Callenberger Forst wurden seit 1846 die Hunde der hiesigen herzoglichen Familie bestattet; einige der alten Grabsteine stehen noch, andere sind verfallen, erst im vergangenen Jahrzehnt sind neue hinzugekommen. Die Stelle liegt exakt anderthalb Kilometer vom Thümmel-Obelisken entfernt, oder „3 HALBE KM VOM 3FLAMMENSTEIN“, wie es im Rätsel hieß: Wer das Grabmal genau betrachtet hatte, konnte darauf drei Flammen zählen.

Für die Suche musste der Hundefriedhof nicht betreten werden, seine Kenntnis genügte, um die Nabe der Uhrzeiger zu lokalisieren: genau östlich der Hundegräber und bekanntermaßen auf dem 11. Längengrad. Landschaftlich ist dieser Nabenpunkt uninteressant, umso bedeutsamer war er für die letzte Peilung: Von hier aus wies der andere Uhrzeiger zum Ziel – in Richtung eines O, so schien es. Dies war aber kein Kürzel für Ost, sondern eine osmanische 5 (im Arabischen ist diese Ziffer annähernd kringelförmig, für die Null hingegen steht ein Punkt).
Richtung fünf Uhr also, das bedeutete 150 Grad Südost. Eine beigefügte Notiz präzisierte diese Angabe: „Warte noch zwölf Sekunden!“ Welchen Winkel überstreicht ein Uhrzeiger in dieser Zeit? Hier konnten weder Sekunden- noch Stundenzeiger gemeint sein, sie hätten unbrauchbar winzige oder übergroße Werte ergeben; aber beim Minutenzeiger sind es ¹²/₃₆₀₀ eines Kreises, das macht 1,2 Grad. So korrigiert, auf nunmehr 151,2 Grad Südost, wies der Zeiger exakt zum Ziel: Seine Verlängerung kreuzte den anderen Pfeil, jenen von Bad Staffelstein über Vierzehnheiligen, nach achtzehn Kilometern – und zwar genau an einem Bildstock, wie es im Rätsel skizziert war.
Die Albertsmarter ist nicht leicht zu finden, sie steht in einem Forst nahe Lichtenfels. Als sie 1708 errichtet wurde, führte hier noch ein Weg entlang, aber heute bietet diese Säule im dichten Wald einen beinahe unwirklichen Anblick. Gleich daneben erhebt sich eine stattliche Buche, und „post arborem“, also hinter diesem Baum, lag Deutschlands bestverstecktes Osterei. Auf seiner Rückseite trug es das zehnte Passwort: ZENSUICUBUS, so bezeichnete Adam Ries in seiner Coß die sechste Wurzel einer Zahl.

Insgesamt 89 Fundmeldungen gingen bei uns ein, indes auch diese Nachricht: Wenige Tage vor Einsendeschluss kam das Osterei samt Kiste abhanden (ob durch Spielverderber oder eine Wildsau, ist unbekannt). Schnell wurde in Onlineforen vom Verlust berichtet, und edle Löser hinterlegten ersatzweise ein Blatt mit dem Passwort, später gar ein neues Ei. Die Nachgekommenen und der Rätselautor danken herzlich – möge trotz zwischenzeitlicher Enttäuschung doch die Freude am großen Rätselabenteuer überwogen haben!
Oft erreicht uns die Frage: Warum dieser tollkühn hohe Schwierigkeitsgrad? Zum einen, weil wir einem stillen Dorf oder Wäldchen nicht Hunderte plötzliche Besucher zumuten wollen – zum anderen schätzen viele Löserinnen und Löser diese ganz besondere Herausforderung, einmal im Jahr. Wie ist Ihre Meinung? Und sind noch Fragen offen? Wir freuen uns auf Ihre Mail an osterei@sz.de
